Auf zum fröhlichen Gendern

Jeder Mensch ist vor dem Gesetz gleich; er (gemeint ist der Mensch, der auch weiblich sein kann) hat den gleichen Anspruch auf Wahrung seiner Würde wie alle anderen. Diese Maxime ist absolut und bedarf keiner Begründung oder Eingrenzung. Nur mit der Sprache hapert es noch. Deshalb, quasi als Einstieg in die folgenden Gedankengänge, eine kleine Umformulierung, bei der wir “Mensch” durch “Person” ersetzen: Jede Person ist vor dem Gesetz gleich; sie (gemeint ist die Person, die auch männlich sein kann) hat den gleichen Anspruch auf Wahrung ihrer Würde.

Hmm, da deutet sich eine arge Zwickmühle an: Was nützen uns die besten Absichten, was nützen uns die klarsten Bekenntnisse, wenn uns die sprachlichen Mittel fehlen, um sie gebührend umzusetzen? Dabei hat man nach landläufiger Meinung die Sprache als Ursache für eklatante Missstände in der Gesellschaft ausgemacht. Wer im Netz Hass und Hetze verbreitet, wird sich irgendwann womöglich steigern und zum Messer greifen. Oder andere dazu verleiten. Wer lauthals über Moscheen und Synagogen schimpft, gehört zu der Gruppe von Menschen, die irgendwann aktiv werden können, zuerst mit der Farb-Spraydose, dann mit Molotowcocktails. Wer sich abwertend über das andere Geschlecht äußert, dessen Hand könnte sehr schnell im Umgang mit dem anderen Geschlecht ausrutschen.

Dieser Kausalzusammenhang, demzufolge viele Handlungen und Einstellungen eine unmittelbare Folge von verfehltem Sprachgebrauch sind, führt folgerichtig zu dem Kerngedanken, bei der Sprache anzusetzen, um gesellschaftliche Verbesserungen zu erzielen. Und da eines der Grundübel unserer Gesellschaft immer noch die Diskriminierung von Menschen mit anderem Geschlecht bzw. mit anderen sexuellen Orientierungen ist, versucht man nun, das Übel an der Wurzel zu packen, das heißt bei der Sprache. Es geht also um eine “gendergerechte Sprache”. Sogar der Duden-Verlag hat sich diesem Anliegen verpflichtet und steht vor einem Paradigmenwechsel. Er versteht sich nicht mehr als Beobachter und Hüter einer natürlich wachsenden Sprache, sondern als Schöpfer einer künstlich-synthetischen Sprache mit klarem politischen Anspruch. Was natürlich auch das wohlige Gefühl von Macht und Einflussmöglichkeit vermittelt. Und wenn da eine gewisse Anfälligkeit für fundamentalistische Anschauungen mitspielt – was soll’s. Zeitströmungen vermögen manches in den Rang ener Errungenschaft zu heben.

Aber schauen wir uns doch mal an, wo das Problem liegt. Als Beispiel nehmen wir irgendein Open-Air-Konzert (Corona lassen wir mal beseite). Riesenverfolg, in den Medien wird anschließend berichtet, dass es 15000 begeisterte Besucher gegeben hat. Da zuckt man förmlich zusammen; hat es keine Besucherinnen gegeben? Und wenn doch, hat man die einfach nicht mitgezählt, quasi nicht beachtet? Waren es in Wirklichkeit 30000? Wenn man nur die männliche Pluralform benutzt, dann muss man ja förmlich annehmen, dass eine reine Männergesellschaft da herumrockte. Das ist nicht nur Diskriminierung, sondern eine klare journalistische Lüge. Oder?

Erste Zwischenbemerkung: Wenn Sie, lieb(e)(r) Leser(in), das Gefühl haben, dass bei meinen Äußerungen so etwas wie zarte Ironie mitschwingt, dann ist Ihre Antenne schon ganz gut ausgerichtet.

Bis vor einigen Jahrzehnten spielte dieser Missstand keine bedeutende Rolle. Waren es Feministinnen, die schließlich auf die sprachliche Diskrininierung des weiblichen Teils der Bevölkerung aufmerksam machten?  Egal, jedenfalls sprach man mehr und mehr beide Geschlechter an. Man sprach also nicht mehr von den Lehrern, sondern von Lehrerinnen und Lehrern, von Schülerinnen und Schülern, von Hündinnen und Rüden. Absolut korrekt, aber irgendwie ein bisschen umständlich. Besonders deutlich wurde das in letzter Zeit bei der Berichterstattung über Corona-Maßnahmen. Da traten sie regelmäßig zusammen, die Ministerpräsidentinnen und Ministerpräsidenten. Für Politikerinnen und Politiker, die ja immer viel zu erzählen haben, stellte dieses Ungetüm (16 Silben) ein arges Hindernis dar, das sie mit Redeschwung zu überwinden versuchten. Es wurde schnell mal ein “Ministerpräsidentin und Ministerpräsidenten” daraus, schließlich sogar “Misterpräsidentn und Misterpräsidentn”. Heißa, es lebe die flüssige Sprache.

Also nicht ideal, diese doppelte Ansprache, und ich  kann verstehen, dass man sie nicht konsequent anwandte. Gelegentlich mal, um die eigene, gendergerechte Einstellung zu unterstreichen. Und so kann es nicht verwundern, dass man seit einigen Jahren nach bequemeren Lösungen sucht. Schließlich, liebe Leser*In, stieß man auf das Gendersternchen. Ok, wenn’s um die Schriftsprache geht, ist manches möglich; wir haben uns ja inzwischen auch an die Großschreibung mitten im Wort gewöhnt: eMail, ZuschauerIn usw. Papier und Datenträger sind geduldig, da kann man zusammenbasteln, was der anloge oder digitale Setzkasten hergibt.

Doch Sprache wird ja auch – gesprochen. Da wird’s allerdings etwas schwieriger. Unterbrechung mitten im Wort, so eine Art Schluckauf? Dabei protestieren einige Stimmbänder, die in Sachen Gendergerechtigkeit noch ungeübt sind. Mündliche Sprache strebt nämlich nach flüssigem Ablauf und sperrt sich etwas dagegen, mitten im Wort eine Schweige-Zehntelsekunde für Geschlechtergerechtigkeit einzulegen. Natürlich kann man den Genderunterbrechungsschluckauf üben, und einige sprachgewandte Zeitgenossen in Medien und Politik haben ihn schon ganz gut drauf. Ich denke da an Klaus Kleber oder einige der Außendienstmitarbeiter des ZDF. Beeindruckend, wie diese Leute das sprachliche Stolpern beherrschen und dabei gekonnt ein verlegenes Grinsen unterdrücken. Meisterleistung – sprachlich und mimisch.

Zweite Zwischenbemerkung: Tut mir leid, aber ganz ohne Sarkasmus kann ich das Thema nicht abarbeiten. Mal sehen, ob ich noch deutlicher werden muss.

Leider ist nicht jeder ein Sprechpausenkünstler, und so ist zu erwarten, dass die meisten Leute die Genderfurche einfach verschleifen, glatt machen. Dann wird aus “Besucher … Innen” schließlich nur noch “Besucherinnen”. Auch kein Malheur, denn es gibt deutliche Anzeichen, dass ein Jahrhundert der Frauen angebrochen ist. Warum zur Abwechslung also nicht mal ein Matriarchat? Wir Männer sind noch nicht so empfindsam, wenn es um Geschlechtergerechtigkeit geht – solange wir noch an den entscheidenden Schalthebeln sitzen.

Doch mit fortschreitendem Gendern und schleichendem Verlust an Einfluss werden auch die Männer sensibler, und sie werden sich fragen, wo sie denn bleiben, wenn zum Beispiel die “Journalist*Innen” angesprochen werden. Der männliche Plural ist ja wohl “Journalisten”. Also doppeltes Gendern? Ginge ja, etwa so: “Journalist*en*innen”. Oder (Ladies first): “Journalist*innen*en”. Oder wir schneiden das Maskulinum aus der Rippe des Femininums, wie weiland mit umgekehrten Vorzeichen bei Adam und Eva. Dann hätten wir “Journalist*inn*en”. Wow. Noch ein paar Beispiele? Wie wär’s mit “Friseur*e*innen”. Oder “Amateur*innen*e”.

