Babel

Dann sagten sie: Auf, bauen wir uns eine Stadt und einen Turm mit einer Spitze bis zum Himmel, und machen wir uns damit einen Namen, dann werden wir uns nicht über die ganze Erde zerstreuen. Da stieg der Herr herab, um sich Stadt und Turm anzusehen, die die Menschenkinder bauten. Er sprach: Sehr nur, ein Volk sind sie, und eine Sprache haben sie alle. Und das ist erst der Anfang ihres Tuns. Jetzt wird ihnen nichts mehr unerreichbar sein, was sie sich vornehmen. Auf, steigen wir herab und verwirren wir ihre Sprache, so dass keiner mehr die Sprache des anderen versteht. Der Herr zerstreute sie von dort aus über die ganze Erde, und sie hörten auf, an der Stadt zu bauen. (Genesis 11, 4-8)

Diese alttestamentarische, mythische Erzählung ist ein außerordentlich dichtes Gleichnis für die Überheblichkeit der Menschen, für ihr Bestreben, die Grenzen der Menschheit (und des Menschlichen) zu durchbrechen. Ein Turm bis zum Himmel, die Schaffung von etwas, was Menschen in ihrer Bodenständigkeit bisher noch nicht vermochten. Doch der Herr weist die Menschen wieder in ihre Schranken. Damit sie nicht zu übermütig werden, lähmt er sie, indem er sie in Rassen und Nationen zersplittert: Unverständnis der Anderen, Hass auf die Anderen, gleichzeitig auch Angst vor den Anderen, mit verheerenden Folgen. Alle Kriege der Weltgeschichte, alle Ausgaben für Rüstungszwecke sind die grausame Strafe für die Überheblichkeit der Menschen.

Die Erzählung vom Turmbau zu Babel hat bis heute nichts an Aktualität verloren, und sie ist für alle Menschen relevant, unabhängig davon, wie ihr Verhältnis zur Bibel bzw. zum Alten Testament ist. Das Streben, die eigene Unzulänglichkeit zu überwinden, ist elementarer Bestandteil des Menschseins. Bisher ist es noch weitgehend folgenlos geblieben, obwohl es immer wieder Versuche gab, aus dem natürlich gesetzten Rahmen auszubrechen. Dazu zählt zum Beispiel die Veränderung von Genstrukturen oder das Clonen von Lebewesen. Sicher, das ist noch kein babylonischer Turm, aber es sind immerhin Türmchen, die schon mal die Wolken durchstoßen. Türmchen mit unbekannter und unberechenbarer Statik.

Der Bogen dieses Strebens nach übermenschlicher oder – wenn man so will – gottgleicher Macht ist weit gespannt. Er reicht von mythologischen Gestalten wie Prometheus bis hin zu Filmschöpfungen wie Frankenstein. Doch der größte Ausbruchsversuch aus dem natürlich gegebenen Rahmen findet derzeit statt. Die Globalisierung und der weltweite Austausch von wissenschaftlichen Erkenntnissen bzw. von technischen Verfahren haben völlig neue Möglichkeiten eröffnet. Gemeint ist der Einsatz von sogenannter “künstlicher Intelligenz” in digital vernetzten Maschinen. Die sollen irgendwann mit einer “Intelligenz” ausgestattet sein, die die menschliche Intelligenz erreicht bzw. übertrifft. Der Mensch kommt sich als Schöpfer von Wesen vor, die mehr sind als er selbst. Er erhebt sich über das bis dato Menschenmögliche und das ewig gültige Menschenerlaubte.

Der Turm hat schon eine beachtliche Höhe erreicht, und er wächst schnell. Genau genommen sind es viele Türme, denn die meisten Nationen bauen an ihrem eigenen Turm. Es sieht nur so aus, als sei es ein einziges Bauwerk, denn alle Türme stehen dicht zuammen auf demselben sumpfigen Fundament, dem Internet. Nur China scheint einen eigenen Weg zu gehen, indem das Land seinen Turm auf einem abgeschottenen, gefestigten Fundament baut.

Doch betrachten wir die Baustellen einmal genauer. Einen gemeinsamen Plan gibt es nicht, soweit ist die Überwindung des Nationalen noch nicht gediehen. Stattdessen haben wir einen Wettlauf der Nationen, lautstark von den Führern der Nationen angefeuert. Man will bei dem Turmbau ja nicht zurückstehen und kein unterentwickeltes Land anführen. Und so stehen die Verantwortlichen an den Bauzäunen und treiben ihre Arbeiter an, indem sie laut “Digitalisierung” in ihre Megaphone brüllen. Die meisten Bewohner der Länder schauen zu, schauen ehrfurchtsvoll nach oben, wo die Spitzen der Türme schon längst nicht mehr sichtbar ist. Sie ahnen nur noch, dass Großes geschaffen wird. Es stört die Menschen nicht, dass sie mitunter bis zu den Knien in dem sumpfigen Untergrund stehen, dem selben Untergrund, auf dem die Tüme errichtet werden. Manche stecken so tief drin, dass sie kaum noch herauskommen. Der Sumpf fesselt sie förmlich an die Riesenbaustelle.

Und die Arbeiter, die in luftiger Höhe ihren Turm nach oben treiben? Sie befinden sich in einem wahren Schaffensrausch, denn sie sind angesehene Spezialisten. Doch in Ermangelung eines Plans, auch wegen des Zeitdrucks, arbeiten sie ohne Wasserwaage und Schnur. Es sind schon etliche Wände umgestürzt, doch die konnten notdürftig aufgerichtet und mit Streben versehen werden. Hauptsache, der Turm als ganzes steht noch und es geht weiter, immer höher hinaus.

Bleibt nur zu hoffen, dass die Türme einstürzen, bevor sie eine Höhe erreicht haben, die im Falle des Zusammenbruchs die ganze Menschheit gefährdet oder sogar auslöscht.