Digitale Vorbilder

Die Stimmen in Politik und Medien, die den digitalen Rückstand Deutschlands gegenüber Ländern wie China, USA oder Estland bejammern, werden einfach nicht leiser. Zwar habe ich schon einen Beitrag zu diesem Thema verfasst, aber die Wucht, mit der man in Deutschland die Digitalisierung vorantreiben will, zwingt mich förmlich dazu, meine Meinung noch etwas klarer, etwas nachhaltiger zu äußern.

Dass es in der Digitalisierung einen erheblichen Nachholbedarf gibt, ist nicht nur die Haltung der Medien und der Politik, sondern weit verbreitete Meinung in unserem vermeintlich so rückständigen Land. Eigentlich unfassbar! Überlegen wir mal, was die Digitalisierung in China bedeutet. Jeder (!) Einwohner soll lückenlos überwacht werden, wobei das Verhalten ständig analysiert und berwertet wird. Die Menschen in China werden, sobald in einigen wenigen Jahren die Digitalisierung abgeschlossen sein wird, wie gehorsame Schafe in einer gigantischen Herde von manipulierten und folgsamen Bürgern dahinvegetieren, aus Angst ein ständiges Wohlverhalten an den Tag legend. Und da China von einem absoluten Regime regiert wird, kann man das chinesische System durchaus als eine Verkörperung von Orwells Vision “1984” auffassen. und zwar in einer gesteigerten Weiterlesen

Mit Volldampf in die Schule

Großer Aufbruch in eine bessere Zeit: Der Digitalpakt soll’s ermöglichen. Mit Milliarden will der Bund den Ländern unter die Arme greifen, damit diese endlich, endlich, endlich ihre Schulen zu Orten des Lernens machen können. Und natürlich braucht man dazu Tablets, Smartphones, W-LAN – kurz, alles was so im digitalen Zeitalter das tägliche Leben ausmacht. Dumm nur, dass einige Länder auf ihre förderalen Rechte pochen und selbst die Schullandschaft gestalten wollen. Dafür verzichten sie gerne (erst mal) auf das Geld, denn das Grundgesetz modelt man nicht einfach so um. Überhaupt gibt’s ja noch andere Wege, als über eine Grundgesetzänderung den Ländern was Gutes zu tun. Nicht wahr?

Nur in der Hauptsache stimmen sämtliche Länder mit dem Bund, ja mit allen Bürgern überein: Die Digitalisierung der Schulen muss kommen, und zwar umgehend und umfassend. Keine Kompromisse mehr, denn schließlich wird es allerhöchste Zeit, dass die Kinder und Jugendlichen etwas lernen. Smartboards, Smartphones, smarte Tablets, smarte Differenzierung und smarte Leistungsmessung sind die adäquaten Weiterlesen

In vollen Zügen …

Jeder weiß es: Wenn man mal nicht gut schlafen kann, dann nimmt man evtl. eine Schlaftablette. Wer gleich 20 davon auf einmal schluckt, wird möglicherweise im Sarg aufwachen. Oder wenn man mal mit Freunden in gelockerter Atmosphäre plaudern möchte, kann ein Glas mit gutem Wein sehr anregend und belebend wirken. Doch wer gleich zwei Flaschen Wein in sich hineingießt, wird den Abend noch lange danach verwünschen.

Das ist so eine Sache mit dem richtigen Dosieren, vor allem von Dingen, die das Leben schöner und angenehmer machen und deshalb dazu verführen, so richtig hinzulangen. Aber ich will hier nicht von der Maßlosigkeit in persönlichen Angelegenheiten sprechen, damit muss jeder selbst fertig werden. Mir geht es in Weiterlesen

Der letzte Nazi

Unsere Tageszeitung rief vor einigen Tagen die Leser auf, ihre Meinung zu dem angelaufenen Prozess gegen den 94-jährigen ehemaligen SS-Wachmann im Konzentrationslager Stutthof zu äußern. Es gab eine rege Beteiligung an der Diskussion, und die Ansichten waren, wie nicht anders zu erwarten, gespalten. Zu lange her, zu alt, irgendwann abhaken, das waren die Äußerungen der einen Seite. Die andere Seite betonte die Pflicht der Deutschen, alle Nazi-Verbrechen zu ahnden, und: Mord verjährt nicht.

Ich muss gestehen, dass ich Probleme mit den Meinungsäußerungen habe; ich finde mich dort kaum wieder. Was bei mir ein tiefes Unbehaben auslöst, ist nicht das Alter des Angeklagten, auch nicht die gut 70 Jahre, die seit den Geschehnissen vergangen sind, sondern der Grad der Beiteiligung des Angeklagten. Er war Wachmann und hat pflichtgemäß seinen Job erfüllt, ohne – wahrscheinlich – an der Ermordung der Weiterlesen