Manchmal frage ich mich, wie es unsere europäischen Nachbar*Innen machen. Liebe Engländer*Innen, habt ihr ähnliche Sprachprobleme wie die weiblichen und männlichen Teutonen? Oder fragen wir mal die Einwohner von Frankreich, die ja Wert auf sprachliche Eleganz legen. Wie soll ich sie anreden, etwa mit “Liebe Französ*Innen”? Aua, tut weh, also besser doch “liebe Franzos*Innen”? Ach, lassen wir’s, sollen die sich doch selber mit dem Genderproblem herumschlagen.

Zwischenbemerkung Nummer drei: Sorry, aber nun wird’s wirklich drastisch. Hoffentlich gelingt es mir, nicht beleidigend zu werden.

Das Gendern wurde ja erfunden, um die Menschen aller Geschlechter (wieviel gibt es inzwischen?) und aller geschlechtlichen Orientierungen anzusprechen, was im Prinzip nur beim Plural erforderlich ist. Im Singular lassen sich die Leute ja direkt mit dem passenden Genus ansprechen, meistens jedenfalls. Also Plural. Dennoch gibt es Versuche, auch im Singular zu gendern. So empörte sich eine junge Dame in irgendeiner Fernsehsendung darüber, dass zu viele Menschen Probleme mit dem Gendersternchen hätten. Ja, sie selbst sei eine Feminist*In. Dazu kann ich nur sagen: Du bist keine Feministin oder Feminist*In, sondern ganz einfach eine blöde Kuh. Und da du für mich Singular bist, kann ich mich auf die weibliche Form beschränken und den Ochsen außen vor lassen. Womit ich natürlich nicht sagen will, dass Ochsen in dem hier geschilderten Kontext keine Rolle spielen. Wenn man mal in die Parteizentralen oder einige Redaktionen hineinschaut …

Schwieriger wird der Fall bei einer Nachrichtensprecherin, die von “unserer Bundeskanzler*In” sprach. Ich bin mir nicht sicher, ob ich das akustisch richtig verstanden habe; immerhin halte ich die Moderatorin für durchaus kompetent. Vielleicht wollte sie das Gendern in den öffentlich-rechtlichen Medien auch nur auf die Schippe nehmen. Will ich mal annehmen.

Aber es gibt trotzdem einige Situationen, wo gendergerechte Sprache auch im Singular bedeutsam werden könnte. Beispiel: “Der Betrachter wird sofort von der freundlichen Stimmung, die das Gemälde ausstrahlt, berührt.” Klar, kann natürlich auch eine Betrachterin sein, auf jeden Fall aber ist eine Einzelperson gemeint, die vor dem Bild steht. Hier wird das Gendersternchen so richtig gefordert, weil zusätzlich zur Person noch ein Artikel gegendert werden müsste. Also: “Die*der Betrachter*In …” usw. Könnte es sein, dass das Sternchengendern sich überhaupt nicht mit der gewachsenen Sprache verträgt und eine völlig neu konstruierte Sprache erfordert? Oder könnte es sein, dass das Sternchengendern eine total bescheuerte Angelegenheit ist? Oder sollen wird einfach die Klappe halten und nichts mehr sagen? Wäre vielleicht keine schlechte Alternative.

Vielleicht versuchen wir’s mit einem völlig anderen Ansatz: Wir arbeiten daran, unsere innere Gesinnung frei von Diskriminierungen zu halten. Dann würde die sprachliche Äußerung nebensächlich, und wir hätten keine Probleme, wenn die geschlechtsneutrale Pluralform mit der femininen oder maskulinen Pluralform übereinstimmt. Wenn es nicht offensichtlich ist, dass alle Geschlechter gemeint sind, kann man ja immer noch die verschiedenen Pluralformen einzeln nennen. Vielleicht sollten wir weniger die formalen Aspekte betonen und stattdessen das in den Vordergrund rücken, was der Mensch mit dem Hören oder Lesen von Sprache verbindet.

Vielleicht sollte man auch mal über die Bedeutung von Political Correctness im Sprachgebrauch nachdenken. Oberflächliches Sprachwohlverhalten, das am Kern der Sache vorbeigeht. Denken wir an die lächerliche Umbenennung der “Zigeunersauce” in “Paprikasauce”. Oder die Benachteiligung der “indigenen Bevölkerung” Amerikas. Als einsichtiger Sprachbenutzer habe ich das Etikett “Indianerbücher” am Bücherregal ausgetauscht. Da steht nun korrekt “Nordamerika-Indigenen-Literatur”. Jetzt kann mir keiner mehr was wollen. Bei der Gelegenheit habe ich auch die CD vernichtet, auf der Alexandra den “Zigeunerjungen” besingt. Bücher- und Medienverbrennung V 2.0? Da gibt es etliches, dass ich eigenlich den Flammen übergeben müsste: Karl May, Wilhelm Busch usw. Und natürlich meine Sammlung von “Ein Herz und eine Seele”. Der neue Mensch ist halt kein Mensch einer schwammigen inneren Gesinnung, sondern der Mensch einer korrekten Sprache. Nicht der schwer kontrollierbare Inhalt soll nach Meinung der Genderer im Fokus stehen, sondern die jederzeit überprüfbare Fassade, die Oberfläche. Wenn die nämlich in Ordnung ist, wird’s drinnen auch wohl stimmen. Meint man, wie gesagt.

Zeitgerechte Hinwendung zum Formalen, leicht zu digitalisieren übrigens. Und algorithmisch präzise zu kontrollieren und zu beurteilen, was viel Erfolg verspricht. Auf in eine bessere Zukunft.

Ransomware

Immer häufiger schlagen die Internetkriminellen zu. “Besorgniserregend” nennen es inzwischen einige Zeitgenossen, auch solche, die bisher vor allem durch ihre Blauäugigkeit in Erscheinung getreten sind. Immerhin.

Was ist geschehen? Ein besonders dreister Angriff mittels Ransomware. Tausende von Servern wurden lahmgelegt, und die Urheber forderten für das Aufheben der Verschlüsselung ein Lösegeld von 60 Millionen Dollar. Oder 70 Millionen, egal. Wie immer geht es im Umgang mit derlei Fiesem um drei Dinge: Ursachen, Folgen und Vermeidung ähnlicher Schadensfälle in der Zukunft.

Ursachen. Als Verursacher hat man eine kriminelle, russische Hackergruppe ausgemacht. Kann auch eine staatlich gelenkte Gruppe sein, aber das ist unerheblich, da die Grenzen in Putins Reich fließend sind. Vielleicht waren es auch gar keine Russen. Auf jeden Fall kann man die Bösewichter wohl nicht schnappen, und die Welt muss ertragen, dass sie weiter aktiv sein werden. Mit steigender Tendenz. Aber eines muss man ebenfalls sehen: Gut sind sie, diese Leute, verdammt gut.

Folgen. Na ja, so schlimm ist dieser Einzelfall ja gar nicht. Was sind schon 60 Millionen Lösegeld oder 600 Millionen für die Behebung des Schadens. Sicher, es summiert sich, da die Hackerangriffe sich häufen, und insgesamt kommen da schon etliche Milliarden heraus. Dennoch ist das alles noch überschaubar, weil die Lösegeldforderer sich ja melden müssen. Wirklich gefährliche Hacker mit nationalen Interessen und mit nationaler Unterstützung arbeiten verdeckt. Sie halten die Entdeckung von Schwachstellen geheim und pflegen sie. Sie ölen die Angeln an den Türen, die vom Feind als sicher angenommen werden, durch die man aber im Ernstfall bequem in die zentralen Kommandostellen eindringen kann. Dieser Ernstfall ist mit 100 Millionen Dollar nicht zu beheben, auch nicht mit 100 Milliarden. Dabei geht es um die Existenz ganzer Länder.

