Immer dabei

Gemeint ist das Smartphone als ständiger Begleiter des Menschen. So jedenfalls sieht es unsere Sparkasse, wenn sie auf der Internetseite für das bargeldlose Bezahlen mit dem Smartphone wirbt. Scheinen gut beobachtet zu haben, die Macher in den Sparkassen-Chefetagen.

Nur mich haben sie wohl übersehen. Kein Wunder, ich bin ja ein komischer Kauz von wahrlich untergeordneter Bedeutung, wirklich leicht zu übersehen. Jedenfalls habe ich mein Smartphone nicht ständig dabei, eigentlich nur selten. Vielleicht liegt’s daran, dass ich das Smartphone nicht als ständigen Begleiter des Menschen betrachte, sondern den Menschen als ständigen Begleiter des Smartphones. Denn das Smartphone gibt für die meisten Bürger den Lebenstakt an und sagt dem Benutzer, wo es langzugehen hat. Und da ich nicht nur unscheinbar bin, sondern außerdem noch störrisch, muss ich selbst überlegen, wohin ich meine Füße stelle, auch wenn’s nach heutige Maßstäben nicht sehr komfortabel ist. Aber es ist die wohltuende Freiheit eines kleinen, unbeachteten Mitbürgers.

Das Smartphone hat seine(n) Benutzer(in) immer dabei. Mich nicht, weil ich mein Smartphone nicht immer bei mir habe. Wohltuende Trennung, und so einfach.

Aufbruch

Seit Jahrhunderten war die Menschheit von einer tiefen, sehnsuchtsvollen Hoffnung erfüllt: Irgendwann werden die Menschen etwas auf die Beine stellen, mit dem alle Unzulänglichkeiten überwunden, alle Probleme gelöst, alle Schwächen behoben werden. Wie sich dieses Paradies darstellen würde, wusste man noch nicht, nur dass die Lösung technischer Natur sein würde, ahnte man schon seit langem.

Dann, zehn Jahre vor der Jahrtausendwende, war es auf einmal so weit: Das Heil kam in die Welt, und zwar in Form des Internets. Man spürte sofort, dass dieses Netz das Potential hat, in den letzten Winkeln aller Lebensbereiche für Ordnung zu sorgen. Die gesamte Welt würde in wenigen Jahren eine völlig andere sein, eine bessere natürlich, war man sich schnell einig. “We’ll make the world a better place”, dieser Slogan eines globalen Internetkonzerns steht für den Elan des allgemeinen Aufbruchs.

Doch von diesem Schwung wurden nicht alle gleichermaßen erfasst. In Deutschland zum Beispiel war man eher zurückhaltend eingestellt und verlor innerhalb weniger Jahre den Anschluss an die Innovations-Weltspitze. Immer wieder wiesen namhafte Vertreter in Wissenschaft und Wirtschaft darauf hin, dass Deutschland zu einem digitalen Entwicklungsland verkomme, zu einem Land der verpassten Chancen. Amerika, China und selbst das kleine Estland seien schon viel weiter und man müsse sich endlich anstrengen, die Rückstände aufzuholen.

In der Tat. Nehmen wir das kleine Estland. Es sitzt oben auf dem digitalen Gipfel und schaut mitleidig auf Deutschland herab. Die Botschaft, die das baltische Ländchen sendet: Wir hatten unter der Sowjetunion unsere Identität verloren und konnten uns auf digitalem Wege eine neue Indentität aufbauen, eine digitale sozusagen. Einfach nachmachen, ihr in Deutschland seid doch in einer vergleichbaren Situation. Oder Amerika, das ebenfalls mit einer Botschaft daherkommt: In unserer Verfassung stehen zwei schwergewichtige Begriffe, nämlich Freiheit und das Recht auf Streben nach Glück. Well, “Glück” ist bei uns nicht so geläufig, aber “Money” bedeutet dasselbe. Rechnet mal nach, in welchen Konzernen inzwischen das meiste “Glück” angehäuft ist.

Und China? Man zuckt noch ein wenig zurück, wenn es gilt, die Botschaft aufzunehmen, doch in Wirklichkeit hat man sie durchaus verstanden: Macht aus euren Bürgern einfach bessere Menschen, indem ihr sie digital zum Wohlverhalten erzieht, permanent, alle. Einfach die Leute beobachten, in einem vernetzten Land ist das problemlos möglich.

Auch wenn man in Deutschland nun – verspätet – kapiert, wohin die Reise gehen muss, so fallen einem die nationalen Versäumnisse der ersten Umbruchsjahre schwer auf die Füße. Nehmen wir die Schulen. Warum, zum Henker, haben wir nicht schon vor 20 Jahren erkannt, dass wir absolut nichts von der Digitalisierung ausnehmen können und dürfen? Es war doch von Anfang an abzusehen, welches Potential das Internet auch im Bildungssystem hat, oder? Wir mussten doch erkennen, dass die Digitalisierung im Falle einer etwaigen Pandemie das Bildungssystem aufrechterhalten kann und sogar einen Beitrag zur Chancengleichheit leistet. War es Kurzsichtigkeit oder Ignoranz, dass man diese absehbaren Chancen der Digitalisierung verpasste? Klar, nun trat sie ein, die Pandemie, und was man auf die Schnelle in die Notsituation hineindigitalisierte, war nicht besonders ertragreich. Ach nee, nicht der Rede wert. Triumphgeheul der Wissenden: Sehr ihr, nun habt ihr den Salat! Corona offenbart schonungslos unsere Schwächen. Vielleicht hat der liebe Gott Corona in die Welt gesandt, um den Menschen deutlich zu machen, wie lebensnotwendig die Digitalisierung ist. Nostra culpa.

Was jedoch noch ein wenig irritiert, ist die Einstellung der Lehrer, auch angesichts der Digitalmangelerscheinungen in den Schulen. Politiker, Journalisten (vor allem), Wissenschaftler, Elternvertreter, Bildungsverbände – sie alle fordern vehement die Digitalisierung des Bildungssystems. Nur diejenigen, die täglich mit Schülern zu tun haben, nämlich die Lehrer, schließen sich nur zögerlich den allgemeinen Forderungen an. Das ist schlimm, und natürlich muss man die Frage nach den Gründen stellen. Sind viele Lehrer zu weltfremd, dass sie die Zeichen der Zeit nicht sehen? Oder fehlt es ihnen an Empathie, so dass sie nicht bereit sind, das Beste für ihre Schüler anzustreben? Oder sind sie zu starr bzw. zu wenig lernfähig, um sich noch mit den neuen Technologieren auseinanderzusetzen? Einfach zu dumm für die Digitalisierung?

