Editorial


Die Welt ist digital. Stimmt das?

Veröffentlicht am 23. März 2017 im Blog über den Datenmissbrauch


“Die Welt ist digital” – So lautet die Überschrift eines Artikels in der heutigen IVZ (23.03.17). Und weiter: “Die Zukunft ist digital.”

Dann wird erläutert, dass der unumgängliche Wandel von analog zu digital fundamental sei und ein totales Umdenken sowie eine gehörige Portion Know-how erfordere. In dem Artikel wird bemängelt, dass die Umstellung vor allem für kleinere Betriebe und Kommunen eine Nummer zu groß sei.

Die ganze Welt spricht von ‘Digitalisierung’ und konstruiert den Gegensatz von ‘digital’ und ‘analog’. Ich möchte vorwegschicken, dass beide Begriffe heute in einem eher missverständlichen Sinne gebraucht werden, und werde weiter unten noch näher darauf eingehen. Im heutigen Sprachgebrauch steht ‘digital’ vor allem für Fortschritt und neue Technologien, kurz: für die Zukunft. Mit ‘analog’ bezeichnet man gerne das Überholte, das Verstaubte, die unzulängliche Technik vergangener Jahrhunderte. Analog ist die Vergangenheit, so sieht es jedenfalls die Mehrheit der Zeitgenossen.

Also, ist die Welt nun digital?

Natürlich nicht, dieser Satz ist Unfug. Die Welt ist weder analog noch digital. Diese beiden Begriffe sind überhaupt keine geeigneten Attribute für die Welt, sondern sie können allenfalls die Methoden charakterisieren, mit denen Menschen in der Welt agieren bzw. dieselbe beschreiben. Man kann, um ein Beispiel zu nennen, etwas digital oder analog messen, wodurch natürlich der Gegenstand der Messung weder digital noch analog wird. Also noch einmal: Die Welt als digital zu bezeichnen, ist Quatsch, es sei denn, man nimmt sich und seine Methoden so wichtig, dass man glaubt, sie der Welt gleichsetzen zu dürfen. Diese überaus arrogante Haltung ist aktuell sehr verbreitet und kommt auch in der Überschrift des genannten Zeitungsartikels zum Ausdruck.

Inhaltlich geht es in dem Artikel um Steigerung des wirtschaftlichen Erfolgs durch Anwendung digitaler Methoden in den Unternehmen. Die Welt ist hier die Wirtschaftswelt, nicht weniger, aber auch nicht mehr. Lassen wir es, die Welt lässt sich nicht in analoge und digitale Schubladen packen. Interessen wohl, denn diese sind unmittelbar mit den Methoden verkoppelt.

Was sind nun analoge Methoden?

So verschwommen und missverständlich der Begriff ‘analog’ gebraucht wird, so klar lässt er sich umreißen: In der Analogtechnik werden physikalische Größen in analoge, andere Größen umgewandelt, sei es zur Anzeige von abstrakten Größen, sei es zur Übertragung und Bearbeitung von Signalen.

Bekanntestes Beispiel ist die Uhr. Da wird die Zeit in die Stellung der Zeiger auf dem Zifferblatt umgewandelt. Analogie zwischen zwei Größen: Zeit und Winkel. Oder nehmen wir das Quecksilberthermometer. Hier haben wir die Analogie von Temperatur und Länge der Quecksilbersäule.

Es muss nicht immer Messtechnik sein. Bei einer klassischen Musikanlage werden Schallwellen in analoge elektrische Wellen umgewandelt, die sich leicht übertragen, verstärken, frequenzabhängig abschwächen (Höhen-Tiefen-Regelung) lassen usw. Wenn wir einmal die verschiedensten Bereiche der herkömmlichen Technik Revue passieren lassen, dann stoßen wir immer wieder auf derartige Analogien. Selbst in der Rechentechnik. Sicher, die mechanischen Rechenmaschinen arbeiteten bereits digital oder quasidigital, aber es gibt ein Rechengerät, das man mit Fug und Recht als Prototypen des Analogen bezeichnen kann, nämlich den Rechenschieber.

Ich glaube, dass viele Menschen, die heute von analoger Technik sprechen, gar nicht mehr daran denken, welches Prinzip dahinter steckt. Sie sehen nur den Gegensatz zur digitalen Technik, oft mit abfälligem Unterton.