Absicherung. Klar, digitalerleuchtete Fachmenschen wissen, was zu tun ist. Betriebe und Verwaltungen müssen mehr in die Sicherheit investieren, und ansonsten: tolle (= unbrauchbare) Passwörter und auf jeden Fall Verschlüsselung der Daten. Dass alle Passwörter auf irgendeinem Weg zu knacken sind, und dass auch verschlüsselte Daten zerstört bzw. erneut verschlüsselt werden können, spricht man nicht aus. Das würde ja die Zuversicht in die digitale Zukunft beeinträchtigen. Und ganz nebenbei. Wie will man die Millionen von Privatrechnern im Home-Office absichern? Wie will man die Datenreinheit des ganzen smarten Hauskrimskrams garantieren? Wie will man die Clouds vor Turbolenzen schützen? Und vor allem: Wie will man die vielen, vielen Sicherheitslücken, die noch unentdeckt in den völlig undurchschaubaren und überfrachteten Betriebssystemen schlummern (Tendenz steigend), aufdecken?

Das Internet ist definitiv nicht abzusichern. Das eine, globale Netz, in dem man von jedem Ort aus alle Orte in der Welt erreichen kann, verspricht zwar digitales Glück, ist aber sicherheitsmäßig nur eine Utopie. Das funktioniert nicht, kann gar nicht funktionieren. Stellen wir uns vor, wir würden (und könnten) all unsere Warenströme einschließlich des Verteidigungsmaterials kreuz und quer durch alle Länder der Erde schicken. Etwa so: Hamburg – Moskau – Riad – Bremen. Natürlich wären die Fahrzeuge mit Schlössern gesichert, wären die Schlüssel irgendwo versteckt (Passwörter). Natürlich würden die Inhalte vorübergehend unbrauchbar gemacht (Verschlüsselung). Dennoch ein mulmiges Gefühl? Zu recht, aber genau so funktioniert das Internet.

Bleibt noch zu berichten, wie ich privat mit der strukturellen Unsicherheit des Internets umgehe. Ich arbeite viel mit dem Computer, sehr viel sogar. So programmiere ich intensiv, befasse mich mit Algorithmen usw. Ich schreibe relativ viel, bearbeite und verwalte eine Unmenge von Fotos. Ich schaue mir Filme auf DVDs an, gestalte Dinge für den 3D-Drucker mit Blender, gestalte Seiten für meine Homepage. Usw. Für all diese Tätigkeiten, die etwa 90% meiner Computerarbeit ausmachen, benötige ich kein Internet. Folgerichtig benutze ich dafür einen Rechner ohne Intenetanbindung; so brauche ich mich nicht mit Hackerangriffen herumzuschlagen, und meine sensiblen, persönlichen Daten verlassen nicht meine 4 Wände. Ja, wenn ich gelegentlich mal etwas unter Windows erledigen muss, starte ich Windows XP (jawohl, richtig gelesen: XP) mit seiner klaren Bedienungsoberfläche. Nach XP ging’s ja nur noch bergab.

Sicher, ganz ohne Internet geht es auch bei mir nicht. Dazu setze ich mich an den anderen Rechner, aber hier gilt die eiserne Devise: Ins Internet geht es nur unter Linux. Sollten wichtige Daten anfallen (der meiste Kram aus dem Internet ist relativ wertlos und schnell zu ersetzen), dann werden sie mittels Transport-Festplatte in den sicheren (= internetfreien) Rechner befördert.

Im übrigen gehe ich nicht davon aus, dass bei mir die Bedeutung des Internets zunimmt, denn das Netz wird immer sperriger und unbrauchbarer. Trotz Glasfaseranschluss muss ich seit einigen Wochen mitunter bis zu 3 Minuten warten, bevor eine Seite geladen ist. Erinnerung an alte Modem-Zeiten. Und die Suchmaschine von Google? Nur ein Beispiel: Ich suchte nach Informationen über den Vogel Condor. Fehleanzeige, nur Hinweise auf kommerzielle Seiten. Endlose Liste von Firmen, die “Condor” im Namen enthalten, und natürlich auch Links zum berühmten Flugzeug mit den Delta-Flügeln, meistens auch mit kommerziellem Bezug. Sachliche Informationen? Uninteressant für Google, weil damit keine Moneten zu verdienen sind. Ab in die hinteren Reihen. Die kommerzielle Versumpfung in Form von Werbeeinnahmen ist neben der prinzipiellen Unsicherheit der zweite faule Stamm, auf dem das Internet gelagert ist.

 

Sanktionen

Über den letzten Schurkenstreich von Alexander Lukaschenko brauche ich wohl kein Wort zu verlieren. Und dass Putin gerne den einen oder anderen Folterknecht unter seine stinkende Decke kriechen lässt, ist ebenfalls weithin bekannt.

Hier soll es vielmehr um die Reaktion der westlichen Staaten gehen. Sicher, diese Art von Luftpiraterie kann man nicht einfach hinnehmen, da sind sich (ausnahmsweise) alle EU-Staaten einig. Unsere oberste Politikerin, Frau Merkel, zeigt sich entsetzt und verurteilt die Vorgänge in Belarus als “beispiellos” und “inakzeptabel”. Huh, bei solch scharfen Worten muss beim Alexander ja der Angschweiß ausbrechen.

Immerhin ist der Westen entschlossen, zu schärferen Mitteln zu greifen. Na ja, man denkt darüber nach, ob man in Erwägung ziehen sollte, ernsthaft  zu überlegen, ob man echte Sanktionen in Betracht ziehen sollte. Dauert natürlich, und dass Groll und Empörung langsam im Sand versickern, ist ein probates Mittel von Realpolitik. Überhaupt ist Zeitgewinn geeignet, der Vernunft einen Raum zu geben. Inzwischen mehren sich die bekannten Stimmen der Vernunft, die darauf pochen, auf jeden Fall mit den Machthabern in Belarus im Gespräch zu bleiben. Und was Sanktionen betrifft, so müsse man darauf achten, dass nicht die Bevölkerung, sondern nur die Machthaber getroffen werden. Außerdem dürfen wirtschaftliche und kulturelle Beziehungen nicht nachhaltig gestört werden, gerade wenn sie so schwach ausgeprägt sind wie die zwischen Deutschland und Weißrussland.

Also bleibt es dabei – von ein paar oberflächlichen Piksen abgesehen. Die Welt hat ja bereits einschlägige Erfahrungen im Zuschauen. Denken wir nur an die Passivität der Staaten, als – für alle unübersehbar – unser Adolf den Holocaust vorbereitete. Auch die Kriegsabsichten mit den vorhersehbaren Folgen waren deutlich zu erkennen, spätestens nach dem Einfall in Polen. Oder denken wir an die Gottergebenheit, mit der Europa zuschaut, wie der neue Sultan die Türkei zugrunde richtet, ja sogar einen Teil Syriens besetzt. Realpolitik. Oder Schwanz einkneifen um des Vorteils willen, Argumente dafür lassen sich immer finden. Wie im Theater: Man sitzt im Zuschauerraum und betrachtet das Geschehen auf der Bühne mit dem wohligen Gefühl, das alles ja nur Theater ist. Und angesichts des grauenvollen Theaterspiels auf der Weltbühne treten erneut die Vernünftigen auf, die nach diplomatischen Lösungen rufen. Vernünftig wirkungslos.

Nun hat der Politverbrecher von Minsk noch ein widerliches Stück draufgesetzt. Der entführte Systemkritiker wurde vor die Kamera gesetzt und durfte sein Loblied auf Lukaschenko und seine Bande singen. Natürlich ist der Gesang unter Folter oder zumindest unter Androhung von Folter zustande gekommen. Kann eine Politikerbande noch dreckiger agieren? Wie wird Lukaschenko überhaupt enden? So wie der rumänische Diktator, Nicolae Ceausescu, erschossen und in die Gosse geworfen? Oder wie Benito Mussonini, öffentlich an den Beinen aufgehängt? Ja, ich weiß, dass solche Gedanken nicht mit dem rechtsstaatlichen Prinzip vereinbar sind, aber die Henker stehen auch im Fall Lukaschenko doch schon bereit, und zwar in Form des misshandelten, aufgebrachten Volkes. Doch vielleicht gewährt ihm am Ende ein anderer Politverbrecher Asyl. Lukaschenko und Putin sind ja nicht die einzigen dieser Sorte.

 

 

Zynische Verarschung

Die Datenschutzgrundverordnung bringt es ans Licht: Die meisten (fast alle) Webseiten verwenden Cookies. Nötig oder sinnvoll sind diese Dinger bei den allerwenigsten Internetseiten. Da fragt man sich natürlich, wozu die Cookies verwendet werden. Oder, besser gesagt, missbraucht werden. Hinzu kommt noch, dass die aufploppenden Banner, mit denen um die Zustimmung für Cookies geworben wird, einfach nur nerven.