Doch wie ich eingangs bereits erwähnte, ist die Digitalisierung die Lösung für alles. auch für eine Schulwelt mit ignoranten oder dummen Lehrern. Algorithmen, die Arbeiter und Angestellten im Netz, können’s bekanntlich besser, und die digitale Bildungslandschaft von morgen braucht womöglich keine Lehrer mehr. Weg mit ungeeignetem Personal, so wie es an anderen Stellen bereits mit Erfolg praktiziert wird.

 

Warum ich die Corona-App nicht installiere

Die Antwort ist zunächst einfach: Weil ich nicht ständig mein Smartphone mit mir rumschleppe. Genauer gesagt: Ich benutze das Teil selten, eigentlich nur im Notfall als Telefon oder wenn ich unterwegs in einem E-Buch lesen will. Gelegentlich auch als Kamera, wenn ich die richtige Kamera nicht dabei habe. Ansonsten liegt das Ding irgendwo im Haus herum, manchmal tagelang unbenutzt.

Da schließt sich gleich die zweite Frage an: Warum benutze ich das Smartphone so selten, und was habe ich gegen dieses an und für sich doch phaszinierende Stück Technik? Ist es die Tatsache, dass es so total unergonomisch gebaut ist und mir immer aus der Hand rutscht? Kann man üben, nicht so entscheidend. Oder ist es die matschige Pseudo-Analogtechnik, mit der man seine Fingerabdrücke auf die Fummelscheibe drückt, oft an der falschen Stelle (bei mir jedenfalls)? Ach nee, kein wirklicher Grund, das Smartphone zu meiden. Selbst die unlogische Struktur des Betriebssystems Android ist eher eine Gewöhnungsache und letztlich kaum ein Grund, ohne Smartphone durch die Gegend zu gehen. Mitunter kann man ja ganz gut mit dem Mangel leben, wozu auch der Mangel an Logik im Betriebssystem Android gehört.

Etwas anders verhält es sich mit der Art und Weise, wie das Smartphone die Menschen verändert, und zwar fast durchweg zu ihrem Nachteil. Wenn ich durch die Stadt bummel und die vielen – meist jungen – Gestalten sehe, die entweder auf ihr Smartphone starren oder es permanent in der Hand tragen, mit etwa 40° abgewinkelter Hand, dann fällt es mir oft schwer, die Gesichter zu ertragen. Diesen starren, abwesenden Blick, diesen abweisenden Gesichtsausdruck, der ein totales Desinteresse an der Umgebung verrät. Abgetaucht in die vernetzte Parallelwelt. Schon schlimmer.

In Wirklichkeit ist es noch was anderes, was mein Verhältnis zum smarten Phone nachhaltig stört. Das Smartphone ist das Gerät, mit welchem sich die Menschen permanent und widerstandslos in das Netz einfügen, egal wo sie sich gerade befinden. Das mobile Internet, das erst durch das Smartphone ermöglicht wird, verfolgt die Menschen auf Schritt und Tritt und steuert sie, ohne dass sie es bemerken. Um zu verstehen, was da alles abläuft, muss man sich erst mal verdeutlichen, was das Internet in unserer Welt darstellt. Dabei geht es nicht um die Funktionsweise des Netzes, um die verschiedenen Protokolle, die den Datenverkehr steuern. Um das Internet zu erklären, erfolgt oft ein Rückblick auf die Anfänge des Internets (als es noch gar nicht so hieß). Auch darauf will ich verzichten. Ohne auf die Einzelheiten einzugehen, will ich hier nur die Erwartungen und Ziele nennen, die man anfänglich mit dem Netz verband, und die heute immer noch irrtümlicherweise mit dem Internet verknüpft werden.

  • Das Netz arbeitet dezentral, also ohne einen steuernden Mittelpunkt.
  • Ohne feste Hierarchie gibt es keine Bevorzugungen und Benachteiligungen. Jeder Nutzer des Netzes ist gleichberechtigt.
  • Jeder kann sich im Netz äußern. Somit gewährleistet das Netz es ein hohes Maß an Meinungsfreiheit und hat eine erhebliche demokratische Relevanz.

Das sind natürlich extrem hohe Erwartungen, und rein technisch gesehen gab und gibt es keine Zweifel, dass sie erfüllt werden können. Wie gesagt, rein technisch, aber das Internet ist mehr als ein Leitungsnetz mit Routern und einem Bündel von Protokollen; das Internet steht in enger Wechselbeziehung zur Gesellschaft mit all ihren Triebkräften. Das wurde am Anfang offenbar übersehen oder zu gering eingeschätzt; jedenfalls hat das Internet, wie es sich heute darstellt, kaum noch etwas (eigentlich gar nichts mehr) mit den ursprünglichen Erwartungen zu tun.

Die reale Welt

Schauen wir uns zuächst mal die Welt an, wie sie sich ohne Internet darstellt. Dabei habe ich die Zeit vor Beginn der “Digitalisierung” im Auge, etwa die 90er Jahre des letzten Jahrhunderts. Manchen fällt dabei sofort das Prädikat “analog” ein, aber es gibt keine analoge Welt, es gibt auch keine digitale Welt. Diese beiden Begriffe beschreiben lediglich die Verfahren, mit denen Informationen erfasst, codiert, transportiert, analysiert und angezeigt werden. In diesem Sinne ist natürlich auch der Begriff “Digitalisierung”, wenn damit die Internet-Vernetzung gemeint ist, ziemlich fehl am Platze. Das aber nur am Rande.

Also die reale Welt. Sie wird bevölkert von unzählig vielen Menschen, Tieren, Pflanzen, Dingen aller Art, die alle eines gemeinsam haben: sie sind real. Und sie interagieren miteinander. Sofern es sich um konkrete Dinge oder Lebewesen handelt, sind die Interaktionen an physikalische Gesetze gebunden. Daraus ergibt sich eine gewisse Schwerfälligkeit, die in einer Gesellschaft, die nach immer schneller, immer weiter, immer effektiver giert, nur schwer zu ertragen ist. Genau genommen sind es weniger die Menschen als vielmehr die Wirtschaft und die sich als Weltretter verstehende Wissenschaft, die als treibende Kräfte in Erscheinung treten. Und im Gefolge davon natürlich die Politik. So ist es nur verständlich, dass sich seit dem Entstehen des Internets Anfang der 90er Jahre die Erwartungen ganz auf das Netz stützen.

