Über Fortschritt

Blitzartiger Empfang fürs Smartphone
(Zeitungsartikel in der Wochenendausgabe der IVZ, 30.08.2014)

Dieser Artikel kann repräsentativ für mehrere Aspekte unserer Gesellschaft stehen: für unkritische Fortschrittsgläubigkeit, für fehlende Sensibiliät in Sachen Datenschutz und Privatsphäre oder auch für neokapitalistische Wertmaßstäbe in globalen Koordinatensystemen. Doch der Reihe nach.

Der Autor, Klaus Jopp, benutzt als Aufhänger und teilweise als roten Faden die explosiv wachsende Bedeutung des Smartphones und schildert dann zukünftige Techniken, mit denen die drahtlosen Übertragungsraten noch einmal drastisch erhöht werden können, bis hin zu 1000 Megabit/s. Dabei klang unüberhörbar die Genugtuung mit, dass bei dieser Entwicklung Deutschland wieder eine Chance habe, global an vorderster Stelle mitzumischen. Klar, ohne derartige Triebkräfte geht es offenbar nicht. Nach Aussage des VDE könne Deutschland die Marktführerschaft im Mobilfunk zuückgewinnen. – Huh, da läuft einem ja förmlich das Herz über.

Aber dann malt der Autor ein Bild von dem, was mit diesen gigantischen Übertragungstechniken zukünftig alles möglich sein wird – und selbstverständlich Realität werden wird. Es zeichnen sich im wesentlichen drei Bereiche ab, die einen gewaltigen Auftrieb erfahren werden:

  • Die Kommunikation über Smartphones oder ähnliche Mobilgeräte wird sich weiter ausbreiten und noch erheblich komfortabler werden. Videotelefonie oder auch Videostreaming z.B. werden für jeden verfügbar sein, überall und jederzeit.
  • Die Betriebe werden ihre Vernetzung erweitern. Nicht nur die Mitarbeiter, sondern auch die einzelnen Fertigungsmaschinen werden ständig im Netz eingebunden sein, miteinander kommunizieren und sich wechselseitig steuern. Betriebe werden sich mehr denn je nach außen hin öffnen, und Mitarbeiter können von außerhalb auch auf Dinge wie großformatige Konstruktionszeichnungen zugreifen.
  • Vor allem aber werden die hochfrequenten Übertragungstechniken das Verkehrswesen dramatisch verändern, bis hin zur vollautomatischen Steuerung von Autos. Dabei wird der enorme Frequenzüberschuss nicht zuletzt zur Sicherung der Signale im Sinne klassisch-kybernetischer Redundanz verwendet, Voraussetzung für sicheren Verkehrsfluss.

Gerade beim letzten Punkt war nicht zu überlesen, dass der Autor und auch einige zitierte Experten aus der IT-Branche regelrecht ins Schwärmen gerieten. Das total vernetzte Auto, natürlich jederzeit zu orten, damit bei einem Unfall sofort effektive Hilfe einsetzen kann oder bei drohenden Staus jeder Verkehrsteilnehmer individuell umgeleitet und sicher zu seinem Ziel geführt werden kann. Technik, die jeden einzelnen an die Hand nimmt.
Der Autor erwähnt allerdings nicht, dass mit einem deratigen Höchstmaß an Komfort und Fortschritt auch ein Höchstmaß an Datenerfassung und Überwachung verbunden ist. Diese Dinge scheinen im Bewusstsein der “Weiterentwickler” nicht mal ansatzweise verankert zu sein. Auch die Frage, was denn “Fortschritt” wirklich ist, wird kaum oder überhaupt nicht gestellt.

Dabei ist das in einer Zeit, wo die technische Weiterentwicklung schier grenzenlos zu sein schein und teilweise sogar exponentiell voranschreitet, eine ganz zentrale Frage. Indem man den Fortschritt auf rein technische Möglichkeiten beschränkt, entzieht man sich allerdings einer Antwort – und der damit verbundenen Verantwortung. Und genau diese oberflächliche Einstellung wird in dem Zeitungsartikel deutlich. Es scheint so, dass die Welt drauf und dran ist, den Zusammenhang von technischer Entwicklung und menschlicher Verantwortung aus dem Bewusstsein zu verdrängen. Nichts gelernt aus den Konflikten, die z.B. die Nukleartechnik mit sich brachte?

Verantwortbarer, also echter Fortschritt kann niemals die Auswirkungen auf die Gesellschaft außer Acht lassen, wobei es unumgänglich ist, gründlicher hinzuschauen und nicht nur oberflächlichen Komfort in den Fokus zu nehmen. Selbst Sicherheit und Gesundheit (bzw. das, was heute darunter verstanden wird) ist noch keine Rechtfertigung für alles technisch Mögliche.

