Der letzte Nazi

Unsere Tageszeitung rief vor einigen Tagen die Leser auf, ihre Meinung zu dem angelaufenen Prozess gegen den 94-jährigen ehemaligen SS-Wachmann im Konzentrationslager Stutthof zu äußern. Es gab eine rege Beteiligung an der Diskussion, und die Ansichten waren, wie nicht anders zu erwarten, gespalten. Zu lange her, zu alt, irgendwann abhaken, das waren die Äußerungen der einen Seite. Die andere Seite betonte die Pflicht der Deutschen, alle Nazi-Verbrechen zu ahnden, und: Mord verjährt nicht.

Ich muss gestehen, dass ich Probleme mit den Meinungsäußerungen habe; ich finde mich dort kaum wieder. Was bei mir ein tiefes Unbehaben auslöst, ist nicht das Alter des Angeklagten, auch nicht die gut 70 Jahre, die seit den Geschehnissen vergangen sind, sondern der Grad der Beiteiligung des Angeklagten. Er war Wachmann und hat pflichtgemäß seinen Job erfüllt, ohne – wahrscheinlich – an der Ermordung der Häftlinge direkt beteiligt gewesen zu sein. Dass er freiwillig der SS beitrat, dass er vermutlich von den Greueltaten wusste, dass er möglicherweise mit anderen Wachleuten Witze über das schreckliche Geschehen im Lager riss (vielleicht, um den Greuel zu ertragen), all das ist sicher schlimm, aber das Verfahren hinterlässt bei mir dennoch einen faden Beigeschmack, und zwar aus folgenden Gründen:

Es hat seit Kriegsende nur sehr wenig Gerichtsverfahren gegen Nazi-Verbrecher gegeben, wenn wir von den Nürnberger Prozessen mal absehen. Überlegen wir mal, wer alles unmittelbar und aktiv an den Verbrechen beteiligt war, wobei wir die Verbrecher-Elite, denen Kreaturen wie Freisler, Himmler oder Streicher angehörten, mal außen vor lassen.

  • Da waren die vielen Schergen, die keine Skrupel hatten, die Pistole auf das Genick des Opfers zu richten und dann abzudrücken.
  • Da waren die vielen Sadisten in den KZs, denen das Quälen und Töten der Gefangenen Befriedigung verschaffte.
  • Da waren die Manager in den Chemiekonzernen, die für ihre Versuche Menschenmaterial in den KZs anforderten.
  • Da waren die Ärzte, die wegen ihrer medizinischen Karriere die Häftlinge misshandelten, quälten, töteten.
  • Da waren die Angehörigen der Polizeiverbände, die sich freiwillig oder aus Opportunismus an Massakern beteiligten.
  • Da waren die deutschen Büger, die Juden denunzierten.

Nur einige Beispiel, doch wievel waren es insgesamt? Tausend? Zehntausend? Hunderttausend? Wahscheinlich noch mehr, und wieviel sind nach dem Krieg zur Rechenschaft gezogen worden? Hundert? Oder wahrscheinlich gerade mal ein Dutzend. Vielleicht auch zwei. Die anderen gingen straffrei aus und gliederten sich in die Nachkriegsgesellschaft ein, als wäre nichts geschehen.

Dabei gehörte der jetzt angeklagte Wachmann nur zur zweiten Riege, zu den Leuten, die zwar dem System dienten, vielleicht auch gerne, die aber im großen und ganzen nur pfichtgemäß handelten. Nicht immer, aber meistens hatten sie keine Wahl. Wiederum das Nachdenken darüber, wer zu dieser Gruppe gehörte:

  • Da waren die vielen Befehlsempfänger in den KZs oder an der Front, die einfach gehorchen mussen.
  • Da waren die Beamten, die um ihrer beruflichen Existenz willen Mitglied der NSDAP sein mussten.
  • Da waren im Grunde alle Wehrmachtssoldaten, die ja ihren Anteil am verbrecherischen System hatten.
  • Da waren die Eisenbahnbeamten, die dafür sorgten, dass die Züge Auschwitz, Sutthof, Sachsenhausen oder Buchenwald erreichten.
  • Da waren die deutschen Bürger, die nach links schauten, als am 9. November auf der rechten Straßenseite die Scheiben der Synagogen klirrten.

Wieder nur einige Beispiele, doch wieviel waren es insgesamt? Zehntausend? Hunderttausend? Eine Million? Wahrscheinlich wesentlich mehr, doch alle bildeten nach dem Krieg völlig unbehelligt die Mitte der neuen Gesellschaft. Anklagen? Fehlanzeige. Es ist auch nicht einfach, bei diesen Menschen eine sühnbare Schuld festzustellen. Erst 70 Jahre später gabelte man noch einen auf, vielleicht den letzten.

Und doch muss dem Angeklagten der Prozess gemacht werden, trotz aller Vorbehalte. Dass man versäumt hat, Millionen von Beteiligten zur Rechenschaft zu ziehen, darf kein Grund sein, solange wegzusehen, bis alle Beteiligten verstorben sind. Aber es geht nicht mehr um Strafe, meine Güte, der 94-Jährige wird wohl nicht mehr ins Gefängnis wandern. Wozu auch? Nein, es geht ganz einfach um die Aufarbeitung des Nazi-Regimes, das nach dem Krieg noch mehrere Jahrzehnte weiterrumorte, wenn auch unter dem Teppich.

Die Sühne des Angeklagten Josef besteht darin, dass er seine Tätigkeit authentisch beschreiben muss; die Sühne der säumigen Nachkriegsdemokratie besteht darin, dass endlich die Geschehnisse klar und umfassend dokumentiert werden. Nicht nur die Geschehnisse bis 1945, sondern auch (vor allem) das Nichtgeschehen bis in die 80er Jahre hinein. Die Aufarbeitung der Nazizeit ist keineswegs abgeschlossen, und die Ursachen, aus denen ein solches Regime entstehen kann, sind keineswegs beseitigt. Im Gegenteil: Antisemitismus und Nationalismus stehen am Beginn einer neuen Blüte.

Ich denke, deshalb muss der Prozess stattfinden, nicht als Schlusspunkt, sondern als Auftakt.