Bemerkenswert sind vor allem die Texte, mit denen der Besucher aufgefordert wird, seine Zustimmung zu den Cookies zu geben. Fast alle sind so formuliert, dass man den Einrduck gewinnt, ohne die Zustimmung gar nicht erst auf die Seite zu gelangen. Höhepunkt dieser Aktionen sind Hinweise wie “Wir respektieren Ihre Privatsphäre, deshalb …” Mit anderen Worten: “Im Interesse Ihrer Privatsphäre sollten Sie die Cookies respektieren.” Geht’s noch zynischer? Kann man Mitmenschen noch widerlicher verarschen bzw. manipulieren? Die Werbeindustrie, die ja wohl dahinter steckt, war nie verlegen, wenn es um die Beeinflussung von Kunden geht, aber bevor die Welt “digitalisiert” wurde, ging es in erster Linie um Produkte. Die von Algorithmen gesteuerte Werbung im Internet hat aber eindeutig die Menschen mit ihren individuellen Verhaltensweisen, Stärken und Schwächen im Auge. “Personenbezogene Werbung” nenn man diesen Verstoß gegen die Grundrechte. Es geht um Freiheit, um zwar um echte Freiheit, um den Entscheidungsraum von Menschen, nicht um so belanglose Dinge wie die vorübergehenden Einschränkungen des Reiseverkehrs wegen Corona.

Die aufploppenden Banner, mit denen die Cookie-Erlaubnis erschlichen wird, sind einerseits sicherlich nervig; sie sollten aber auch als Warnhinweise verstanden werden. Soo darf Digitalisierung nicht ablaufen. Ich drücke ein weiteres Mal die Daumen für Max Schrems. Dieser Junge hat bereits mehr gegen den Datenmissbrauch im Netz bewirkt, als alle Politiker zusammen.

Schlusslicht

Digital – das ist die große Verheißung. Digital, das bedeutet fortschrittlich, zukunftsorientiert. Jedenfalls nach landläufiger Meinung. Analog dagegen heißt rückwärtsgewandt, technisch rückständig, unvollkommen, im Grunde obsolet. Zweifel an dem Segen der Digitalisierung kommen überhaupt nicht auf, dafür ist das Versprechen einer digitalen, komfortablen Zukunft zu eindringlich. – Natürlich ist diese Auffassung blauäugig und naiv. Abgesehen davon, dass sich “digital” und “analog” überhaupt nicht als Attribute für alles und jedes eignen, sind sie kein Gegensatz. Vielmehr ergänzen sich die beiden Techniken. Nicht plausibel? Einfach mal etwas darüber nachdenken, wie eine digitale Personenwaage funktioniert, oder eine Videokonferenz, oder eine Digitalkamera. Ich werde in einem späteren Beitrag noch genauer auf die Begriffe eingehen.

Zunächst aber müssen wir Deutschen leiden, weil der Digitalisierungszug einfach nicht so viel Fahrt aufnehmen will wie bei unseren Nachbarn. Nur 65% der Leute kaufen bei uns digital (gemeint ist “online”) ein, im europäischen Durchschnitt sind es 80%. So berichtet unsere Tageszeitung heute. Und in der Überschrift heißt es bedauernd “Schlusslicht bei digitaler Nutzung”. “Die Deutschen setzen nach wie vor lieber auf den persönlichen Kontakt” ist in dem kleinen Zeitungsartikel zu lesen.

Schlimm, oder? Wo doch Digitalisierung soo vorteilhaft und demnach erstrebenswert ist. Schlusslicht! Huh, das schämt man sich ja direkt. Es sei denn, man formuliert die Sache anders herum, nämlich positiv. Demzufolge wäre Deutschland Spitzenreiter, wenn es um die Bewahrung zwischenmenschlicher Kontakte geht. Na, wie klingt das?

 

Hass und Verrohung

Es wird zur Zeit sehr viel diskutiert über den hasserfüllten Umgang mit Mitmenschen in der Gesellschaft. Innenminister Seehofer spricht gar von “Verrohung”, und immer wieder stößt man auf Warnungen, dass hasserfüllte Worte irgendwann zu entsprechenden Taten führen können, bis hin zu Tötungsdelikten.

Sicherlich gibt es einen Zusammenhang zwischen Worten und Taten, aber ich glaube nicht, dass Worte die Hauptursache für die schlimmen, oft politisch motivierten Auswüchse sind. Die eigentlichen Ursachen stecken tiefer, aber Worte können den einen oder anderen Kanal öffnen, über den sich das Übel entlädt. Aber auch Worte an sich können schon verletztend genug sein, selbst wenn keine Taten folgen. Angst, Minderwertigkeitsgefühle oder totale Mutlosigkeit sind Verletzungen, die man nicht unterschätzen darf. Ja, Worte können in gewisser Weise töten.

Einig sind sich alle Beobachter darin, dass das Internet mit seinen “sozialen” Plattformen den entscheidenen Anteil an der Verrohung der Gesellschaft hat. Nur wie man dieses Übel bekämpft, darüber gibt es recht merkwürdige, meistens sogar überhaupt keine schlüssigen Meinungen. “Wir müssen dafür sorgen, dass die Menschen sich wieder mit mehr Achtung begegnen!” Au ja, gute Absicht. Oder: “Die Plattformen im Netz müssen zur Verantwortung gezogen werden. Sie müssen dafür sorgen, dass Hassbeiträge gelöscht werden.” Wunderbar, doch wie?

Vielleicht liefert ein Kommentar in den Nürnberger Nachrichten einen brauchbaren Ansatz: “Wir brauchen eine mutige Streit-Kultur. Zu oft verlernen wir die Kunst der Debatte, zu oft wird gebrüllt statt argumentiert.” Na ja, wie man im Netz eine Streitkultur entwickeln soll, kann ich mir nicht vorstellen. Doch der letzte Satz liefert m.E. einen wichtigen Hinweis: Gebrülle statt Argumente. Genau das ist das, was die “sozialen” Medien ausmacht. Sie wollen, dass gebrüllt und zurückgebrüllt wird, denn damit werden die Milliarden verdient. Ausgewogene, etwa noch begründete Argumente? Meine Güte, das liest doch keiner, damit lässt sich kein Traffic erzeugen – und kein Geld. Kurz muss es sein, und möglichst viel davon. Twitter lebt von diesem Prinzip, ebenso wie die Kommentare zu allem Möglichen.

Solange hier nicht radikal aufgeräumt wird, wird sich nichts ändern. Das heißt, es wird sich wohl was ändern, indem die Verrohung nämlich weiter zunimmt. Das Aufräumen bedeutet nicht mehr oder weniger als das Verbot von Plattformen, die mit personenbezogener Werbung [1] finanziert werden. Und es bedeutet den weitgehenden Verzicht auf die leidigen Kommentarspalten, die kaum belastbare Erkenntnisse liefern und stattdessen nur das Gieren nach Bestätigung befriedigen.

[1] Abgesehen davon, dass personenbezogene Werbung zu üblen Geschäftsmodellen führt, ist diese Form der Werbung auch grundsätzlich abzulehnen, und zwar wegen der unumgänglichen Datensammelei und Datenanalyse. Dass diese Missbräuche nicht allgemein erkannt und geächtet werden, ist noch eine der unangenehmsten Begleiterscheinungen der hochgelobten Digitalisierung.

Freiheitsrechte

Nach einigem Zögern hat man sich auf breiter Basis zu einem Entschluss durchgerungen: Den Geimpften und den Genesenen muss es wieder möglich sein, ohne Einschränkungen am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Das hat nicht nur Vorteile für die Betroffenen selbst, denn mit dieser Befreiungsmaßnahme können langsam das Geschäftsleben, die Gastronomie und nicht zuletzt die Touristik wieder neu belebt und hochgefahren werden. Toll.

Sicher, man muss die Privilegierten ja irgendwie erkennen können, aber dazu wird es bestimmt eine Lösung geben. Wenn alle Stricke reißen, ist immer noch der Gott der fortschrittlichen Moderne, die Digitalisierung, ansprechbar. Mit seinen geweihten Geräten, den Smartphones, lassen sich alle Probleme in den Griff kriegen, auch die des Nachweises, dass man zu einer bevorzugten Kaste gehört. Zuversicht also.

