Führungsangelegenheiten

Wieder so ein Zeitungsbericht über eine eher unspektakuläre Randerscheinung der Digitalisierung: Audio-Guides seien im Trend. Nun, diese digitalen Führer gibt es schon lange, hauptsächlich in Museen. Vor einigen Jahren sahen sie noch aus wie zu groß geratene Walky-Talkies; doch die elektronische Entwicklung hat sie schrumpfen lassen. Inzwischen werden die elektronischen Führungen mehr und mehr auch übers Smartphone abgewickelt, eine durchaus sinnvolle Angelegenheit. Vor allem ist man dabei nicht auf Innenräume wie Museen angewiesen, sondern kann interessierte Besucher auch durch Städte leiten.

Ob solche Audio-Guides keine Bedrohung der klassischen Reiseleiter seien, wollte man von Markus Müller-Tenckhoff, Vorsitzender des Verbands Berliner Stadtführer, wissen. Die Antwort, basierend auf langjährigen Berufserfahrungen, ist interessant: “Die Vermittlung von Wissen braucht auch eine Beziehung, über den persönlichen Weiterlesen

Musterländle

Nein, ich meine nicht die Schweiz, sondern Estland, das uns in regelmäßigen Abständen als Musterland präsentiert wird – als Musterland der Digitalisierung. Diesmal war es in einer Heute-Sendung im ZDF: Lobpreisung in höchsten Tonlagen, ein Land mit Vorbildcharakter.

Bargeld? Mit so einem Ballast gibt man sich dort doch nicht mehr ab; praktisch alle Esten (oder Estländer?) bezahlen mit Karte oder Smartphone. Lehrer? Ja, die gibt’s noch, vor allem aber steht auf jedem Arbeitsplatz im Klassenzimmer ein Laptop mit Internetanschluss. Ob da noch auf Papier geschrieben wird, ob da noch Schulbücher benutzt werden, ging aus dem Bericht nicht hervor, ebensowenig die Funktion des Lehrers. Ist wohl nicht so wichtig. Papierakten? Völlig überflüssig, man kann doch alles Weiterlesen

Onlinehandel – Ideallösung?

In der Überschrift steckt eine rhetorische Frage. Natürlich ist der Onlinehandel nicht die Ideallösung. Er bietet einige Vorteile wie Bequemlichkeit (vor allem) oder das totale Warenangebot für alle, egal an welchem Ort. Die nachteiligen Auswirkungen auf das urbane Leben dürften bekannt sein: aussterbende Innenstädte, Insolvenzen am laufenden Band. Vor allem aber ist der Onlinehandel eine der stärksten Triebkräfte für das Sammeln und Analysieren persönlicher Daten zu Werbezwecken. Die Welt wird von einer mittlerweile alles dominierenden Werbeindustrie geprägt – oder auch verunstaltet, wenn man es etwas kritischer formulieren möchte.

Ein Problem, das ich hier besonders herausgreifen möchte, ist der Verlust an persönlicher Beratung. Der führt zu grotesken Situationen. Es gibt Kunden, die sich im Geschäft beraten lassen, dann aber die Bestellung über das Internet durchführen, weil Weiterlesen

“Die Politiker und das Postfaktische”

So die Überschrift eines Zeitungsberichtes in der IVZ (18.8.17) über eine Rede des Medienwissenschaftlers Prof. Jochen Hörisch. Ein Aspekt seiner Rede war die Verschiebung der “Wirkmächtigkeit von Sprache”, da die “Einflussmöglichkeiten traditioneller Autoritäten” mit der Internet-Revolution zurückgegangen seien. Im Netz könne jeder alles sagen, das Gute und Gerechte ebenso wie das Falsche und Abwegige. Im Sinne der Demokratie sei das begrüßenswert, doch systematische Desinformation nehme überhand. Der enorme Anstieg von Fake News sei eine Folge. Die Wahrheit werde weniger von Fakten bestimmt als vielmehr von einer Welt, wie sie einem als wünschenswert erscheine. Besonders auffällig sei dieses Phänomen in der Politik. “Der postfaktische Politiker wird zum Massentypus und zur Gefahr für die Demokratie.”

Mit diesen Feststellungen fasst Hörisch das zusammen, was heute allgemein erkannt wird und was ich in verschiedenen Beiträgen auf diesem Blog vertreten habe – zugegebenermaßen mitunter etwas überspitzt und natürlich ohne wissenschaftliche Stützgerüste, wie sie nur ein gestandener Wissenschaftler wie Hörisch bieten kann.

