In vollen Zügen …

Jeder weiß es: Wenn man mal nicht gut schlafen kann, dann nimmt man evtl. eine Schlaftablette. Wer gleich 20 davon auf einmal schluckt, wird möglicherweise im Sarg aufwachen. Oder wenn man mal mit Freunden in gelockerter Atmosphäre plaudern möchte, kann ein Glas mit gutem Wein sehr anregend und belebend wirken. Doch wer gleich zwei Flaschen Wein in sich hineingießt, wird den Abend noch lange danach verwünschen.

Das ist so eine Sache mit dem richtigen Dosieren, vor allem von Dingen, die das Leben schöner und angenehmer machen und deshalb dazu verführen, so richtig hinzulangen. Aber ich will hier nicht von der Maßlosigkeit in persönlichen Angelegenheiten sprechen, damit muss jeder selbst fertig werden. Mir geht es in diesem Beitrag um gesellschaftliche Maßlosigkeit. Die gibt es nämlich auch: Dinge, die an und für sich gut für die menschliche Gemeinschaft sind, die aber, in einem Übermaß genossen, schlimme Auswirkungen haben können.

Nehmen wir die Mobilität. Mobilität gilt heute als Wert an sich, der unter keinen Umständen in Frage gestellt werden darf. Sicher, Mobilität bedeutet zunächst mal Freiheit, Bewegungsfreiheit. Mobilität eröffnet den Zugang zu anderen Gefilden, Mobilität ermöglicht Flexibilität, z.B. im beruflichen Umfeld. Mobilität erweitert den Aktionsradius und schafft Synergien. Also absolut positiv, diese Mobilität.

Aber grenzenlose Mobilität? Um überhaupt Grenzen ausmachen zu können, muss man bereit sein, die negativen Aspekte der Mobilität zu sehen. Die gibt es nämlich, und ab einem bestimmten Punkt überwiegen sie sogar die Vorteile. Stellen wir uns vor, wir würden unsere Mobilitätswünsche zurückschrauben, sagen wir auf die Hälfte. Also halb so viel Autos auf den Straßen, halb so viel Leute in den Bahnen usw. Das hieße auch: halb so viel Kohlendioxid- und Feinstaubbelastung auf den Straßen, halb so viel Stress im Stau, halb so viel Verbrauch von Energieressourcen, bürgernähere Geschäfte und damit Belebung des innerstädtischen Lebens, halb so viel Fluglärm usw. usw. Ein dutzend Fliegen würden mit einer Klappe geschlagen, und etliche Probleme würden an der Wurzel behandelt. Und das nicht, indem gänzlich auf Mobilität verzichtet würde, sondern einfach durch sinnvolle Dosierung auf ein vernünftiges Maß. Es kommt darauf an, den Punkt auszumachen, wo die Sache kippt, wo Vorteile gegenüber den Negativauswirkungen ins Hintertreffen gelangen.

Es gibt weitere Fälle für gesellschaftliche Maßlosigkeit, Globalisierung z.B. Globalisierung ist gut, ja sogar unerlässlich, wenn es um Verantwortung für die Welt geht. Aber Globalisierung belastet, denn die Menschen sind nun mal verschieden und wollen sich in ihrem eigenen Land oder in ihrem eigenen Kulturkreis kuscheln. Zuviel Globalisierung überlastet und führt zu gefährlichen Spannungen. Oder denken wir an die wirtschaftlichen Auswirkungen. Globalplayer sind mehr oder weniger Monopolisten mit einer kaum noch zu bremsenden Marktmacht. Auch der ungehemmte, weltweite Güterverkehr kann nicht nur vorteilhaft sein.

Oder die Vernetzung, komischerweise oft in naiver Vereinfachung als “Digitalisierung” bezeichnet. Das Internet ist eine tolle Sache, auf deren Vorteile ich hier gar nicht eingehen muss, denn sie sind hinlänglich bekannt und werden von fast jedem Erdenbürger täglich erfahren. Und dennoch gibt es auch beim Internet Maßlosigkeit, die sich äußerst schädlich auswirkt. Die gravierendste Maßlosigkeit ist der hemmungslose, ungezügelte Verkehr in den digitalen Netzwerken. Kein Mensch kann echten Kontakt zu hundert, tausend oder zehntausend Menschen haben, und doch werden Kontakte gesammelt und gehortet, als ginge es darum, die Welt in die Tasche zu stecken. Das Smartphone, so wertvoll es bei dosiertem Einsatz als Werkzeug sein kann, so schädlich ist es, wenn die Leute von morgens bis abends auf das Display starren.

Ja, sogar beim Komfort kann Übermaß schädlich sein. Typisches Beispiel ist das SmartHome, das die Bequemlichkeit bis in nie gekannte Dimensionen steigern soll. Bis zu einem gewissen Grad kann Komfort das Leben bereichern, keine Frage. Doch wenn Komfort so auf die Spitze getrieben wird, dass man den Hintern nicht mehr hochkriegen muss, dann wird man krank, nicht nur körperlich. Die Menschen brauchen Anstrengungen und Herausforderungen, um fit zu bleiben. Eine Lebensweise, die den Menschen alle Schwierigkeiten erspart, macht die Menschen unfähig, Schwierigkeiten zu meistern. Die Menschen werden zu Verlierern, und ihr Frust rappelt an etlichen Sollbruchstellen.

Leztes Beispiel, das ich anführen möchte (es gibt weitere) ist die Warenvielfalt. Klar, wir möchten ein Angebot, in dem jeder das für sie oder ihn Passende findet. Insofern ist es also grundsätzlich zu begrüßen, wenn neue Produkte auf den Markt kommen. Doch ab einem bestimmten Punkt unterscheiden sich die Produkte kaum noch voneinander, die Ausweitung des Warenangebotes besteht in der Schaffung von Parallelprodukten, oder es gelangen Produkte in die Regale, die schlichtweg überflüssig sind. Auf jeden Fall wird das Warenangebot völlig unübersichtlich, wodurch die Nachteile überwiegen. Man muss nur mal in einen Drogeriemarkt gehen und die Leute, die unentschlossen vor den Regalen stehen, beobachten. Das Einkaufen kann zur Qual werden, und gleichzeitig wächst die Gefahr, das Falsche in den Einkaufswagen zu legen.

Es gibt sicher viele Gründe, warum man das Gefühl hat, dass alles irgendwie bergab geht. Einer ist die Entwertung des Fortschritts durch maßlosen Fortschritt.