Amüsant

Noch nie in der jungen Geschichte der Digitalisierung hat es einen derartigen Aufschrei in den Medien und den Konferenzräumen der Politik gegeben. Da haben einige Schmutzfinken fleißig private Daten von Politikern und anderen Prominenten gesammelt und in Form eines Adventskalenders auf Twitter veröffentlicht. Peinlich, denn einige Daten waren wirklich sehr privat. Die Wut der Betroffenen ist also gut nachvollziehbar. Klar, dass man nun mit Nachdruck fordert, diese Verbrecher zur Rechenschaft zu ziehen. Mehr noch: Auch die für IT-Sicherheit Verantwortlichen in der Politik müssen sich rechtfertigen. Haben sie rechtzeiig eingegriffen? Was haben sie getan, um Derartiges zu verhindern? Und muss nicht der eine oder andere zurücktreten?

Zunächst mal muss ich ein Geständnis machen. Die Betroffenen mögen mir verzeihen, aber über die digitalen Schreckensnachrichten kann ich mich köstlich amüsieren. Was ist denn da geschehen? Da haben einige Hacker (oder war’s nur einer?) alles Mögliche an Daten gesammelt, Daten, die sie nichts angehen. Aber passiert das nicht jeden Tag, jede Minute, jede Sekunde, und zwar milliardenfach? Gehört das nicht zum allgemein akzeptierten Geschäftsmodell von Google, Geheimdienst, Facebook, Versicherungen, Amazon, Autoindustrie, Verkehrsministerium usw? Und da soll man sich über die Aktivitäten einiger Amateurhacker aufregen? Datenklau, wie einige Politiker es nennen? Ach Gottchen. – Etwas anderes ist die Veröffentlichung der privaten Klamotten. Das tut man einfach nicht, dass ist schlichtweg eine Schweinerei. Und dennoch: Hat es sowas nicht schon immer gegeben, ohne dass sich die Welt daŕüber aufgeregt hat?

Da sitzt der stadtbekannte Vertreter einer gesunden Ernährung im Sonnenschein auf dem Marktplatz, vor sich eine Riesenportion Eis. So ein Ding für 14 Euro. Er wird gesehen. “Weißt du schon? Der Sowieso, der uns immer Fett und Zucker ausreden will, der verschlingt selbst eine Portion Eis, die für drei reicht.” Oder Herr Amorius, Vater von 4 Kindern und Ehemann einer glücklichen Ehefrau, sitzt im hinteren Winkel eines Cafés bei einer attraktiven, jüngeren Dame. Beide wirken sehr vertraut. “Also, das hab ich wirklich gesehen. Der hat sogar ihren Schenkel begrabscht. Wenn da nichts läuft, heiße ich Egon.” – Und so verbreiteten sich Nachrichten, Dinge, die im Grunde privat sind und nicht weitererzählt werden sollten. Vor allem auch: Warum muss denn das Vorbild an gesunder Lebensweise seine Sünde in der Öffentlichkeit begehen? Warum muss Amorius seinen Abenteuerspielplatz in ein öffentliches Café verlegen? Selbst schuld, wenn es dann auch die Öffentlichkeit erfährt.

Selbst schuld – genau das ist der springende Punkt. Wer private Dinge auf Facebook oder sonstwo im Internet postet, ist selbst schuld, wenn das öffentlich bekannt wird, denn das Internet ist öffentlich. Und wenn gebetsmühlenhaft auf “starke” Passwörter, die zudem noch verschieden für jeden Zweck sein sollen, hingewiesen wird, da kann man nur noch den Kopf schütteln. Passwörter! Einen gewissen, oberflächlichen Schutz bieten sie, keine Frage. Aber wer will, kann einen Bogen um das “stärkste” Password machen. Irgendwo müssen die Dinger ja verwendet werden, und wenn sich da eine Tür öffnet, muss man nur geschickt genug sein, um unauffällig heinzuhuschen. Besser noch, man klaut diese Schlüssel gleich millionenfach vom großen Schlüsselbrett, nämlich dem Server eines Unternehmens, welches sich im großen Stil an der Passwortorgie des Internets beteiligt.

Nee, das funktioniert nicht wirklich. Es gibt eine einfache Devise: Wer will, dass seine privaten Angelegenheiten privat bleiben, sorgt dafür, dass sie nicht ins Internet gelangen, egal ob direkt oder über einen internetgläubigen Bekannten, der recht freizügig mit seinen “Freunden” auf Facebook umgeht. Oder anders ausgedrückt. Das Internet ist eine tolle Sache, aber man sollte dort grundsätzlich nur das machen, was man auch auf einem öffentlichen Marktplatz machen würde.

Einer der Betroffenen hat’s kapiert, nämlich der Gründen-Chef Robert Habeck. Er verabschiedete sich von Facebook und Twitter, zum einen wegen der Bloßstellungen, zum anderen, weil Habeck selbstkritisch erkannt hat, dass seine eigene Kommunikation im Internet stark gelitten hat. Gut so, alle Achtung. Er hat das gesehen, was fast alle nur zu gerne ignorieren: Je mehr man in den sozialen Medien aktiv ist, desto schneller und gründlicher wird man zu dem, was sowohl Jaron Lanier also auch Schlecky Silberstein, beide Internet-Insider, in ihren Büchern als “Arschlöcher” bezeichnet haben.

Mit seiner Entscheidung hat Habeck übrigens nicht nur Zuspruch, sondern auch sehr viel Kritik geerntet. Woher die Leute das Recht nehmen, so einen Schritt kritisieren zu dürfen, steht in den Sternen. Jedenfalls erklärten die meisten Politiker und Prominenten, sie wollten trotz allem auf Facebook & Co. weitermachen. Gut so, kann ich nur sagen, denn dadurch komme ich auch weiterhin in den Genuss amüsanter Unterhaltung. Diese Internetliebhaber sorgen dafür, dass weitere Internetschweinereien folgen werden.

Wenn’s denn bei Schweinereien, denen man sich höchstfreiwillig aussetzt, bleibt. Ich bin sicher, dass die Daten, also die Waffen für einen tödlichen Cyberangriff, schon längst in den Depots der technisch hochgerüsteten Staaten lagern. Diese Depots sind sicher, denn sie haben garantiert keine Verbindung zum Internet. Lokale Netzwerke, die gesichert sind wie Tresore mit Goldbarren.

Ein erträgliches neues Jahr 2019, und ein Prosit auf die Zukunft.

Euer Reinhard (alias 56-356-0087-32-707-522-ffuskzyu-9)

Nein, das ist nicht mein Universalpasswort, sondern die Kennzahl meines Personenprofils. Die 707 zum Beispiel steht für meinen Grad der Verarschlochung, geht von 0 bis 1000. Die Buchstabenkombination dahinter enthält unter anderem meinen Verdauungsindex, berechnet aus meinen Einkäufen und meinen Toilettengängen. Zuständig ist der vierte Buchstabe, das “s”. Was es bedeutet, verschweige ich, denn irgendetwas muss ja privat bleiben, und wenn’s nur das Scheißen zu Hause ist. Ach verdammt, ich muss mal mein SmartHome näher unter die Lupe nehmen, da hat doch dieser Kloklimaregler über dem Spülkasten gestern so verdächtig geblinkt.