Doch die unvermeidliche Schwerfälligkeit in der realen Welt hat auch ihre Vorteile. Die gebremst ablaufenden Interaktionen wirken stabilisierend. Wenn es sich abzeichnet, dass etwas aus dem Ruder zu laufen droht, kann man in der Regel noch weitgehend gegensteuern. Gefahren und Fehlentwicklungen lassen sich noch im Auge behalten. Dort, wo die Schwerfälligkeit mehr oder weniger überwunden werden kann, etwa im Radio- und Fernsehbereich, gibt es strikte journalistische Regeln. Auch im Papier-Journalismus, der ja eine beachtliche Reichweite hat, gibt es z.B. die Verpflichtung, ein Impressum hinzuzufügen oder auch die Pflicht, eine versehentlich falsche Information durch eine Gegendarstellung zurechtzurücken.

Auch wenn das Internet in den 90er Jahren noch keine oder allenfalls eine eher nebensächliche Rolle spielte, so war die Digitalisierung dennoch bereits voll im Gange. Mikrocontroller und Roboter sorgten in den Produktionshallen dafür, dass die meisten Vorgäge programmgesteuert abliefen. Die Medizintechnik hatte bereits einen hohen Standard erreicht – natürlich digital gesteuert (noch einmal: digital heißt nicht vernetzt!). In den Büros wurden innerhalb weniger Jahre die Schreibmaschinen durch PCs ersetzt, und selbst das mobile Telefon erlaubte einen effektiven Telefonverkehr. Im Haushalt gab es praktisch für alles eine bequeme, komfortable Lösung, ohne vernetzt zu sein. Die Digitalfotografie war drauf und dran, die komplette bisherige Fototechnik zu entsorgen. Doch die entscheidenden Hebel hielten die Menschen noch in der Hand, selbst wenn sie das Internet, das sich noch in einem frühen Entwicklungsstand befand, benutzten. Im Grunde waren die 90er Jahre also eine Zeit, die bei den Menschen kaum einen Wunsch offen ließ. Dennoch zeichnetetn sich schon hohe Erwartungen an das sich entwickelnde Internet ab. Fast euphorisch war die Rede von dem “Highway of Information”.

Die vernetzte Parallelwelt

Und nun das Internet. Obwohl fast alle Instanzen der realen Welt auf irgendeine Weise mit dem Internet verknüft sind, ist diese weltumspannende Netz auch weitgehend unabhängig. Es ist mächtiger als die reale Welt, denn es unterliegt nicht den natürlichen Restriktionen. Im Netz gibt es keine Schwerfälligkeiten oder Reichweitebegrenzungen und immer weniger auch Einschränkungen bezüglich der Bandbreite. Nahezu jede Stelle der Welt ist von nahezu jedem Ort aus erreichbar, und das quasi mit Lichtgeschwindigkeit, also schwerelos.

Diese Schwerelosigkeit, diese üppigen Optionen, fast nach Belieben mit Datensätzen umzugehen, verleiten dazu, so viel wie möglich ins Internet zu verlegen. Die Cloud ist ein typisches Beispiel: wichtige Organisationsstrukturen sind von überall auf der Welt im Netz errechbar; es kann eine wichtige Bremse umgangen werden, nämlich die Verpflichtung, an Ort und Stelle sein zu müssen. Für mich ist “cloud” allerdings eine ungünstige Bezeichnung, denn sie siedelt das Netz zu hoch in himmlischen Sphären an. Ich finde es passender, das Internet – bildlich – unter der Erdoberfläche anzusiedeln, dort wo in der realen Welt die Glasfaserkabel liegen – aber auch die Kanalisationsrohre für Schmutzwasser. Wenn man die extreme Verseuchung des Netzes mit Kriminalität, gefährlichen Zusammenrottungen oder sexuellem Schmutz in Betracht zieht, dann denkt man eher an “Unterwelt” als an hehre Lichtgesänge. Wie gesagt, das Netz hat zwar intensive Bezüge zur realen Welt, ist aber auch frei von den Regeln der realen Welt.

Was kaum beachtet wird: Das Internet ist nicht nur mächtiger als die reale Welt, sondern die Verbindungen zwischen den beiden Welten werden immer stärker vom Netz aus gesteuert. Das Netz ist der aktivere Part; in der realen Welt wird immer mehr nur reagiert. Die Erkenntnis, dass Algorithmen es besser können als Menschen, wird achselzuckend oder gar offensiv als Leitfaden des realen Lebens akzeptiert. Das Netz arbeitet mit Daten, also füttert man es mit Daten. Besser gesagt: Das Netz saugt die Daten aus der realen Welt, auch solche, die von den betroffenen Menschen nur ungern geliefert werden, etwa weil sie zur Privatsphäre gehören. Der Datenverkehr muss nicht von den Menschen aktiv angestoßen werden, sondern sie haben allenfalls die Möglichkeit, einen voreingestellten Datensog zu verhindern – sofern sie sich auskennen und bereit sind, auf gewisse Bequemlichkeiten zu verzichten.

Aber auch die umgekehrte Richtung: Das, was aus dem Netz in die reale Welt zurückkommt, wird weitgehend vom Internet kontrolliert, und zwar so, dass die Menschen oben auf der Erde überhaupt nicht erkennen, was ihnen alles so untergeschoben wird. Ihr Kaufverhalten wird ebenso manipuliert wie ihr Kommunikationsverhalten. Informationen, auf denen Meinungsbildungen und Entscheidungen beruhen, sind zum großen Teil algorithmisch gefiltert. Das meiste, was aus dem Internet hochkommt, wirkt perfekt und stößt deshalb auf bedingungslose, ja geradezu blinde Akzeptanz. Die Zeiten sind inzwischen vorbei, wo Menschen das Internet formen konnten; es ist umgekehrt: Das Netz formt die Menschen, die sich blind oder bereitwillig unterordnen. In seinem Buch “Das digitale Debakel” äußert der Insider Andrew Keen an mehreren Stellen die These “Zuerst formt der Mensch das Werkzeug, dann formt das Werkzeug den Menschen”.