Fortschrittsgläubigkeit und Entwicklung von nur scheinbar Fortschrittlichem sind nicht zuletzt die Folgeerscheinung einer immer dynamischeren Welt. Die Dynamik hat sich zu einem kaum noch zu bremsenden Eigenleben entwickelt, und die “Fortschritte”, die sie anstößt, heizen die Dynamik weiter an. In diesem Kreislauf, der Stillstand oder auch nur langsamere Gangarten gnadenlos abstraft, wird oft bereits das Andere, das Neue als Fortschritt verkauft, was natürlich zu bizarren Fehlentwicklungen führt. Fehlentwicklungen, die wegen der genannten Fortschrittsgäubigkeit aber nur selten als solche erkannt und entlarvt werden.

Klar, es gibt viele echte Fortschritte, die sich positiv auf die Lebensbedingungen der Menschen auswirken. Denken wir nur an die Medizin, insbesondere die diagnostische und therapeutische Medizin. Die vorbeugende Medizin, das Hobby von Medizinern, die mit Kranken nichts zu tun haben möchten, lasse ich hier mal aus, denn sie hat negative Nebenwirkungen auf anderen Gebieten: Einschränkung persönlicher Freiheiten durch Gängelung und Überwachung, Fokusverengung auf körperliche Gesundheitsfragen usw. Fragezeichen sind hier also angebracht.

Keine Fragezeichen gibt es dagegen, wenn an den exzessiven Gebrauch des Internets denkt. Wenn man sich ehrlich und unvoreingenommen die Frage stellt, welche Fortschritte das Internet für die Menschen gebracht hat, dann bleibt nur nüchtern festzustellen: einige schon, aber im Grunde sehr wenig. Wenig vor allem im Vergleich zu den Nachteilen, die inzwischen einige Grundpfeiler der Gesellschaft unterhöhlen.

So naheliegend solche grundsätzlichen Fragen sind, so selbstverständlich sie also sein sollten, so verpönt sind sie anderererseits. Fortschritts- und Technikfeindlichkeit sind ein wohlfeiles Argument, mit dem solche unbequemen Gedankengänge beiseite geschoben werden. “Vor gut 150 Jahren wurde die Eisenbahn als Teufelsszeug verdammt”, las ich vor einigen Tagen in einem Zeitungskommentar, “und so wie wir den Verkehr weiterentwickelt haben, werden Internet und Smartphone bald ebenso vertraut und selbstverständlich sein.” Begründung aus der Geschichte heraus, an und für sich nicht schlecht. Doch für jede Begründung, die auf Vergleichen beruht, muss Vergleichbarkeit vorhanden sein. Die gibt es in diesem Kontext tatsächlich, es ist die Angst vor dem Anderen, dem Neuen. Was die Sache an sich betrifft, so liegen jedoch ganz verschiedene Dimensionen vor. Wer die Angst vor der Teufelsbahn als Beispiel heranzieht, weicht auf sekundäre Begründungszusammenhänge aus und umgeht die entscheidenden Kernfragen.

Ein anderes Beispiel, einigermaßen konkret und nicht sonderlich weltbewegend: das Smartphone zur Steuerung von Küchengeräten. Man muss sich die Augen reiben, um sicherzugehen, dass man sich in der Wirklichkeit befindet. Mal ganz langsam: Da halte ich ein Smartphone in der Hand und fummel auf der Scheibe rum, um den Herd anzustellen. Toll, wenn ich bedenke, dass ich in der grauen Vorzeit den Arm ausstrecken und an einem Schalter drehen musste. Ach, so, Komfort: Nun kann ich im Wohnzimmer auf dem Sofa hocken bleiben und muss nicht extra in die Küche rennen. Und die Sicherheit, Herd an ohne Topf? Kein Problem, eines der zentralen Küchensassistenzsysteme sorgt mittels einer Kamera und diverser Sensoren dafür, dass der Herd nur anspringt, wenn ein richtig gefüllter Topf auf der Platte steht. Und dass der Topf rechtzeitig richtig gefüllt und bereitgestellt wird, dafür sorgen diverse Apps, die mich auf die erfordlichen Handhabungen aufmerksam machen. Auch hier Fortschritt: Früher wurden Marionetten mittels Fäden gesteuert, heute gibt es Smartphones. Richtig gelesen: Was wird hier eigentlich gesteuert, der Kühlschrank oder der Mensch mit dem Fummelding in der Hand?

Fassen wir zusammen: Mit Fortschritt hat dieser überflüssige Kram absolut nichts zu tun. Klar, wir werden uns dran gewöhnen und irgendwann glauben, wir seien fortschrittlich, wenn wir Smartphone statt Schalter benutzen. Und jetzt? Ja, jetzt spielen wir mal den fortschrittsfeindlichen Querulanten und suchen nach einer Bezeichnung für die sich abzeichnenen Entwicklungen. Teufelszeug? Ach nein, dazu fehlt der fauchende Dampf. Überflüssige Scheiße? Ja, das passt. Der Einsatz von Handys und Smartphone ist dort, wo es ohne diese Dinger einfacher, sicherer, überschaubarer, menschengerechter ginge, wohl eher das Gegenteil von Fortschritt – es ist ein Rückschritt, mag die Technik an sich noch so sehr das Ego von Innovationsfanatikern kitzeln.