Nun gab es allerdings auch gegenläufige Meinungen, Menschen, die von Diskriminierung der Nichtgeimpften sprachen. Hm, ja, da kann sich schon mal das Gewissen melden. Aber dann hatten einige maßgebliche Persönlichkeiten, allen voran unsere Justizministerin Christine Lambrecht oder der FDP-Lindner, den entscheidenden Gedanken. Wir haben überhaupt kein Recht, den Geimpften ihre grundgesetzliche zugesicherten Freiheitsrechte vorzuenthalten. Befreiend, da krabbelt das Gewissen ganz schnell in die dunkle Ecke.

Selten wurde der Begriff “Freiheitsrechte” so häufig gebraucht wie gegenwärtig. Freiheit, ja, ein hohes Gut. Vielleicht das höchste, auf das Menschen in der Gesellschaft einen Anspruch haben. Freiheit, sich so zu bewegen, wie man möchte – wenn man nicht gerade auf der Arbeit oder im Straßenverkehr. ist. Freiheit, das zu tun, was man möchte – wenn man nicht gerade etwas Böses oder Ungesetzliches oder Unordentliches im Sinn hat. Freiheit, das zu denken, was einen bewegt – wenn man nicht gerade die Gedanken, die Wünsche und das Wollen vom Smartphone empfängt. Ja, so ist das mit der Freiheit und den hochgelobten Freiheitsrechten. Vielleicht sollte man ein wenig über wirkliche Freiheit nachdenken. Sie sind nicht einfach, diese Gedanken, auch unbequem und irgendwie zeitlos, also unmodern. Aber das nur am Rande.

Also beschränken wir uns auf die Freiheit, nach Malle fahren zu dürfen oder mit möglichst vielen Freunden, die wir ja dank Facebook und Co. haben, die überschäumende Lebensfreude genießen zu dürfen. Wichtig, keine Frage. Und nützlich, wie ich eingangs schon erwähnte.

Fassen wir noch mal zusammen: Jeder Mensch hat seine Rechte, und die dürfen ohne zwingenden Grund nicht eingeschränkt werden. Wenn es Menschen gibt, von denen eine Infektionsgefahr ausgeht, müssen diese – und nur diese – vom gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen werden. Leider, aber unvermeidbar. Dieser schlichte Gedankengang ist übrigens nicht neu. In Indien oder im arabisch-orientalischen Kulturraum hat man vor Jahrhunderten ähnlich gedacht und danach gehandelt. Da mussten auch zum Schutz der gesunden Allgmeinheit bestimmte Menschen ausgeschlossen und isoliert werden, die eine Infektionsgefahr darstellten. Es waren die Leprakranken, die Aussätzigen (im wahrsten Sinne des Wortes). Hat funktioniert.

Nun aber deutlich kritischer. Sicher, der Vergleich scheint überzogen zu sein, zumindest auf den ersten Blick. Aber er wirft einige entscheidende Fragen auf: Kann man, darf man Grundrechte differenziert anwenden, also je nach individueller Lage verteilen? Darf man Bevölkerungsgruppen von Rechten ausschließen, wenn sie keine Chance haben, die Rechte, die man anderen gewährt, einzufordern bzw. zu verdienen? Wenn ja, warum ist die unterschiedliche Gewährung von Freiheitsrechten nicht im Grundgesetz verankert, in jenem Gesetz, auf dass sich Frau Lambrecht so vehement beruft? Und wenn die unterschiedliche Verteilung von Rechten gesetzmäßig sein (werden) sollte, wie sieht das dann in anderen Bereichen aus: im Verkehrswesen, beim Umgang mit Waffen, überhaupt in bürgerlichen Belangen? Nicht zuletzt: Wie will man begründen, dass eine schwächere, anfällige Gruppe in ihren Rechten beschränkt wird, damit eine stärkere Gruppe geschützt wird?

Ich will diese Fragen auch gleich beantworten, und nun ohne versteckte Ironie: Wenn es notwendig und sinnvoll ist, dass bestimmte Teile der Bevölkerung mehr Aktionsfreiheit erhalten als andere Gruppen, dann ist das zwar Scheiße, aber kann als vorübergehende Maßnahme akzeptiert werden – notgedrungen. Hier aber mit Freiheitsrechten zu argumentieren, ist eine missbräuchliche Instrumentalisierung der Grundrechte. Grundrechte sind unteilbar und können nicht aus pragmatischen Gründen hier zugestanden, dort verweigert werden.

Datenschutz ist übrigens ein weiterer moralisch-rechtlicher Wackelkandidat. Wenn er denn sein muss – aber nicht mehr als unbedingt nötig, damit der Fortschritt nicht behindert wird. Oder das Verhältnis zu Unrechtsstaaten wie Russland oder China. Ja, ansprechen soll man die Menschenrechtsverletzungen ja, aber nicht lauter als nötig, damit unsere Absatzmärkte und unser Wohlstand nicht eingeschränkt werden müssen. Unsere fortschrittliche, moderne Zeit – in vielerlei Hinsicht eine Zeit zum Kotzen. Eine Zeit das Überflusses an überflüssigem, minderwertigem Kram. Und eine Zeit, in der wir auf Rechte pochen, ohne zu wissen, was sie wirklich bedeuten.

Konsumnarren und ähnliche Digitalisierungsprodukte

Wenn man Politikern und Medienvertretern zuhört, gibt es nur einen gangbaren Weg in die Zukunft, nämlich den der Digitalisierung, und das möglichst schnell und möglichst weitreichend. Nichts soll davon ausgenommen werden, selbst die Bildung an den Schulen soll umfassend digitalisiert werden. Kreide und Tafel? Pfui, das ist ja ein Vergehen an unserer Jugend.

Was allerdings Digitalisierung bedeutet, ich glaube, darüber machen sich die wenigsten Leute Gedanken. Ich bezweifle sogar, dass die meisten Digital-Missionare überhaupt wissen, was man unter “digital” und “analog” zu verstehen hat. Wenn, um nur ein Beispiel zu nennen, von einem “digitalen Parteitag” die Rede ist, dann schimmert hier ein hohes Maß an sachlicher Unkenntnis durch.

Und so kann es nicht wirklich verwundern, dass die Leute blind in die “digitale Zukunft” (auch so ein toller Begriff) hineinstolpern. Alle positiven Effekte der Digitalisierung werden gesehen (oder sich eingebildet) und als Fortschritt gerühmt; fast alle negativen Effekte übersieht man geflissentlich oder verdrängt sie, weil sie sich nicht mit dem Fortschrittsgedanken vertragen. Sicher, manche dieser Gefahren oder “Störungen” rücken so langsam ins Bewusstsein der Zeitgenossen, wenngleich die Dimensionen noch nicht so richtig erfasst werden. Beispiel: Wenn es möglich ist, dass Hacker in die Server von Krankenhäusern eindringen, dann sollte man bedenken, dass Hacker mit etwas Mehraufwand lebenswichtige Strukturen ganzer Länder lahmlegen können. Die Vernichtungskriege der Zukunft erfolgen übers Internet. Schießgewehre und Atombomben? Spielzeug, kaum mehr als martialische Relikte aus der “analogen Vergangenheit”.

Und so gibt es mehrere Bereiche, wo man langsam beginnt, zumindest ein Unbehagen an sich heranzulassen. Eines aber ist bisher kaum in den Fokus von Kritikern gerückt, nämlich die Frage, was die Digitalsierung mit uns Menschen macht. Komfort und Bequemlichkeit? Klar doch, wir müssen unsern Hintern immer seltener aus dem bequemen Sessel hieven, und damit er nicht zu dick wird (der Hintern), lassen wir uns von digitalen Smartwatches oder Trackern durch die Gegend treiben. Zu blöd? Eigentlich schon, aber wir können dieses Gehabe ja ganz gut veredeln, indem wir das Etikett “Quantified Self” oder sowas drüberkleben. Und uns natürlich überreden lassen, dran zu glauben.