Nun ist das Internet ja nicht von selbst so entstanden, wie es sich derzeit darstellt. Doch wer hat nun das Internet geformt? Bestimmt nicht die Idealisten, die im Netz die demokratische, freie Infomationszukunft erblickten. Bestimmt nicht jene, die sich vom Netz haben einfangen lassen und das Geplärre in den sozialen Medien zum Lebensinhalt deklarieren. Bestimmt nicht die Wirtschaftsvertreter und Politiker, die aus Schiss, die Medaillenränge zu verpassen, den Kragen hochstellen und sich in den Mainstream eingliedern. Jene Mahner, die die “digitale Transformation” vorantreiben wollen – so oder so, Hauptsache schnell. Nein, das Internet wurde (und wird immer noch) von denjenigen geformt, die das Netz als große Chance nutzen, gigantische Geldgewinne anzuhäufen und damit auch Macht. Das machtvolle, chaotische und immer noch weitgehend rechtsfreie Internet hat etwas hervorgebracht, was in der realen Welt mit seinen behäbigen Mechanismen noch zu begrenzen war, nämlich einen golbalen, knallharten Monopolismus. Es sind nur wenige Firmen, die übers Netz die Welt beherrschen. Die Namen brauche ich nicht zu erwähnen; einfach mal mit Google Earth in die Gegend südlich von San Francisco eintauchen. In der weitläufigen Talmulde findet man die Prachtresidenzen der meisten digitalen Weltbeherrscher.

Nein, nein, von den hehren Zielen hat sich das Netz um 180° abgedreht. Nichts ist mehr vorhanden von dem freien, demokratischen Medium. Nichts mehr. Ein Dutzend profit- und machtgeile Protagonisten, eine Milliardenschar von buckelnden, mit dem Smartphone verwachsenen Menschen, die sich gerne auf Schritt und Tritt überwachen lassen. Es ist ja soo komfortabel und soo bequem.

Zum Schluss möchte ich ein Spiel beschreiben, dass meines Erachtens ganz meine Assoziationen mit dem Internet widerspiegelt. Auf einem Spielfeld lassen sich Figuren dadurch bewegen, dass man der Seite her einen Stock mit einem Magneten und das Spielfeld schiebt. Willenlos, unterirdisch wie von Geisterhand gesteuert, lassen sich die Männekes durch die Gegend schieben. Genauso kommen mir die ans Smartphone geketteten Leute vor. Deshalb bleibt mein Smartdingsbums fast immer zu Hause, irgendwo, in irgendeinem Regal oder Schrank. Meistens muss ich es suchen. Und wenn ich es nicht finde? Dann überlebe ich mit einem Achselzucken; andere Leute werden bei solchen Gelegenheiten wahrscheinlich in eine tiefe Krise gestürzt. Freiheit ist für mich nicht die eingebildete Freiheit im Netz, sondern die Freiheit vom Netz. Genauer gesagt, vom mobilen Netz, wo man als Datensatz wie ein beringter Vogel unterwegs ist.

Schlusswort zur künstlichen Intelligenz

Der Titel dieses Beitrags mag irritieren. Er klingt so, als könnte man das Kapitel abschließen, was natürlich nicht der Fall ist. Künstliche Intelligenz ist die Zukunft schlechthin, jedenfalls wenn man einigen Politikern, den meisten Wirtschaftsvertretern, sehr vielen Wissenschaftlern und allen Zukunftsforschern folgt. Nein, es geht hier um meine persönliche Einstellung, und die wird sich nicht mehr ändern, auch wenn sie nicht mit den landläufigen Haltungen zur KI übereinstimmt. Es wäre sinnlos, hier noch etwas bewegen zu wollen, und deshalb kann es nur noch darum gehen, meine eigene Meinung noch einmal deutlich herauszustellen. Dann kann ich beruhigt die Mappe zuklappen und das weitere Geschehen von der Seitenlinie aus verfolgen. Hat auch was.

Ich beginne mit einer Frage: Was hebt eigentlich den Menschen von der tierischen und pflanzlichen Lebewelt ab? Oder, anders formuliert: Was befähigt den Menschen, den Planeten Erde mitsamt der Tier- und Pflanzenwelt weitgehend zu beherrschen – oder auch völlig zu zerstören? Körperliche Merkmale sind es ganz bestimmt nicht, denn in allen Belangen gibt es Tiere, die uns ebenbürtig oder überlegen sind. Auch die Standfestigkeit einer Eiche oder die Biegsamkeit eines Getreidehalms wird der Mensch nicht annähernd erreichen können.

Was also verschafft uns die Überlegenheit? Nun, wir Menschen können denken, wir sind mit überlegener Intelligenz ausgestattet. Man könnte sagen, dass die Intelligenz das typische Charakteristikum, ja sogar das Alleinstellungsmerkmal der Menschen ist. Auch hier gibt es natürlich partielle Leistungen, wo uns Tiere übertreffen: so verfügt zum Beispiel ein Elefant über ein enormes Gedächtnis. Genau wissen wir es allerdings nicht, denn außer experimentellen Beobachtungen und dem Wiegen von Gehirnmassen haben wir keinen Zugang zu derartigen tierischen Leistungen.

Beim Menschen ist es die Gesamtheit der intelligenten Leistungen, die ihn zum Beherrscher des Planeten machen. Intelligenz, die außerdem noch in einem historisch gewachsenen und sozial lebendigen Umfeld weiterentwickelt, gepflegt und trainiert werden muss. Gerade dieses Umfeld ist wichtig; es steht in einer engen Wechselbeziehung zur persönlichen Intelligenzentwicklung. Was genau nun unter Intelligenz zu verstehen ist, lässt sich kaum exakt beschreiben, dazu sind die Zusammenhänge zu komplex. Wenn ein Psychologe lapidar feststellt, Intelligenz sei das, was der Intelligenztest misst, dann ist das überaus bezeichnend.

Ein ziemlich komplexes Gebilde also, diese Intelligenz, und trotzdem weiß praktisch jeder, was es bedeutet, intelligent zu sein. Intelligenz ist definitiv ein besonders hervorstechendes Merkmal der Menschen. Wenn man trotzdem auch Tieren eine gewisse Intelligenz zuschreibt oder sogar auf den verwegenen Gedanken kommt, technische Geräte und technisch gesteuerte Abläufe als “intelligent” zu bezeichnen, dann gibt es dafür eine Reihe von Erklärungen, auf die ich hier aber nicht näher eingehen will. Nur eine kleine Auflistung, was den Transport des Intelligenzbegriffes in die allgemein-biologischen, sozialen oder technischen Strukturen ermöglicht bzw. begünstigt hat:

  • Das Bestreben von Wissenschaftlern, insbesondere Gehirnforschern, den Gesamtkomplex “Intelligenz” in Teilbereiche und Teilaspekte aufzubröseln,
  • die Verallgemeinerungen und Abstrahierungen während der Blütezeit der Kybernetik,
  • die Schaffung des Informationsbegriffs in den 40er Jahren,
  • die Reduzierung von Lebenserscheinungen auf biologische Zusammenhänge seitens der Evolutionsforscher – der Mensch als einer von mehreren verschiedenen Primaten,
  • die geschäfts- und gewinnfördernde Wirkung des Attributes “intelligent”,
  • ein stark ausgeprägtes und hoch gewichtetes Selbstverständnis in Kreisen der Informationstechniker, das durch die KI-Entwicklung enorme Auftriebe erhalten hat,
  • eine in der Gesellschaft verankerte, bewundernde Haltung gegenüber allem, was als “intelligent” bezeichnet wird, hervorgerufen durch die Überlegenheit von Menschen, die als besonders intelligent in Erscheinung treten – oder Intelligenz vortäuschen können.