Und was verstehen wir unter digitalen Methoden und der Digitalisierung?

Bei der digitalen Technik werden physikalische Größen in diskrete Abstufungen aufgelöst, in die sogenannten ‘Digits’. Diese wiederum lassen sich ganz einfach als Zahlen beschreiben und zahlenmäßig weiterverarbeiten. In welchem Zahlsystem die Signale codiert sind, ist vom Prinzip her unerheblich, doch die Computertechnik hat das Binärsystem (nur 0 und 1) in den Vordergrund gerückt. Überhaupt ist die Digitaltechnik erst duch die Computertechnik so bedeutsam geworden, weil mit Algorithmen praktisch jedes Signal, jede physikalische Größe, jede Nachricht, jeder Datensatz beliebig analysiert und bearbeitet werden kann.

Digitale Signale sind immer abstrakte Zahlenmuster, und deshalb müssen physikalische Größen, Nachrichten usw. erst mal digitalisiert werden. In einer Digitalkamera zum Beispiel ist dafür der dem Sensor nachgeschaltete Analog-Digital-Wandler zuständig, während der Sensor noch analog arbeitet. Digitalisierung im eigentlichen Sinne des Wortes meint nichts anderes als die Umwandlung in digitale Zahlenmuster.

Eine allgemeinere Bedeutung erfährt der Begriff Digitalisierung, indem man damit den Umstieg auf digitale Techniken meint. Dieser Vorgang ist heute fast vollständig abgeschlossen. Nahezu alles, was man digital erledigen kann, wird digital gemacht. Die Gründe dafür liegen auf der Hand: Da ist zum einen die komfortable Bearbeitungsmöglichkeit digitaler Signale mittels Algorithmen; zum anderen ist digitale Technik sehr preiswert geworden. Vor allem aber ermöglicht die digitale Technik sehr hohe Qualitäten. Signale lassen sich weitgehend verlustfrei übertragen, was man an der Bildqualität moderner TV-Geräte direkt erkennen kann. Ebenso lassen sich digitale Daten verlustfrei speichern; sie vergilben und verblassen nicht.

Auf der anderen Seite täuschen digitale Geräte mitunter eine nicht vorhandene Qualität vor. Das gilt vor allem für Meßgeräte. Was nützt zum Beispiel die Thermometeranzeige 19,46°, wenn die tatsächlich vorhandene Temperatur etwa 18° beträgt? Auch sind digitale Anzeigen weitaus weniger intuitiv zu erfassen und zu beobachten als etwa analoge Zeigerstellungen. Digitaltechnik um jeden Preis ist also der falsche Ansatz. Bei der Uhr hat man das schon festgestellt. Nach einigen Jahren, wo die digitalen Uhren dominierten, ist man wieder zum anschaulichen Zeigersystem zurückgekehrt. Die Zeit ist damit einfach schneller und anschaulicher zu erfassen. Bei der Uhr war die Digitalanzeige zwar nicht gut, aber immerhin noch möglich, ebenso wie bei Instrumenten mit einem eindimensionalen Messwert, aber man stelle sich vor, man würde ein digitales Bild mit 12000 Pixeln digital, also als Tabelle von 4000 x 3000 Zahlengruppen (jeweils 3) präsentieren. Da kann das Digitale nicht mehr als eine Zwischenstation sein.

Ich fasse zusammen: Digitalisierung kann zweierlei bedeuten. Damit kann der technische Codierungsprozess in digital arbeitenden Geräten gemeint sein, oder aber er beschreibt den allgemeinen Umstieg von analoge auf digitale Techniken. Der Umstieg ist aber so gut wie abgeschlossen; deshalb hat der Begriff in dieser Bedeutung keine technische Relevanz für Gegenwart und Zukunft mehr. Anders ist es mit der gesellschaftlichen Relevanz. Hier gibt es im Umgang mit der Digitaltechnik noch enorme ungelöste Probleme. Als Beispiel möchte ich das überholte Urheberrecht nennen, das in keiner Weise den Besonderheiten digitaler Medieninhalte (einfaches Kopieren und Verbreiten) Rechnung trägt. Man will auf Biegen und Brechen die digitalen Inhalte schützen, geht aber mit Denkmustern an die Problematik heran, die noch aus der analogen Zeit stammen. Es gibt weitere Beispiele.

