Bis vor einigen Monaten ging’s bei der Digitalisierung des Haushalts vornehmlich um die Vernetzung, also das Internet der Dinge. Schon überholt. In Zeiten, wo die ganze Welt nach „künstlicher Intelligenz“ schreit, dringt dieselbe auch in den modernen Haushalt ein und … ja was eigentlich?
Unsere Tageszeitung brachte einen Vorabbericht über die in Kürze beginnende IFA, jene Ausstallung, die sich mal mit Fernsehen, Rundfunk und Stereoanlanlagen befasste, sich nun aber als allgemeine Elektronikmesse und Motor für technischen Fortschritt versteht – echten Fortschritt und eingebildeten (bzw. eingeredeten) Fortschritt. Hier die wichtigsten Aussagen in dem Artikel:
- „Die Geräte … werden immer mehr in der Lage sein, ihren Nutzer besser zu verstehen und mit ihm zu interagieren.“ (Gemeint sind Haushaltsgeräte)
- „Je länger man … ihnen Gelegenheit gibt, das Nutzungsverhalten ihrer Besitzer zu analysieren, desto schlauer werden sie.“
- „Wenn Sie den Ofen mit Ihrem Backhähnchen immer zum selben Zeitpunkt ausmachen, wird das Gerät das sehr schnell lernen.“
- „… dass man die Geräte mit Daten anfüttern und die erfassten Messwerte kontinuierlich per App ins Netz geben muss – denn das eigentliche Hirn der KI sitzt nicht im Gerät selbst.“
- „Schlaue Geräte werden in erster Linie den Komfortgedanken bedienen.“
- „Der Saugroboter weiß, in welchem Raum Sie typischerweise wann sind und saugt dann, wenn Sie nicht da sind.“
- „Trinkt der Bewohner nachts gerne noch Milch, bereitet sich der mitdenkende Kühlschrank mit der Zeit diese Routine vor. Er kühlt sich kurz vor dem üblichen Trink-Zeitpunkt noch mal herunter.“
Als ich diesen Artikel gelesen hatte, habe ich ein paar Mal tief durchgeatmet und dann laut „Scheiße!“ geschrieen, nachdem ich die Tür geschlossen hatte. Ich wollte ja die anderen Familienmitglieder nicht übermäßig erschrecken.
Wenn man sich die Kernaussagen mal auf der Zunge zergehen lässt und nicht auf der Prämisse herumreitet, dass jede moderne Technik schon deshalb gut ist, weil sie modern ist, dann offenbaren sich einige erschreckende Tendenzen. Außer einem mehr als zweifelhaften, ja geradezu lächerlichen Komfort hat diese Technik nichts Vorteilhaftes zu bieten. Ein Saugroboter, der hinter dem Rücken durch die Räume fegt, wenn man nicht da ist, was hat das mit Komfort zu tun? Ist es so unkomfortabel, einfach mal eine Taste (oder Fußschalter) auf dem Saugroboter zu drücken und ihn dann im Auge zu behalten? Wenn’s denn ein Saugroboter sein muss, denn das Saugen mit einem herkömmlichen Staubsauger hat auch seine Vorteile. Oder das automatische Abschalten des Backofens, wenn der Flattermann die zum Benutzer passende Garstufe erreicht hat. Ist es so umständlich, einfach den Schalter am Backofen auf „aus“ zu stellen und den Garvorgang im Auge zu behalten? Kann ja sein, dass man das Steak mal etwas anders probieren möchte.
Wenn man das SmartHome mal ein bißchen – ein klitzekleines bißchen kritisch betrachtet, dann zeigt sich doch folgendes: Der Komfort ist vorgeschoben oder allenfalls vernachlässigbar gering, dafür ist das ganze Zeugs höchstgradig überflüssig. Da stellen sich zwei Fragen: Warum wird so etwas überhaupt hergestellt, und was veranlasst die Leute, so einen Kram zu kaufen? Die erste Frage ist schnell beantwortet: Es geht um Geld. Die Hersteller, allen voran Bosch, müssen was Neues auf den Markt schmeißen, egal ob sinnvoll oder nicht, egal, ob brauchbar oder nicht. Es muss nur als sinnvoll und brauchbar angepriesen werden. Ein Bedarf muss nicht bestehen, ein Bedarf muss geweckt werden.