Die Folgen der Ausweitung des Lern- und Intelligenzbegriffs, verbunden mit einer unumgänglichen Verflachung, sind allerorten zu sehen. Wir sind rundherum von intelligenten Dingen umgeben. Hier nur einige Beispiele aus einer Liste, die sich quasi beliebig verlängern ließe:

  • Schweine sind intelligent, sehr sogar, wie Biologen und Tierschützer immer wieder anmerken.
  • Kochtöpfe sind intelligent, vor allem wenn Bosch sie produziert.
  • Bienen sind intelligent; erstaunlich, wie die miteinander kommunizieren.
  • Mülleimer werden intelligent, ein wichtiges Ziel, um die Menschheit auf ein konformes, nachhaltiges Entsorgungsverhalten zu erziehen.
  • Menschen sind intelligent, ein bisschen wahrscheinlich auch noch nach abgeschlossener Digitalisierung, wenn das Denktraining entfallen wird.
  • Rasenmähroboter sind intelligent, klar. Au ja, anschauliche Prototypen von mit KI ausgestatteten Geräten.
  • Stromzähler werden intelligent, um a) die Stromzufuhr energiesparend zu regulieren und b) das Verbraucherverhalten sanktionsfähig zu steuern.
  • Usw., wie gesagt eine endlose Liste.

Zugegeben, die Auswahl der Beispiele sowie deren Reihenfolge ist nicht zufällig. So lässt sich nun die Frage formulieren: Was haben Mülleimer und Menschen gemeinsam? Richtig, sie verfügen beide über Intelligenz, was übrigens wohl die einzige Gemeinsamkeit sein dürfte. Intelligenz, das herausragende Merkmal von Menschen, nun als gemeinsames Merkmal von Menschen und Mülleimern.

Ich denke, spätestens jetzt sollte deutlich geworden sein, dass ich die Verwendung des Begriffs der “künstlichen Intelligenz” (ab jetzt wieder mit Gänsefüßchen) als überaus zynisch empfinde. Und brandgefährlich, weil daran Erwartungen geknüpft werden, die bestenfalls nur schlecht erfüllt werden können, schlimmstenfalls in einer Katastrophe enden können. Mülleimer, die gestaltend und kontrollierend in die Lebensverhältnisse von Menschen eindringen, da fängt man an zu frösteln. Die Gänsehaut verschwindet auch nicht, wenn man daran denkt, dass die Mülleimer selbst wieder gelenkt sind, von den Vertretern eine menschlichen Machtimperiums, das man getrost als “Großen Bruder” bezeichnen kann.

Nun ganz ohne Ironie und Sarkasmus. Ja, ich gebe zu, ich könnte all die KI-Schwärmer auf den Mond schießen, vor allem, wenn sie nicht mal programmieren können, also von Algorithmik und deren Grenzen (und Gefahren) keine Ahnung haben. Ja, ich bin wütend auf diese Leute, aber nicht, weil ich Angst vor der “künstlichen Intelligenz” habe, sondern wegen ihrer Einstellung. Die “künstliche Intelligenz” an sich kann zwar vieles verbessern oder kaputtmachen, ist aber keineswegs besorgniserregend, und zwar aus einem einfachen Grund. Es gibt sie im Grunde gar nicht! Für mich ist intelligentes Handeln immer (!) mit Einsicht verbunden. Einsicht, die nicht nur gesteckte Ziele aufzeigt, sondern stets in die Lage versetzt, Handlungsziele in Frage zu stellen und ggfs. zu ändern.

Da sind Mülleimer und selbst Supercomputer recht amselige Protagonisten. Sie können so agieren, als seien sie intelligent, aber sie sind es nicht. Nee, künstliche Intelligenz ist kein Grund zu Besorgnis, wohl aber die Leute, die alles Mögliche mit KI machen wollen. Das meiste ist natürlich eher harmlos: Wenn der Mähroboter mal die falschen Schlüsse zieht, dann kann ich ihn immer noch anheben und auf die richtige Spur bringen. Oder in die Garagenecke verbannen. Oder in den Container für Elektromüll werfen. Richtig: Intelligenz wird entsorgt.

Natürlich sind die Schwächen der “künstlichen Intelligenz” auch den KI-Forschern bewusst, aber um sich nicht ganz von dem geliebten Begriff trennen zu müssen, hat man die sogenannte “schwache künstliche Intelligenz” definiert. Irgendwie bescheuert, doch es hat den Vorteil, dass man weiterhin mit dem PR-tauglichen Begriff “Intelligenz” hausieren gehen kann. Übrigens: Vielleicht dämmert es auch den Experten der Szene. dass echte, also “starke KI”, wenn sie denn jemals erreichbar werden sollte, mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ein für die Menschheit tödliches Eigenleben entwickeln wird. Die braven, leistungsfähigen, mitdenkenden Roboter, die sich in rührender Weise für uns Menschen verantwortlich fühlen, wird es definitiv nicht geben. Die Freiheit des Denkens ist immer auch die Freiheit, Normen zu definieren oder außer Kraft zu setzen.

Nach dem bisher Gesagten könnte nun der Eindruck entstehen, dass ich nichts oder zumindest nicht viel von dem halte, was man mit “künstlicher Intelligenz” bezeichnet. Total falsch, dieser Eindruck. Dahinter steckt nämlich eine äußerst leistungsfähige Form von Algorithmik, mit der wir in völlig neue Dimensionen der Wissenschaft und Technik vorstoßen können. Mit KI lassen sich Dinge realisieren, die bisher unmöglich waren, ja, die evtl. sogar das Überleben der Menschen auf diesem Planeten sichern können. Natürlich ist die Leistungsfähigkeit mit entsprechend großen Gefahren und einem enormen Missbrauchspotential verbunden. Aber darauf komme ich gleich noch zurück.