Unbekannt ins Netz verzogen (Zeitungsbericht IVZ 04.09.2014)

Dem Zeitungsbericht zufolge gibt es nun belastbare Untersuchungsergebnisse über die negativen Auswirkungen des zu hohen Internetkonsums von Kindern und Jugendlichen. Die Auswirkungen betreffen gesundheitliche, vor allem aber soziale Lebensbereiche.

Soviel also zum “Fortschritt”, den das Internet mit sich bringt. Vielleicht auch ein kleiner Gedankenanstoß zum Selbstverständnis von Facebook als “sozialem” Netzwerk.


Smartphones werden zur Steuerzentrale (Zeitungsbericht IVZ 04.09.2014)

Am selben Tag ein zweiter Bericht, der die Verbindung von Fortschritt und IT zum Inhalt hat, diesmal anlässlich der Internationalen Funkausstellung (IFA). Joachim Kamp, Aufsichtsratchef der Gesellschaft für Unterhaltungs- und Kommunikaltionselektronik, wird zitiert: “Sie werden auf der IFA kaum ein Produkt ohne Internetanbindung finden.” Und Reinhard Zinnkann vom Zentralverband Elektrotechnik- und Elektronikinsdustrie: “Die Menschen gewöhnen sich daran, ihr Leben über Smartphones und Tablets zu organisieren.” Und Klaus Böhm, Medienexperte bei der Beratungsfirma Delolitte: “Streaming wird den gesamten Medienmarkt revolutionieren.”

Drei Expertenmeinungen zu zukünftigen Entwicklungen, mit reichlich Enthusiasmus vorgetragen, wie aus dem Zeitungsbericht herauszulesen ist. Fortschritt? Die Frage wird nicht angesprochen. Es geht nur darum, wie man das Ziel, die Menschen an diese Entwicklungen zu gewöhnen, möglichst schnell erreichen kann. Eine gewisse Zurüchhaltung wird nämlich noch eingestanden. In der Tat, Entwicklung als Gewöhnungsprozess, gesteuert von Leuten, die sich zwanghaft in dem oben erwähnten Kreislauf aus Dynamik, technischer Entwicklung und marktwirtschaftlichen Motiven bewegen.

Es ist auch die Geschichte einer manipulierbaren Gesellschaft.


Die Zukunft bringt scharfe Bilder (Zeitungsbericht IVZ 06.09.2014)

Noch einmal IFA: Ultra-HD bei zukünftigen Fernsehern ist der neue Trend. Ok, wer’s mag. Die Phantasie gaukelt einem eine schöne Zukunft vor: Eine ganze Wand bebildschirmt, extrem auflösend. Und unten eine Öffnung für die Essensausgabe; für die Zubereitung sorgen die vernetzten und mit Handy gesteuerten Küchengeräte von Bosch, Siemens und Miele. Man muss sich gar nicht mehr von der Fernsehwand entfernen.

Nun ja, bei den derzeitigen Trends kann die Phantasie schon einmal ausreißen. Bleiben wir bei den nüchternen Tatsachen, wozu z.B. die Aussagen von Boo-Keun Yoon gehören. Dieser Mensch ist Spitzenmanager bei Samsung, jenem südkoreanischen Konzern, der besonders agressiv in “innovative” Bereiche vorstößt. Der Manager präsentiert auf der FIFA die Ideen für vernetzte, modulare Wohnungen. In den Wohnungen soll mit Hilfe von Sensoren vieles automatisch für die Bewohner übernommen werden: “Technologie muss in die Lebenswelt der Menschen passen, ihre Bedürfnisse erahnen und erfüllen.”

Oberflächlich steckt in dem Satz die erfreuliche Aussicht, das zukünftige Wohnen komfortabler und “menschengerechter” zu gestalten. Doch es lohnt sich, diesen Satz etwas genauer zu analysieren. “Technik muss in die Lebenswelt der Menschen passen.” Eigentlich ja, doch wird hier nicht genau das Gegenteil angestrebt, dass sich nämlich die Lebenswelt der Menschen der Technik anzupassen hat? Technik, die von Konzernen wie Samsung vorgegeben wird?

Und dann der bemerkenswerte zweite Teil des Satzes: Technik, die die Bedürfnisse der Menschen erahnt und erfüllt. Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen: Technik, die menschliche Bedürfnisse erahnt!
Was für Menschen müssen das sein, die sich solcher Technik unterwerfen, die ihre Bedürfnisse regelrecht instrumentalisieren lassen! Und wie soll Technik das leisten können? Klar, das geht nur über eine möglichst totale Datenerfassung und Datenauswertung. Und natürlich mit Hilfe einer umfassenden Vernetzung. Es liegt in der Natur der Sache, dass dabei leistungsfähige und vor allem wandlungsfähige, sich weiter entwickelnde Algorithmen auf den Servern eingesetzt werden. Kapieren die Menschen nicht, dass genau dieses das Szenario des perfekten “Big Brother” ist?

Samsung: Markführerschaft bei Smartphones, Pionier bei vernetzten Kameras, Motor bei der Entwicklung von Hochleistungselektronik. Mir graut ein wenig vor diesem Laden. Mehr noch als vor einem angebissenen Apfel mit sich abzeichnenden Faulstellen.