Damit komme ich zum Kerngedanken dieses Beitrags: Was ist eigentlich mit uns geschehen, wenn wir uns hemmungslos von den digitalen Verlockungen treiben lassen? In meinen Beiträgen habe ich wiederholt darauf hingewiesen, dass das “digitale Leben” die Menschen geistig und moralisch verkümmern lässt. Die Mechanismen, die das bewirken, sind unscheinbar, machen einen harmlosen Eindruck. Sie arbeiten langsam, leise und stetig, so wie die Tropfen, die auf Dauer einen Stein aushöhlen. Nein, ich will jetzt nicht schon wieder von den versteckten, zersetzenden Auswirkungen der sogenannten “sozialen” Netzwerke sprechen, sondern auf einen völlig unverdächtigen Sachverhalt hinweisen, nämlich auf das Streaming.

Streaming – ein echter Digitalerfolg. Musik hören, was, wo und wann man möchte. Filme anschauen: jederzeit und überall, egal, ob mit dem TV-Gerät, Computer oder Smartphone. Bequemer geht’s nicht, üppiger Mediengenuss, so etwas wie ein Medien-Schlaraffenland, und das ziemlich kostengünstig und auch noch lecker zubereitet (also hochauflösend). Dass das Streaming ein arger Energiefresser ist, will ich hier nur am Rande anmerken.

Überfluss erzeugt auch Überdruss. Dinge, die so reichlich zur Verfügung stehen, dass man sich daran sattfressen kann, erzeugen Magenbeschwerden und werden kaum noch genossen, sondern nur noch hineingestopft. Ein Überangebot senkt den Wert, macht Dinge, die an und für sich durchaus gut und wertvoll sein können, zu wenig geschätzten Massenartikeln. Ich erinnere mich daran, wie unsere Töchter vor einigen Jahren ihre Videoabende organisierten, und zwar im Rahmen eines Freundeskreises. Zwei abgesprochene Filme wurden vom jeweligen Gastgeber in der Diskothek besorgt, ein Gast war für das Popcorn zuständig, ein anderer Gast für den Whisky, der nach dem zweiten Film probiert wurde. Und natürlich wurde diskutiert, über die Filme ebenso wie über den Geschmack der Whikysorte. Doppelter, gezielter Genuss, kein Massenkonsum. Abende, an die sich die Beteiligten immer wieder erinnerten. Casablanca mit Dirk Bogarde? Ach ja, da hatten wir doch den Talisker Storm von der Insel Skye probiert. Und Frank hat die Marseillaise angestimmt.

Genuss oder Massenkonsum. Das Streaming steht eindeutig für Massenkonsum. Und da die dahinter stehenden Geschäftsmodelle von Netflix oder Disney usw. auf Massen fokussiert sind, werden Neuproduktionen so gestaltet, dass sie den Geschmack möglichst vieler Konsumenten treffen. Wertvollere, künstlerische Produkte haben kaum noch eine Chance. Der Medienwissenschaftler Gerd Hallenberger spricht in diesem Zusammenhang von “glattgebügelten” Eigenproduktionen.

Doch viel schlimmer noch sind die Algorithmen, die das Medienverhalten der Nutzer erkunden und auswerten. Jeder Nutzer soll das Gefühl haben, dass für ihn persönlich die richtigen Inhalte zur Verfügung stehen. Und so werden Vorschläge gemacht. Bei Netflix z.B. wird bei den Vorschlägen eine Übereinstimmung in Prozenten angegeben. Übereinstimmung womit? Klar, damit können nur die Vorlieben des Nutzers gemeint sein. Und so erhält man immer wieder das vorgeschlagen, was man halt gerne sieht. Wer es liebt, dass das Blut spritzt und die abgeschlagenen Köpfe durch die Gegend kullern, der wird an die Hand genommen und ind die Welt des Spartacus, des Cheruskers Arminius (“Barbaren”) oder der wilden Wikinger geführt. Und wenn man schon da ist, dann ist man sicherlich auch empfänglich für die Neuverfilmungen der Schlachten rund um Troja. Reichlich Gelegenheit zu blutigem Gemetzel, Hauptsache, der Konsument mag es. [1]

So werden also die Streaming-Konsumenten an die Hand genommen und durch die digitalisierte Medienwelt geführt. “Die Streaming-Dienste empfehlen den Nutzern nicht das Beste, sondern nur, was am besten zu ihnen passt. Das führt zu einer radikalen Einengung von Vorlieben und Geschmack.” (Gerd Hallenberger).  Markus Kleiner, Professor für Medien- und Kommunikationswissenschaft, sieht darin sogar eine Bedrohung der Demokratie, weil diese Leitmedien “uns abtrainieren, was wir brauchen, um mündige Bürger zu sein: allem voran die Fähigkeit zur selbstbestimmten Entscheidungsfindung.” Die Selbstbestimmung, also der Kern wirklicher Freiheit, bleibt auf der Strecke. Kunden, so Markus Kleiner, werden zu Narzissten und “Konsum-Narren” erzogen.

Tatsächlich liegen hier die größten Gefahren der Digitalisierung: Sie verändert die Menschen, und zwar zu ihrem Nachteil. Es geschieht unmerklich, schleichend, gekoppelt an Komfort-Mechanismen, die als angenehm empfunden werden. Die Menschen bezahlen die digitale Bequemlichkeit mit dem irreversiblen Verlust an Freiheit und Selbstbestimmung. Und die andere Seite, die Seite der Anbieter? Sie manipulieren Menschenmassen und generieren Gewinn – und Macht, das sind ausreichend Triebkräfte, um viele Tabus zu brechen und Werte auf die Müllhalde zu werfen.

Im übrigen ist das Streaming nicht die einzige bedenkliche Erscheinung der Digitalsierung. Eng verwandt mit dem Streaming ist die personenbezogene Werbung. Die Bezeichnung “Konsum-Narren” trifft auch auf jene Zeitgenossen zu, die der Internetwerbung Beachtung schenken und sich gut beraten fühlen, wenn ein unsichtbarer Algorithmus ihnen ein Produkt empfiehlt. Anlass, mal über den Erfolg von Amazon nachzudenken – sofern man noch bereit ist, sich auf anstrengendes Denken einzulassen. Denn auch das Denken wird zunehmend algorithmisiert. Befreit von der Last des Denkens und der Entscheidungen, tanzen die fortschrittlichen Menschen fröhlich um das Goldene Kalb der Moderne – die künstliche Intelligenz.

[1] Persönliches Beispiel. Ich hatte mich probehalber bei Netflix angemeldet, um die Serie “Bad Banks” mit brauchbaren Untertiteln verfolgen zu können. Zufällig stieß ich dabei auf die Serie “Spartacus”, und da mich die geschichtlichen Umstände im letzten Jahrhundert vor Christi sehr interessieren, habe ich einige Folgen der Serie angeschaut. Ich will es kurz machen: Blut, Blut, Blut – ein ständiges Gemetzel, zertrümmerte Schädel, herumfliegende, abgehackte Köpfe, herausgerissene Herzen, und wieder Blut, dass blubbernd im Sand der Arena versickert. Das alles extrem realistisch dargestellt. Sogar die Art und Weise, wie das Blut aus aufgeschnittenen Kehlen fließt, entspricht der Form des Schnittes. Perfekte Fluid-Simulationen, alles, was moderne Digitaltechnik hergibt. Und dann die Zuschauer auf den Rängen oder auf der Triibüne. Menschen, die vor Begeisterung brüllen, die angesichts des Gemetzels in Ekstase geraten; Frauen, die erregt und verzückt ihre Brüste entblößen, wenn in der Arena der Sieger sein Schwert langsam in den Hals des Unterlegenen schiebt. Oder, auch beliebt, in ein Auge stößt, so dass die Spitze am Hinterkopf wieder sichtbar austritt. Prominente, die sich betrogen fühlen, wenn ein Kampf nicht mit dem Tod eines der Gladiatoren endet.