Das Internet und sein Bezug zur Digitaltechnik

Besonders starke Auswirkungen hat die Digitaltechnik auf die Informationsnetze. Analoge Netze gibt es schon seit langem, z.B. in Form des guten, altbewährten Telefonnetzes. Doch solche Netze sind nur für ganz bestimmte Anwendungszwecke geeignet. So lag es nahe, Netze für digital codierte Informationen zu schaffen. Dabei machte man die Beobachtung, dass ein Netz ausreicht, um Daten der verschiedensten Art an bliebige Empfänger zu versenden oder von beliebigen Absendern abzurufen. Das Internet war geboren.

Niemand wird ernsthaft die enormen technischen Möglichkeiten des Internets in Frage stellen wollen, doch wenn man sachgerecht und verantwortungsvoll mit dem Internet umgehen will, dann darf nicht nur die reine Technik eine Rolle spielen, sondern der Blick muss ebenso auf die gesellschaftlich relevanten Merkmale des Netzes gerichtet werden, und die kann man etwa mit den Begriffen ‘demokratisch’ und ‘öffentlich’ umschreiben.

Das Internet ist zweifellos das demokratischste Medium in der gesamten Medienlandschaft. Jeder kann sich des Internets bedienen und sich auf irgendeine Art im Internet äußern. Bevorzugungen sind dem Internet wesensfremd. Dass dennoch das demokratische Prinzip durch die zweifelhaften Rankingsysteme von Google langsam ausgehöhlt wird, steht auf einem anderen Blatt. Von der Anlage her ist das Internet jedenfalls demokratisch. Und es ist öffentlich. Im Internet gibt es keine privaten Ecken, keine abschließbaren Räume. Prinzipiell kann jeder auf alles im Intenet zugreifen. Um dennoch gewisse Dinge vor öffentlichem Zugriff zu schützen, werden im Overlay-Verfahren Zugangsprotokolle aufgesetzt, die aber ebenfalls keinen unmittelbaren Schutz bieten, sondern lediglich so etwas wie Verstecke installieren. Passwörter sind lediglich Tarnungen, und auch Verschlüsselungen gehören letzten Endes in diese Kategorie.

Dieser öffentliche Charakter des Internets gibt seine Grenzen vor: Lebenswichtige oder sehr private Dinge gehören nichts ins Internet. Lebenswichtige Informationen übers Internet zu verschicken ist so, als würde ein Geldtransport in einem normalen PKW, getarnt als Handwerker-Bulli, durchgeführt.

Die strukturell bedingte Unsicherheit des Internet hat fast zwangsläufig eine immer stärker sich ausbreitende Versumpfung in Form von Malware, Trojanern usw. zur Folge. Die internetbasierte Schadsoftware, die die klassischen Viren weitgehend abgelöst hat, ist dermaßen präsent, dass es ohne Virenwächter o.ä. nicht mehr zu gehen scheint. Dabei wird oft übersehen, dass der beste Virenwächter nur das abwehren kann, was bereits verbreitet und bekannt ist. Diese Schutzsoftware greift also immer zu spät und hat den zweiten Platz praktisch abonniert.

Ungeachtet der Tatsache, dass das Internet für die meisten Zwecke nur unsichere Scheinlösungen abietet, hat sich der digitale Wandel voll auf das Internet konzentriert. Die eigentliche Digitalsierung rückt in den Hintergrund, und die Vernetzung wird im Sprachgebrauch mit ‘Digitalsierung’ gleichgesetzt. Das zeigt, wie dominant das Denken und Streben der Entwickler vom Internet beherrscht wird.

Noch einmal: Die Welt ist digital.

In dieser Behauptung steckt mehr als eine (nicht zutreffende) Feststellung. Es ist die Formulierung, die wahrscheinlich kaum auffällt: Die Welt ist digital. Das klingt, als sei an dieser Tatsache nicht zu rütteln. Natürlich wollen die Fortslchrittsgläubigen auch gar nicht daran rütteln, doch darf man so passiv-konservativ an die Gestaltung von Gegenwart und Zukunft gehen? Müssen wir nicht erst ein menschenwürdiges Zukunftsmodell planen und dann (erst dann) die technischen Mittel darauf ausrichten? Der Fatalismus, mit der die digitalen Entwicklungen begleitet werden, kann verheerende Folgen haben.