Was mich an der “künstlichen Intelligenz” gewaltig stört, ist vielmehr die Bezeichnung “Intelligenz”. Ich sperre mich einfach dagegen, alles, was nur irgendwie flexibel auf irgendetwas reagiert, gleich “intelligent” zu nennen. Intelligente Kochtöpfe, geht’s noch krasser? Die Bezeichnung “künstliche Intelligenz” ist in sich widersprüchlich, denn Intelligenz ist ja das, was Lebenwesen, insbesondere Menschen, von der künstlich geschaffenen Technik abhebt. Technische Dinge sind Werkzeuge in der Hand von intelligenten Menschen, nicht mehr. Künstlich und Intelligenz, das passt einfach nicht zusammen. Ich denke, Technik sollte nicht in höheren Intelligenzsphären herumgeistern, und man sollte nicht von “deep learning” schwärmen, sondern die Sache als das bezeichnen was sie ist: eine flexible Algorithmik für große, ungeordnete Datenmengen  (FAGUD). Ich werde im folgenden bei dem ungeliebten Ausdruck “künstliche Intelligenz” bleiben, weil er sich ganz gut für ironische Anmerkungen eignet.

Die erwähnte  Widersprüchlichkeit trägt wahrscheinlich auch dazu bei, dass es zwei völlig entgegengesetzte Grundeinstellungen gegenüber der “künstlichen Intelligenz” gibt. Die eine: “Es mag ja sein, dass gewisse Parallelen zwischen den Abläufen im Gehirn und den Strukturen der KI-Algolrithmik bestehen, aber der Unterschied ist gigantisch und wird immer in einem erheblichen Maße vorhanden sein.” Das Attribut “künstlich” ist nach dieser Auffassung eine deutliche Abwertung. Infolgedessen müssen wir uns hüten, uns und unsere Lebensbezüge von “künstlicher Intelligenz” steuern zu lassen. Genau zu dieser Erkenntnis ist übrigens auch der Schöpfer des Begriffes, Joseph Weizenbaum, aufgrund seiner Studien gelangt. Er warnt eindringlich davor, mit algorithmisch gewonnenen Entscheidungen in menschliche Belange einzugreifen. Gegen diese Interpretation ist meines Erachtens nichts einzuwenden, und wenn die Allgemeinheit sich diese Interpretation zu eigen machte, könnte man mit dem Begriff KI leben.

Aber alle Anzeichen deuten darauf hin, dass die aktuelle Auffassung von “künstlicher Intelligenz” genau entgegengesetzt ist. “Künstlich” wird nicht als abwertendes Attribut verstanden, sondern steht im Vordergrund der Überlegungen, angetrieben von der Erwartung, mit Technik alles lösen zu können. Die zweifellos vorhandenen technischen Erfolge begünstigen diese Erwartungshaltung, und zwar so stark, dass man glaubt, man könnte auf künstlichem Wege sowas wie “Intelligenz” schaffen. Diese im Grunde wahnwitzige Idee hat sich bereits so sehr in den Köpfen von Technikern und Wissenschaftlern mit “Schöpfergeist” festgesetzt, dass für kritisch-abwägende Überlegungen kaum noch Platz vorhanden ist.

Mehr noch: Die Überzeugung, dass KI die Welt zum Positiven verändern wird, hat dazu beigetragen, “Intelligenz” als Gütesiegel auf alles Mögliche zu kleben – siehe Liste oben. Der großzügige, ja geradezu inflationäre Gebrauch des Etiketts “intelligent” ist in allen Bereichen moderner Technik anzutreffen. Diese verbreitete Auffassung von “künstlicher Intelligenz” ist nach meiner Meinung fatal, denn sie reißt die Schranken zwischen Mensch und Technik nieder (Stichwort: Konvergenz der Netze). Technik wird schon jetzt in menschenverachtender Weise auf Menschen losgelassen, dringt in höchst private Entscheidungsbereiche ein und präsentiert sich in einem Netzwerk, in dem Menschen wie Dinge eingebunden sind. “Künstliche Intelligenz” kontrolliert Menschen, dabei sollte es umgekehrt sein: intelligente Menschen sollten stets (!) die Kontrolle über die Technik behalten.

Das alles könnte wesentlich sachlicher und angemessener gehandhabt werden, wenn man einen angemessenen Begriff für diese Form der Algorithmik verwenden würde. Dann würden die Erwartungshaltungen nicht so wuchern; dann würde die Leistungsfähigkeit nicht so übertrieben bewertet werden. Vor allem aber wäre es leichter, die unbedingt erforderliche Distanz einzuhalten, die unerlässlich für einen verantwortungsvollen Umgang mit dieser Art von Algorithmik ist.

Zum Schluss noch einige positive und negative Beispiele für die Verwendung von “künstlicher Intelligenz”. Wettervorhersagen, Tsumami-Warungen oder die Vorhersage von Erdbeben sind  gewaltige Felder für den Einsatz von flexibler Algorithmik, denn riesige Datenmengen müssen dazu verarbeitet werden, und welche Zusammenhänge bestehen, dass kann KI bestens herausfinden.

Oder die Krankheitsdiagnose in Verbindung mit möglicherweise verursachenden Faktoren. Die Erfahrung von Ärzten wird nach wie vor gefragt sein, aber KI kann wesentliche Erkenntnisse, die abseits des unmittelbaren Beobachtungsfeldes von Ärzten liegen, hinzusteuern. Erkenntnisse, die aus der Verwertung von weltweit gezielt zusammengestellten Daten resultieren, können das Gesundheitssystem zum Positiven verändern. Wichtig: Alle Daten müssen dauerhaft und zu 100% anonymisiert werden, und zwar schon direkt bei der Erhebung. Und: Die endgültige Diagnose muss in jedem Einzelfall die Sache eines Menschen sein, also des Arztes.

Oder die bedarfsorientierte Steuerung von öffentlichen Verkehrsnetzen. Auch hier wieder: Die Fahrgäste dürfen nur statistisch erfasst werden; personalisierte Fahrausweise dürfen auf keinen Fall direkt verwandt werden. Die Verkehrssteuerung ist z.B. wichtig, um mehr, aber dafür kleinere Einheiten gezielt übers Verkehrsnetz zu steuern, was wiederum ein bedeutender Schritt zur Energieeinsparung ist, bei gleichzeitiger Aufrechterhaltung der Mobilität.

