Schöner Schein

Eine LED-Taschenlampe, Werbeangebot einer Handelskette, die mit Taschenlampen nichts am Hut hat. Immerhin: preiswert ist das Teil ja, kostet nur einige Euro, und der Leuchter ist edel gestylt, mit Aufdruck der Handelskette, die das Ding vertreibt. Dass die Lampe bei dem Preis nur in China produziert sein kann, soll mich nicht abhalten. Ich greife zu.

Eine Zeitlang verschafft mir das Ding Erleuchtung in der Dunkelheit. Da Batterien ein wenig nachhaltiges Wegwerfprodukt sind, tausche ich sie (3 x 1.5 V = 4.5 V) gegen Akkus (3 x 1.2 V = 3.6 V) aus. Geht auch, zumindest, wenn die Akkus picke-packe-voll sind. Schon nach kurzer Zeit fangen die LEDs leider an, nur noch müde zu glimmen. Also wieder aufladen, so arrangiere ich mich mit dem edel gestylten Gerät. Ist nur eine Sache der Gewohnheit, das Smartphone muss ich noch viel öfter aufladen, selbst dann, wenn ich es gar nicht gebrauche.

Aber dann gibt es Störungen. Zwei der neun LEDs (eine in der Mitte, acht drumherum) leuchten überhaupt nicht mehr. Batterien ohne richtigen Kontakt? Ich schlage das Ding in die flache Hand, um das Innere lebendig zu machen. Wieder sind zwei LEDs dunkel, aber nun andere. Ei, wie das? Mal leuchten sie, mal nicht – das sind ja Erscheinungsformen aus alten, unzulänglichen Analogzeiten.

Somit gehe ich der Sache auf den Grund, schraube das vordere Teil mit den LEDs ab. Ich schalte die Lötstation ein und löte zwei Drähtchen an die Stellen, die offensichtlich den Kontakt zu den Batterien herstellen sollen. Anschluss nun an ein Netzgerät, unter Umgehung des Lampenschalters. Wieder dasselbe Theater. Mal leuchten sieben, mal nur fünf LEDs, und immer andere. Am Schalter kann es logischerweise nicht liegen. Nebengedanke: Fehlersuche schärft das logische Denken, sowohl in der Elektrik/Elektronik als auch beim Programmieren. Richtig erfrischend, so eine Jagd nach einem unbekannten Fehler.

Also tauche ich weiter in die Tiefen des geheimnisvollen Gerätes ein. Mit der Spitzzange entferne ich die Halteplatte, die u.a. den Kontakt zum Gehäuse herstellt. Entfernen ist gut, das geht bei modernen Geräten nicht mehr so ohne weiteres. Da muss man schon brechen und verbiegen. Ich breche und verbiege also und tröste mich mit dem Gedanken, dass ich ja mehrere Taschenfunzeln besitze. Diese ist hin, endgültig. Allerdings hat sie noch eine wichtige Aufgabe; sie dient dem Erkenntnisgewinn. Und da wird Erschreckliches erkannt. Alle LEDs sind ohne weitere Maßnahmen parallel geschaltet. Keine Vorwiderstände. Wenn man an die Spannungs-Strom-Kennlinie mit dem relativ scharfen Knick denkt, fühlt man sich auf einmal unbehaglich. LEDs verlangen eine Strom-Ansteuerung und keine Versorgung mit genau passender Spannung. Das erklärt auch den Zusammenbruch der Lichtleistung, wenn die Spannung auch nur knapp unter die 3.6 V Akkuspannung sinkt.

Aber das ist nur so ein erster Eindruck von Murks. Der zweite ist viel nachhaltiger. Wieso kann eine LED mal leuchten, dann wieder nicht? So etwas sind doch Anzeichen von Wackekontakten, aber die LEDs sind offenbar sauber auf einer kleinen Platine verlötet. Oder sollte bei den Lötstellen etwas …? Nee, das kann ich einfach nicht glauben, kalte Löststellen kommen doch nur vor, wenn man als Anfänger seine ersten Lötversuche macht. Und dann noch bei vier oder fünf Löststellen? Aber was soll es sonst sein? Also untersuche ich die Lötstellen mit einer starken Lupe. Und tätsächlich: die Spitzen einiger Anschlussdrähte sehen aus, als hätte man sie mit einem abperlenden Lack überzogen, der das Lötzinn nicht heranlässt. Ich löte alle Stellen nach, und prompt leuchten ab nun alle neun LEDs zuverlässig.

Fazit: Hinter dem edlen Design verbirgt sich primitivste Schaltungstechnik, dazu noch mehr als schnoddrig hergestellt. Eine ähnliche Desillusionierung habe ich bisher nur bei einem edel gestylten iMac von Apple erlebt. Meine Tochter gab ihn mir zum Ausschlachten, da nach immerhin 4-jährigem Gebrauch nicht mehr reparierfähig. Also sowas von edel. Kein Schräubchen störte das wertvolle Design. Um reinzukommen, musste ich das Display mit Saugnäpfen abheben (Tipp aus dem Internet, da wusste einer Bescheid). Dann waren die ersten Schrauben erreichbar, und je weiter ich das Teil zerlegte, desto mehr Schrauben standen zum Entschrauben bereit. Schließlich lag das Innere vor mir. Meine Güte, was für ein Anblick: Die Innereien sahen aus, als seien sie von oben heineingestopft worden. Klebebänder hielten das Zeug teilweise zusammen. Von edel also keine Spur, und ich verstand, warum der Apple-Service-Techniker rundheraus erklärte, das Gerät sei nicht mehr zu reparieren. Da würde ich als Techniker auch einen großen Bogen drumherum machen.

Ist so etwas normal? Liegt hier vielleicht der Grund, warum es kaum noch ein Gerät gibt, das man schlicht und ergreifend aufschrauben kann? – In der Tat, Fortschritt hat viele Facetten.