Ich habe die Serie nicht zu Ende geschaut, denn diese Art von Darstellung stößt mich ab und fördert nicht die Spannung. Dann aber las ich irgendwo, dass etwa 80% der Betrachter die Serie gut finden. Ist diesen Betrachtern eigentlich klar, dass sie sich auf eine Stufe mit den Zuschauern in der antiken Arena stellen? Spaß an Grausamkeit und herumspritzendem Blut, auch heute noch. Aber zurück zum Streaming. Mein kurzes Hineinschauen in diese Serie bewirkte, dass Netflix mir ähnliche Produkte anbot: Barbaren (Gemetzel Germanen gegen Römer), Vikings (Gemetzel der Wikinger auf Raub- und Eroberungszügen) oder Troja (bekanntes Gemetzel außerhalb und innerhalb der Stadtmauern von Troja). Alle hatten eine “Übereinstimmung” von über 95%. Nachdem ich jeweils kurz hineingeschaut hatte, war mein persönliches Vorliebenprofil perfekt. Netflix teilte es mir sogar in einer Mail mit: Töten, Grausamkeit, Blut, Folterung usw. sind die Schlüsselworte meines Profils. Und entsprechend sehen die Empfehlungen auf der Startseite von Netflix aus.

Soll ich bei Netflix mal eine Reihe langweiliger Heimatfilme anschauen, um mein Profil in harmlosere Bahnen zu lenken? Wer weiß denn überhaupt, wer Zugang zu den Netflix-Profilen hat? Nee, besser, ich melde mich ab, so schnell wie möglich.

 

 

Amazon und das Paket

Der Gegenstand dieser Geschichte ist ein Paket. Genauer: ein Paket von Amazon. Noch genauer: ein Paket, das vom Amazon-Zustelldienst “Prime” verschludert wurde. Klar, dass da eine Menge Ärger mitspielt. Aber auch eine kleine Portion Amüsement ist dabei. Das alles ist jedoch kein Grund, die Angelegenheit öffentlich zu schildern. Erzählenswert ist die Geschichte vom Paket, weil sie einen eindrucksvollen Einblick in die Zustände einer total digitalisierten Welt bietet.

Aber von vorne. Ich bin kein großartiger Online-Einkäufer. Sicher, gelegentlich mal, wenn kein Laden in der Nähe ist, wo man den begehrten Artikel erstehen könnte. Und jetzt, in Corona-Zeiten geht sowieso vieles nur übers Netz. Also habe ich den dringend erforderlichen, technischen Gegenstand im Werte von knapp 50 Euro bei Amazon bestellt. Liefertermin sollte der 15.2.2021, also Rosenmontag sein. Nach Murphy hatte der Zusteller dann wohl zielgenau die halbe Stunde abgepasst, da ich mal kurz Luft schnappen ging. Jedenfalls fand ich am Tag drauf den Empfänger-verpasst-Zettel im Briefkasten mit dem angekreuzten HInweis, die Sendung sei an einem wichtigen Ort hinterlegt worden. “1 packet” und “Gelbe Tone” [1] hatte der Zusteller auf den Zettel gekritzelt.

Ich schaute in die gelbe Tonne, die nicht weit vom Briefkasten an der Hauswand in der Einfahrt stand. Leer bis auf den Grund, nicht die Spur eine Paketes. Geklaut? Ach nee, eigentlich eher unwahrscheinlich, wer bricht schon in gelbe Tonnen ein? Es dauerte einige Stunden, bis mir auf einmal der Sachverhalt klar wurde. Der Zusteller sah die gelbe Tonne, die halbgefüllt an der Wand stand und dachte sich wohl, dass das ein gutes Versteck sei. Und soo dreckig war der Verpackungsmüll ja auch nicht. Was der Gute nicht wissen konnte: Am Abend schob ich die Tonne ganz an die Straße, damit sie am nächsten Vormittag geleert werden konnte. Natürlich schaute ich nicht mehr hinein, wozu auch? Und so wanderte mein begehrtes Paket am Dienstagvormittag mitsamt dem Verpackungsmüll in den Müllwagen, und der Inhalt dürfte inzwischen wohl nach Wertstoffen getrennt worden sein.

Doch mein Zorn hielt nicht lange an. Im Grunde hatte der Zusteller gar nicht mal so verkehrt gedacht, denn schließlich stand die gelbe Tonne an der Wand und nicht an der Straße. Woher sollte der Zusteller wissen, dass am nächsten Tag die Tonne geleert wurde? Das Ganze war also eher ein Missgeschick mit einer amüsanten Note: Amazon als Universalversorger, der seine Aufgabe so ernst nimmt, dass er seine Ware gleich wieder entsorgt. Versorgungskomfort vom Anfang bis zum Ende. Oder Produktkontrolle während des gesamten Lebenszyklus des Produktes, einer der Kerngedanken von Industrie 4.0. Fortschrittlich, fürwahr.

Aber wissen sollten die es dennoch, ich meine, die Leute von Amazon. Doch wie dahinkommen? Als ich auf die Kundenservice-Seite ging und nach einer Kontakt-EMail-Adresse suchte, ahnte ich noch nicht, dass es da keine Leute gibt. Amazon ist ein digitales Konstrukt, und alles wird digital erledigt. EMail? Um Himmels willen, dazu braucht man ja Menschen, die das Zeug lesen können. Lesen – wer kann das noch, außer einigen Spezialisten, die im Grunde viel zu viel Personalkosten verursachen würden. Also nix mit Luft ablassen per EMail, keine Adresse.

Stattdessen wurde ein Chat angeboten. Mir schwante schon so einiges, als ich unschlüssig den Mauszeiger um den entsprechenden Button kreisen ließ. Dann ein entschlossener Klick, und Amazon reagierte umgehend. Mir wurde ein Chatpartner namens “Mansi” an die Seite gestellt, um das Problem zu lösen. Einige freundliche Phrasen zur Eröffnung, etwas steif, aber doch von angemessener Höflichkeit. Dass Mansi kein Mensch aus Fleisch und Blut war, sondern ein Algorithmus, wurde mir schnell klar. Wie sollte ich dem von “künstlicher Intelligenz” geleiteten Chatroboter nun beibringen, dass das betroffene Paket eben nicht, wie er mir wissend mitteilte, am 15.2. zugestellt wurde? Denn dass Mansi über gelbe Tonnen Bescheid wusste, war nicht zu erwarten.

Kurz: Je verzweifelter ich versuchte, den Mansi über unser Müllsystem zu informieren, desto länger ließ er sich Zeit mit der Antwort (am Schluss mehrere Minuten), desto stärker häuften sich seine Grammatikfehler, bis hin zu einem peinlichen Gestammel. Und die Anzahl der Vorschläge wurde größer. Höhepunkt: Sieben verschieden Antworten auf eine meiner Fragen, Antworten, die alle eines gemeinsam hatten: Es gab kaum eine Schnittmenge mit der Problemlage. Erst als ich Mansi entnervt mitteilte, dass mein Problem nun dank seiner Hilfe gelöst sei, begann er digital zu strahlen und gab mir eine Liste von guten Wünschen mit auf den Weg. Gesundheit war dabei, und Freude oder sowas. Ach Mansi, ein im Grunde netter Idiot, ein Algorithmus, der mal versucht, Mensch zu spielen.

Tatsächlich wurde ich an das Programm “Eliza” erinnert, mit dem Joseph Weizenbaum vor einem halben Jahrhundert erste Versuche mit “künstlicher Intelligenz” startete. Mein Gott, wie doof war doch Eliza, und wie köstlich haben wir uns mitunter amüsiert, wenn mal wieder etwas richtig Bescheuertes herauskam. Sind die KI-Wesen von heute viel schlauer? Ein bisschen vielleicht, aber wenn ich an den Chat denke … KI-Frage am Rande: Warum sucht ein Rasenroboter nicht das Weite, wenn man neben ihm steht und mit dem Vorschlaghammer ausholt? Er gilt doch als intelligent, wurde mit “deep learning” ausgebildet.

Zurück zu dem vorzeitig entsorgten Paket. Es fiel mir zunächst noch schwer, es ganz aufzugeben. Sollte ich die andere, von Amazon angebotene, Option noch wahrnehmen, also Amazon bitten, mich anzurufen? Einen Moment lang war ich tatsächlich versucht, auf den entsprechenden Button zu klicken, aber dann fiel mir der Echo-Lautsprecher von Amazon ein, die dahinter stehende Sprachanalyse bzw. Sprachsynthese. Nein, eine weitere digitale Missgeburt musste ich mir nach Mansi nicht antun. Ich beschloss, die 50 Euro Unkosten als Gebühr für eine amüsante Lehrstunde in Sachen Digitalisierung aufzufassen.