Und die Käufer? Es gab mal eine Zeit, da war ich überzeugt, dass die meisten Menschen in einer demokratischen Gesellschaft sich vernünftig verhielten. Das war ein Irrtum, wie sich nicht nur an dem Konsum- und Kaufverhalten zeigt. Mit geeigneter Marketing-Strategie und mit Unterstützung der extrem leistungsfähigen Werbeindustrie lassen sich die Konsumenten am Nasenring zu jedem gewünschten Ort führen. Die Digitalisierung hat ein übriges getan, um Personengruppen lenkbar zu machen. Nee, die Leute kaufen jeden Scheiß, sofern er nur ins passende Licht gerückt wird.
Nun könnte man ja annehmen, dass die Annehmlichkeiten des „intelligenten“, smarten Hauses eher harmlos sind, so etwas wie Spielzeug. Peinlich zwar, aber letzten Endes nicht schlimm. Auch das stimmt nicht.
- Da ist die Rede von der Analyse des Nutzerverhaltens, und an anderer Stelle wird darauf hingewiesen, dass die KI nicht in den Endgeräten steckt, sondern in zentralen Servern. Also wird das Nutzerverhalten brühwarm an diese Server übermittelt, wo es dann im großen Stil analysiert wird. Wohlgemerkt, es geht hier um nutzerspezifische Dinge, also um ganz persönliche Daten, und nicht um ein paar technische Informationen. Unfassbar. Wir regen uns über eine dreckige Daten-Analysefirma wie Cambridge Analytica auf und lassen an anderer Stelle zu, dass unser Kühlschrank der Zentrale meldet, wann ich nachts mein Bier oder meine Milch trinke, oder dass der Saugroboter den Server davon unterrichtet, wann ich nicht zu Hause bin. Oder gewohnheitsmäßig auf dem Klo.
- Es wurde wiederholt davor gewarnt, dass die vernetzten Hausgeräte beliebte Einfallstore für Hackerangriffe sind. Jedenfalls stellen sie Verbreitungs-Plattformen für gefährliche Schadsoftware dar. Kurz: Mit Sicherheit hat der smarte Hauskram nichts zu tun, und die sogenannte „Intelligenz“ von Maschine, Ofen oder Kochtopf ist nur möglich, wenn der Haushalt sperrangelweit Richtung Internet geöffnet wird. Haus der offenen Türen.
- Die größte Gefahr, die vom intelligenten Haushalt ausgeht, kommt auf leisen Sohlen daher, schleichend, smart eben. Sie „verstehen“ ihre Benutzer, gehen auf sie ein, finden deren Gewohnheiten heraus und verfestigen diese. Für kreative Abweichungen ist kein Platz mehr, die Handlungen werden automatisiert. Der Kühlschrank, der die nächtliche Milch [1] zur gewohnten Zeit abkühlt, ist hilflos, wenn der Milchtrinker mal um zwölf, mal um zwei Uhr nach dem weißen Gesöff verlangt. Und da kühle Milch besser schmeckt als nicht ganz so kühle Milch, passt sich der milchtrinkende Gesundmensch seinem Kühlschrank an, stabilisiert seine Gewohnheiten und weist alles Ungewohnte zurück. Und der Saubermensch, der seinem Saugroboter nicht im Weg stehen will, geht dann aus dem Haus, wenn der intelligente Sauger in Aktion treten will. Kurz: die Haushaltsgeräte automatisieren den Tageslauf der Menschen, die sich anpassen. Natürlich kann man einen Saugroboter auch von Hand anwerfen, und zwar immer dann, wenn man den Raum nicht betreten muss, aber genau das ist ja nicht der Zweck eines mit KI gesteuerten Hauhalts. Bei vernünftigem Gebrauch benötigen die Haushaltsgeräte keine künstliche Intelligenz oder Internetanbindung.
[1] Gibt’s das wirklich, nächtlichen Durst auf Milch? Durst auf ein Bier, das kann ich verstehen, aber Milch passt besser in das Werbekonzept der Gerätehersteller. Milch ist gesund, und so bekommt der „intelligente“ Gerätepark klammheimlich noch den Gesundstempel aufgedruckt, unmerklich für den Käufer oder Benutzer. Aber Werbung ist halt größtenteils ein Spiel mit dem Unbewussten, mit verstecken Assoziationen, mit hintergründigen Wünschen und Abneigungen.