Das autonome Fahren gehört übrigens nur bedingt dazu, denn ein Auto muss ja gelernt haben, sich richtig zu verhalten, bevor es auf den Verkehr losgelassen wird. Im Vorfeld, also in groß angelegten Simulationen, kann KI einen guten Beitrag leisten. Allerdings sind autonome Autos nach meinem Dafürhalten nicht zukunftsfähig, weil sie – wie die jetzigen Autos – einen miserablen Wirkungsgrad haben und weil es überaus töricht ist, Verkehrskonzepte zu entwicklen, die auf einer alten, im Grunde überholten Infrastruktur aufbauen. Es scheint im Grunde vor allem darum zu gehen, das heißgliebte Auto noch ein wenig in die Zukunft hineinzuretten. Es kommt noch hinzu, dass moderne Hightech-Autos fahrende Computer sind – datenschutzmäßig äußerst bedenklich.

Zu den negativen Anwendungen der KI gehören vor allem die biometrischen Verfahren, egal, ob es sich um Gesichtserkennung, Spracherkennung, automatische Fingerabdruckserfassung usw. handelt. Die Verfahren bieten einen geringen Sicherheitszuwachs und eine mittelmäßige Komfortsteigerung, steuern aber die Gesellschaft Stück für Stück in eine umfassende Überwachungsgesellschaft hinein. Keine Demokratie kann sich als so gefestigt betrachten, dass sie die stets wachsenden Kontrollen dauerhaft aufhalten könnte. Höchstens verzögern. Die chinesischen Zustände werden sich unweigerlich auch in den westlichen Ländern einstellen, wenn nicht ganz rigoros die “künstliche Intelligenz” straff kanalisiert wird. Und zwar länderübergreifend.

Wenn Betriebe und Konzerne meinen, sie könnten mit “künstlicher Intelligenz” ihre Produktivität steuern, dann ist es ihnen überlassen, das so umzusetzen, vorausgesetzt wieder, dass keine Mitarbeiter direkt in die computergesteuerten Produktionsstränge eingebunden werden. MItarbeiter gehören nicht algorithmisch überwacht, sondern müssen für Überwachungsaufgaben trainiert werden. Das Grundprinzip, das “künstliche Intelligenz” niemals auf Menschen losgelassen werden darf, muss zu einem unumstößlichen Gesetz werden. Firmen wie Cambridge Analytica gehören vor ein Verfassungsgericht. Dass die groben Verstöße der IT-Konzerne von der Politik nicht geahndet werden, zeigt nur, was für ein laienhaftes, naives Verständnis die meisten Entscheidungsträger von der sogenannten “Digitalisierung” haben.

Und klar, wenn die Personalabteilung die Eignung eines Bewerbers algorithmisch feststellt und das Ergebnis dann auch auf kurzem Wege akzeptiert, dannn ist das ein ganz besonders zynischer Missbrauch der “künstlichen Intelligenz”. Wenn man nicht von “künstlicher Intelligenz” sprechen würde, sondern sachgerechter von “künstlicher Idiotie”, dann würde dieser Missbrauch schnell deutlich werden. Übrigens: Wer sich mal mit dem von J. Weizenbaum geschaffenen KI-Programm ELIZA beschäftigt hat, wird schnell erkennen, dass es sich bei den Gespsprächspartner um unterhaltsame Idioten handelt.

Natürlich gibt es auch einige besonders schrille Entgleisungen, die niemand wirklich ernst nehmen muss, die leider dennoch von einigen Leuten ernst genommen werden. So schwärmte mal ein KI-Jünger von künftigen Roboter-Generationen, die so intelligent seien, dass sie Artenschutz verdienten. Oder ein Aufklärer, der in einem Internet-Artikel in die KI einwies und nicht von “künstlicher Intelligenz”, sondern gleich von Selbstbewusstsein sprach. Brrr …

Ein eher harmloses Beispiel für die unverzichtbare KI ist das Programm Luminar 4, das zur Zeit intensiv beworben wird. Es handelt sich um eine Bildbearbeitung, deren “intelligente” Algorithmen (lauter AI-Werkzeuge) bei vielen Fotografen Begeisterung auslösen. Alles automatisch: aus einem etwas schiefen Pickelgesicht mit zu kleinem Mund wird mit wenigen Klicks eine Schönheit mit blendend weißen Zähnen und einer Haut ohne Makel, Pupillen, die von strahlendem Weiß umgeben sind usw. Also das komplette Retuscheprogramm mit kaum mehr als einem einzigen Handgriff. Äußerst leistungsfähig, perfekte Schönheit bei einem gegen Null tendierenden Wiedererkennungswert. Von dem ursprünglichen markanten, charaktervollen Gesicht bleibt ein poliertes Puppengesicht übrig. Das kann KI, keine Frage.

KI ist natürlich nicht verantwortlich für einen üblen fotografischen Trend, und alle dazu erforderlichen Routinen, auch die automatischen, lassen sich genau so gut ohne KI, also mit starrer Algorithmik erzielen. Ja ich bin nicht mal sicher, dass sich bei Luminar 4 hinter den mit AI (artificial intelligence) gekennzeichneten Funktionen wirklich flexible Algorithmik verbirgt, doch hier wird sehr anschaulich die Erwartungshaltung gegenüber KI deutlich. “Ja, wenn das denn mit intelligenten Methoden gemacht wird, dann muss es ja gut werden.” Um etwas zu verkaufen, muss es nicht wirklich gut sein, sondern der Käufer muss es für gut halten.

Und so wie KI Gesichter glattbügeln kann, so kann sie auch Charaktermerkmale, Haltungen, Meinungen, das Kauf- und Wahlverhalten usw. glattbügeln, also gleichschalten. Doch Persönlichkeiten mit individueller Prägung erfordern Menschen als Partner, keine Algorithmen. Deshalb noch einmal: Finger weg von Menschen, die sind zu wertvoll, um von Algorithmen durch Schablonen gepresst zu werden. Hier scheint das Attribut “künstliche Intelligenz” als Legitimation für Manipulation missverstanden zu werden. Sind ja intelligent, diese Algorithmen, folglich dürfen sie Menschen an die Hand nehmen und – natürlich zu ihrem Vorteil – hierhin und dorthin führen.