Einige Tage später erhielt ich einen Anruf: Ein Mann sagte etwas ich einem kaum verständlichen, holprigen Deutsch mit starkem osteuropäischem Akzent. Einige Wörter konnte ich heraushören, zum Beispiel “Computer”, aber es reichte nicht, um einen Zusammenhang zu erkennen. [1] Ich legte entnervt auf. Erst später kam mir der flüchtige Gedanke, dass der Anrufer, engagiert von Mansi, etwas mit meinem entsorgten Paket zu tun haben könnte,.

Unabhängig von dem verschmerzbaren Paket wirft diese Begebenheit ein Licht auf die Digitalisierung allgemein. Überall dort, wo menschliche Anliegen und Algorithmen aufeinanderprallen, bestimmen die Algorithmen das Geschehen, nicht die betroffenen Menschen. Es liegt einfach in der Natur der Sache: Algorithmen sollen menschliches Handeln und Entscheiden durch automatisiertes Handeln und Entscheiden ersetzen, dafür werden sie programmiert und auch ständig weiter optimiert. Meistens funktioniert das ja ganz gut, doch wenn die digitalen Automatismen auf Situationen stoßen, die über den engen Gesichtskreis der Algorithmen hinausgehen, steht der Mensch einfach nur dumm da. Völlige Hilflosigkeit ist die Folge, wenn keine Menschen erreichbar sind. Algorithmen haben keinen Blick für Ausnahmefälle; sie kennen keine Barmherzigkeit und haben kein Auge, dass sie gelegentlich mal zudrücken könnten.

Man kann auch von einer gnadenlosen Entmenschlichung sprechen, aber das betrifft nicht nur die Kunden eines Digitalkonzerns oder die Bürger unter einer volldigitalisierten Verwaltung, sondern ebenfalls die unmittelbar eingebundenen Menschen, also z.B. die Mitarbeiter eines Betriebes. Sie müssen einfach nur funktionieren, reibungslos ihren Job in dem Getriebe verrichten – solange sie noch nicht durch Maschinen zu ersetzen sind. Die Rolle der menschlichen Mitarbeiter wird, bedingt durch technischen Fortschritt, immer bedeutungsloser und anspruchsloser, zumindest dort, wo ihre Tätigkeit von Algorithmen gesteuert wird. Minderqualifizierte, billige und austauschbare Arbeitskräfte beherrschen mehr und mehr den Arbeitsmarkt.

Damit möchte ich den Kreis mit einer weiteren Geschichte von einem Paket schließen. Es ist schon ein Jahr her, da lieferte mir irgendein Paketdienst ein Päckchen aus. Alles ganz normal. Was das für ein Paketdienst war, weiß ich nicht mehr, ich erinnere mich aber, dass der Zusteller so ein mobiles Gerät in der Hand hielt, auf dessen Display ich meinen Namen kritzeln musste. Ich machte wohl eine Bemerkung darüber, dass man das Gekritzel kaum lesen könne, und wir beide kamen kurz ins Gespräch. Der Zusteller war wohl zum Reden aufgelegt, und ich fragte ihn, ob er die Zeit dazu habe. Er hielt mir erneut das Gerät hin und erklärte mir den Sachverhalt: “Sehen Sie, es ist nun11:04 Uhr. Hier steht es, um 11:09 Uhr muss ich bei Hartmann in der Gartenstraße das nächste Paket abliefern. Das ist in fünf Minuten, aber bis dort brauche ich vielleicht eine Minute. Einen schönen Tag noch.” Schmunzelnd ging er zum Auto zurück. Tja, dachte ich, ein zufriedenes Zahnrad im Getriebe. Und er sprach ein einwandfreies Deutsch. Überqualifiziert?

[1] Ich habe die sprachlichen Mängel bewusst nicht vertuscht, aber nicht, um die Beteiligten zu diskriminieren, sondern um einen Hinweis auf die Personalpolitik digitalisierter Konzerne zu liefern. Kundenkontakte ohne die Sprache der Kunden zu beherrschen sind den Kunden gegenüber eine Frechheit und den unbeholfenen Mitarbeitern gegenüber eine Quälerei. Ich könnte noch weitere Beispiele bringen, etwa das Vorgehen der Deutschen Glasfaser, als es um meinen Hausanschluss ging. Aber das ist eine andere Geschichte.

Das neue Amerika

Als feststand, dass der Wüstling das Weiße Haus räumen musste, da brach in vielen Staaten der Welt. vor allem in Deutschland, beinahe so etwas wie Euphorie aus: Mit Biden wird alles besser, da werden wir endlich respektiert, da können wir die Leitlinien unserer Politik wieder selbst ausrichten, so wie vor 4 Jahren.

Doch dann, nach etwas nüchternerer Einschätzung, die Erkenntnis, dass auch unter Biden nicht alles akzeptiert wird, was wir in Germany so treiben. Es sind vor allem drei Punkte, bei denen die Amerikaner, egal ob Republikaner oder Demokraten, nach wie vor völlig anderer Meinung sind als wir Deutschen:

  • Ausgaben fürs Militär in Höhe von 2% des Bruttoinlandproduktes
  • Nordstream II
  • Verhältnis zu China

Tja, was soll man da machen? In die Schmollecke kriechen? Nein, besser: Seien wir doch ehrlich und aktzeptieren wir, dass die Amerikaner in allen drei Punkten zu 100% recht haben.

Die sind die leidigen Militärausgaben. Klar, es gibt in Deutschland eine gewisse pazifistische Tendenz, und das ist gut so in Anbetracht unserer Geschichte. Aber wenn wir ein Verteidigungsbündnis eingehen, wenn wir uns im Verteidigungsfall auf die Hilfe unserer Bündnispartner verlassen wollen, dann müssen wir auch die Absprachen erfüllen, und zwar umgehend und ohne Abstriche. Punkt. Wenn wir militärische Verpflichtungen eingehen, dann reicht es nicht, in allen möglichen Ländern nur zu beraten und auszubilden. Dann kann der Schutz unserer Soldaten nicht das wichtigste Ziel sein, sondern wir müssen ihnen zeigen, wo am Gewehr der Abzugshebel sitzt, damit sie andere beschützen können.

Dann Nordstream II. Ich will mal nicht drauf eingehen, ob wir dauerhaft soviel Erdgas benötigen, dass dieses zweite Ostseerohr erforderlich ist. Es geht vor allem darum, eine solche Infrastruktur nicht ohne den Rat und die Zustimmung unserer Freunde in Europa und (neuerdings wieder) in Amerika aufzubauen. Sicher, in wirtschaftlicher Hinsicht war Russland bzw. die Sowjetunion immer vertragstreu, sogar zu Zeiten des Kalten Krieges. Verlässlicher jedenfalls als ein Trump-Amerika. Aber die Zeiten haben sich geändert. Das Putin-Russland scheut offenbar nicht davor zurück, die Gaslieferungen als Erpressungsmittel zu verwenden. Nicht denkbar? Einfach mal die Ukraine fragen, die Menschen dort haben einschlägige Erfahrungen. Das heißt natürlich nicht, dass sich Deutschland erpresserischen Drohungen seitens der USA beugen muss. Aber Trump ist ja weg, also …

Schließlich China. Gut, die Chinesen waren Trumps Lieblingsfeinde, aber Hass auf einen bestimmten Staat, mag dieser er noch so agressiv daherkommen, ist kein guter Ratgeber. Andererseits ist es auch kein guter Gedanke, nur die riesigen Absatzmärkte eines Landes zu sehen. Konzerne, die auf derartige Absatzmärkte angewiesen sind, sind alles andere als gesund, und das Argument, dass wir China brauchen, um im globalen Wettbewerb erfolgreich sein zu können, verrät Kurzsichtigkeit und einen eingeschränkten Sehwinkel. Es sind nicht die deutschen Konzerne, die China wirtschaftlich erobern, sondern vielmehr duldet China die deutschen Konzerne, solange sie dem Wirtschaftswachstum im Riesenreich nutzen. Und solange lächelt man die stereotypen Forderungen nach mehr Menschenrechten weg. Ist ja nur vorübergehend; irgendwann braucht man die ausländischen Firmen nicht mehr. Dann lässt man sie fallen, wie heiße Kartoffeln.