Was meine Aufmerksamkeit an Hörischs Rede erregt hat, ist die Konsequenz, die er aus der Sitution zieht: Aufmerksame, kritische Journalisten könne man nicht hoch genug schätzen. “Qualitätsmedien müssen besser sein als das Grundrauschen des Internets.” Dieses könnte nach meiner Meinung ein wichtiger Ansatz sein, der nicht nur für den Journalismus gilt. Das Internet bietet einige Chancen, keine Frage, es macht aber auch vieles kaputt. Und deshalb ist es außerordentlich wichtig, nicht alles auf das Internet zu setzen, sondern bewährte, moralisch gesicherte Strukturen als Gegenpol zum Internet gezielt zu fördern und zu pflegen.

Dazu gehört, wie von Hörisch betont, der saubere, gut recherchierende Journalismus. Dazu gehören aber auch Dinge wie die Bargeldzahlung, die den wuchernden Online-Handel mit seinen unpersönlichen, beratungsarmen und werbeintensiven Verkaufsstrategien in Grenzen halten kann. Dazu gehört das Buch aus Papier, das Literatur anfassbar macht. Dazu gehören Musik und Video auf konkreten Datenträgern, die Kultur zum persönlichen Besitz machen und dem oberflächlichen Vorbeirauschen des internetbasierten Streamings entgegenwirken. Dazu gehören Geschäftsunterlagen auf Papier (jawohl), um die unbehebbare Unsicherheit des Internets im Falle eines Falles nicht zum großen GAU werden zu lassen.

Dieses sind nur einige Beispiele, die darauf verweisen sollen, dass das Internet trotz seiner Vorzüge niemals zur alles beherrschenden Informationsstruktur bzw. Lebensader werden darf. Muss ja auch nicht.

Risiken und Nebenwirkungen

Bedeutsame Erfindungen oder technische Entwicklungen haben das Zeug, die Leute zu Begeisterungsstürmen hinzureißen – oder auch mit Ängsten und Albträumen zu überschütten. Es gibt Hoffnungen und Befürchtungen, doch was nun berechtigt ist, zeigt sich erst in der Zukunft. Die Erfahrungen haben gelehrt, dass beides irgendwie Berechtigung hat. Oder anders formuliert: Praktisch jede neue Technik, mag sie auch noch so enorme Fortschritte ermöglichen bzw. das Leben der Menschen verbessern, hat ihre negativen Auswirkungen, quasi Risiken und Nebenwirkungen. Hier ist Klugheit gefragt, die Fähigkeit der Abwägung, was wiederum verlangt, dass die positiven als Weiterlesen

Verarscht – ohne es zu merken

Man muss schon genau hinschauen, um wahrzunehmen, wie die Sache läuft, zum Beispiel die Sache mit Werbung, die von Google in Webseiten eingeblendet wird. Gestern ging ich auf die Seite von Graupner, zum einen, weil mich Fernsteuerungen interessieren, zum anderen um festzustellen, ob es diese Firma überhaupt noch gibt. Es gibt sie noch, und so trieb ich mich einige Minuten auf der Webseite herum.

Heute bekam ich auf einer ganz anderen Seite, die weder mit Graupner noch mit Fernsteuerungen oder Modellbau etwas zu tun hat, ein Werbebanner eingeblendet, das zwei Typen von Graupner-Servos präsentierte. Zu dieser Einblendung bot Google Infos an, die ich neugierig anklickte. Na ja, irgendeine Beschreibung der Vorgänge, zwischen unverbindlich und gerade so informativ wie nötig angesiedelt. Dann aber durfte ich wählen, wobei der zweite Punkt besonders interessant war: mir wurde angeboten, selbst zu entscheiden, welche Art von Werbung Google auf den von mir besuchten Seiten einblenden dürfe oder solle.

Also alles wegklicken und dem kommerziellen Geschehen die kalte Schulter zeigen? Klar, das geht, und mancher, der sich dafür entscheidet, wird sich beruhigt zurücklehnen und das Gefühl haben, sich der Aufsicht von Google entzogen zu haben. Genau hier beginnt die Verarschung, denn die Überwachung durch Google wird genau so laufen als hätte man den Verein auf Knien gebeten, einen mit Werbung zu überschütten. Das einzige, was nun nicht mehr geschieht, das ist die Einblendung der allenfalls lästigen Werbebanner. Und wenn man noch hingeht und nicht alles wegklickt, dann liefert man Google einen herrlich ausgefüllten Fragebogen über seine Interessen.

Auch wenn man sich im Internet beherrschen soll (ich tu’s auch meistens), muss ich doch eines rauslassen: Nach meinem Rechtsgefühl ist Google eine kriminelle Bande. Leider deckt sich mein Rechtsgefühl nicht mit dem der herrschenden Politikerklasse und erst recht nicht mit dem der Amis, die das globale, digitale Geschehen nach ihrem Willen gestalten.