Gang durch den Tunnel

Zu den nützlicheren Dingen, die die Digitalisierung hervorgebracht hat, gehören m.E. die E-Book-Reader. Ich besitze schon seit Jahren einen Kindle und habe ihn zu schätzen gelernt. Wenn ich in Urlaub fahre, brauche ich keine 3 oder 4 Bücher in den Koffer zu packen, sondern lade mir ausreichend Lesestoff in den Reader.

Oder beim Zahnarzt. Wer kennt nicht diese Situation: Man wird von der freundlichen Praxis-Mitarbeiterin (früher hießen diese Damen “Arzthelferinnen”) in den Behandlungsraum geführt und setzt sich auf den bekannten Stuhl. Nachdem die Dame einem das Papierlätzchen umgebunden hat, verschwindet sie mit dem Hinweis, der Dokor komme bald, etwas Geduld bitte. Nun, die Geduld besteht darin, dass man 15 Minuten lang auf die schnuckelig-spitzigen Instrumente starrt oder Betrachtungen über die Funktionsweise der im Halter hängenden Bohrmaschinen anstellt. Nicht gerade erbauend. Die Wartezeit, bis der Doktor mit einem fröhlichen “Guten Tag, na, dann wollen wir mal sehen” hereinplatzt, seinen Hocker zurechtrückt, einen in eine liegende Position bringt und schließlich nach Spiegel und Prockelspitze greift, lässt sich mit einem E-Book wesentlich sinnvoller überbrücken. Ich jedenfalls ziehe bei solchen Gelegenheiten mein ansonsten nicht so geschätztes Smartphone aus der Hosentasche und lese. Die Zeit vergeht dabei wie im Fluge.

Dennoch haben E-Book-Reader auch ihre Tücken. Das bekam ich vor einigen Tagen (erneut) zu spüren, als ich im Auto auf meine Frau wartete, die noch einiges erledigen wollte. Auf meinem Smartphone wurde nach dem Anwerfen des Kindle-Readers die Synchronisation mit dem “richtigen” Reader angeboten. Aber da war wohl etwas verstellt, ich landete irgendwo im hinteren Bereich des Krimis, ich konnte mi Text und Handlung nichts anfangen. Also suchen. War ich hier schon? Nein, zu unbekannt. Weiter zurück: Ja, bekannt, aber dieser Typ dürfte nach meinem Kenntnisstand doch gar nicht mehr leben. Und so gehe ich Seite für Seite voran, bis ich auf Textstellen stoße, die mir noch fremd vorkommen. Als ich schließlich glaube, den Anschluss gefunden zu haben, klopft meine Frau an die Scheibe und öffnet die Tür auf der Beifahrerseite. Tja.

Derartige Erfahrungen, wozu auch die völlige Untauglichkeit im Zusammenhang mit Sachbüchern gehört, machen deutlich, wo es bei den E-Book-Readern hapert. Es gibt überhaupt keinen Überblick oder ein Gespür dafür, wo im Buch man derzeit steckt. Es ist, als würde man durch einen schmalen Tunnel geführt, ohne Möglichkeit, nach rechts oder links auszuweichen oder einfach mal umzudrehen. Es gibt Lesezeichen, sicher, aber die sind abstrakt, und der Sprung zu einer solchen Markierung erfolgt völlig intransparent. Orientierung? Totale Fehlanzeige. Wie souverän ist dagegen der Umgang mit einem Papierbuch. Man kann schnell blättern, man kann Notizen an den Rand schreiben, Textstellen markieren, man kann auf die Schnelle einen Finger zwischen die Seiten legen, um mal kurz zu einer anderen Stelle zu springen. Mit einem Satz: In einem Papierbuch ist es überaus einfach, den Überblick zu behalten. Man geht souverän mit dem Buch um.

Beim E-Book ist es genau umgekehrt: Der Algorithmus geht souverän mit den Lesern um; sie werden wie an der Leine durch den erwähnten Tunnel geschleust, und solange man nicht aus der Reihe springt und mal einen Abstecher ans Ende oder sonstwohin macht, funtkioniert das Lesen ja auch reibungslos. In bestimmten Fällen kann man das akzeptieren, wie die einleitenden Beispiele demonstrieren, aber man sollte sich der systembedingten, grundsätzlichen Nachteile bewusst sein. Nur dann kann es zu einer sinnvollen, bereichernden Synthese kommen.

Im übrigen, und das ist der eigentliche Grund, warum ich überhaupt auf die E-Book-Reader eingehe, ist das Handicap der fehlenden Übersicht ein Merkmal, das sich durch die gesamte “Digitalisierung” zieht. Der Nutzer wird geleitet; er hat einfach brav das zu tun, was die Algorithmen von ihm verlangen. Die Freiheit, die Sachverhalte mal aus einer gehörigen Entfernung zu betrachten, um ein Urteil zu bilden und evtl. andere Wege wählen zu können, wird gezielt eingeschränkt. Einfach mal die “Digitalisierung” etwas kritisch sehen (aucn wenn’s unpopulär ist) kann überaus aufschlussreich sein.