Und so wird KI zu einer Triebfeder. Muss ja sein, vor allem in Deutschland, wo man erkannt hat, dass man zumindest auf dem technologisch-wirtschaftlichen Schlachtfeld zur Großmacht aufsteigen kann. Klar, selbstverständlich nur, um sich gegenüber anderen Nationen behaupten zu können, vor allem aber, weil Digitalisierung und KI die Welt verbessern werden. Dennoch: eine Welt, in der ich nicht wirklich leben möchte. Vielleicht, weil sie zu perfekt für mich sein wird? Weil ich echtes Leben mit der ständigen Auseinandersetzung mit der Unvollkommenheit verbinde? Unvollkommenheit, die kaum mit KI in Verbindung gebracht werden kann? Die Perfektion, die man mit KI anstrebt, ist im Grunde einfach nur verdammt unmenschlich.

 

Allmählich is gut, Herr Klinner

Seit langem schon bin ich interessierter Zuschauer der Nachmittagssendung “Heute in Europa”. Nicht täglich, nein, dazu habe ich meist keine Zeit, aber so zweimal, dreimal die Woche. Der Blick über den deutschen Tellerrand, das Engangement für Europa, das sind für mich schon überzeugende Gründe, den Fernseher gegen 16:00 Uhr einzuschalten. Außerdem sind einem die Moderatoren sehr vertraut: Jasmin Hekmati, Julia Theres Held oder auch Andreas Klinner. Sie alle geben der Sendung eine persönliche Note, z.B. der Klinner, der zu Beginn immer ein Hauptthema ankündigt und dann noch auf weitere Themen mit “… und außerdem  …” hinweist.

So sympathisch der persönliche Anstrich durch die jeweiligen Moderatoren auch rüberkommt, zumindest grundsätzlich, so ist die eine oder andere Vorliebe doch eher unangenehm. So zum Beispiel Klinners Anhimmeln der skandinavischen bzw. baltischen Lebensart, wenn’s um digitale Lebensgestaltung geht. Zweimal schon habe ich mitbekommen, wie er Estland als digitales Schlaraffenland geradezu anpries. Für mich war’s schwer zu ertragen, denn genau so möchte ich nicht leben.

Und ich wünsche mir, dass die Verhältnisse nicht nach Deutschland überschwappen. Nur ein Beispiel: Klinner lobte die geradezu paradiesischen Zustände in estländischen Schulen, wo schon jeder Grundschüler Zugang zu einem 3D-Drucker habe. Mein Gott, Herr Klinner, ein 3D-Drucker ist ziemlich das Letzte, was ein Schüler braucht, um zu gestalten oder Formen zu erfassen. Schere, Papier, Klebstoff usw. sind um Größenordnungen wichtiger und auch bildungswirksamer als ein digitales Hightech-Gerät. Und auch das gezeigte Lernen an einzelnen Terminals darf nur eine Ergänzung sein; viel wichtiger ist das Lernen in Gruppen. Nicht Isolierung, sondern Gemeinschaft. Ja, und gerade, was das soziale Gefüge angeht, gibt es in Estland erhebliche Defizite. Aus historischer Sicht verständlich, aber dennoch nur bedingt als Vorbild geeignet.

Heute nun ein weiteres Highlight von Klinner. Er kündigte Finnland als möglicherweise nachahmenswertes Land an, wenn’s um moderne Lebensformen geht. Finnland – ja, ich mag das Land und habe Helsinki als überaus freundlichen Ort kennengelernt. Das war allerdings noch zu analogen Zeiten. Egal, ich konnte mir denken, welchen Schwerpunkt Andreas Klinner setzen würde, und ging hinaus, bevor der Beitrag begann. Etwas später schaute ich noch einmal kurz durch die Tür und sah genau das, was ich erwartete: ein Smartphone, mit dem offenbar irgendwas im Haushalt gesteuert wurde. Ich schlug die Tür wieder zu, ganz schnell.

Sorry, ich kann sie nicht mehr ertragen, diese völlig blinde Digitalgläubigkeit, diese passive Gleichgültigkeit, mit der sich die Menschen in ein digitales Datengeflecht eingliedern lassen. Mir kommt es vor, als würde bei den meisten Zeitgenossen der nüchterne Menschenverstand, der durchaus ein guter Maßstab für die Abwägung zwischen gut und schlecht sein kann, im digitalen Strudel kurzerhand ausgeschaltet.

Ja, digital kann gut sein (wenn’s gut gemacht ist), ist aber auf keinen Fall schon deshalb gut, weil’s digital ist. So einfach ist die Angelegenheit. Und: Diejenigen, die die gravierenden Nachteile der Digitalsierung einfach ignorieren, die machen es schlecht. Definitiv. Ich bin davon überzeugt, dass die Menschheit irgendwann begreift, dass das Internet, wenn man es falsch anpackt, mehr Schaden anrichtet als Nutzen bietet. Es gibt erste Anzeichen, dass einige Leute im Begriff sind zu kapieren. Doch je länger wir das Internet unkontrolliert wüten lassen, desto schwieriger wird es sein, die Schäden wieder auszubügeln. Denn die Wunden, die durch

  • Verrohung der Gesellschaft durch Hassplattformen,
  • Realitätsverlust durch Fake-News,
  • Manipulationen durch Informationsblasen,
  • sexuelle Versumpfung,
  • kriminelle Durchdringung der Gesellschaft,
  • Verlust von persönlicher Kontaktnähe,
  • Verlust von Verantwortungsbereitschaft und Urteilsfähigkeit,
  • Gefährdung durch Hacker-Angriffe,
  • Gaffer-Fotografie und -Videofilmerei,
  • kaum bremsbare Verbreitung von kinderpornografischem Material,
  • kriminelle, extremistische und terroristische Zusammenrottungen,
  • bedenkliche Vorbilder in Youtube-Kanälen,
  • unkontrollierbare Datensammlungen und Verhaltensanalysen

entstehen, heilen nicht so schnell – wenn überhaupt. Und machen wir uns nichts vor, all diese gravierenden Negativerscheinungen sind kein unabwendbares Schicksal, sondern die Folge eines falschen Umgangs mit dem Internet. Das Internet selbst macht die Welt nicht kaputt, wohl aber die total falsche Gestaltung des Netzes, die Überbewertung seines Nutzens, das gedankenlose Herumreiten auf dem Hype der absoluten Digitalisierung. Und allen, die auf die enormen Chancen der Vernetzung hinweisen, sei gesagt: Ja, die gibt es, diese Chancen – wenn man sie richtig nutzt. Davon sind wir zur Zeit noch Lichtjahre entfernt. Und ob wir die Chancen bei diesem blinden Vorpreschen überhaupt irgendwann mal nutzen können, ist keineswegs sicher. Auf jeden Fall wird die Müllhalde, auf der wir den durchs Internet erzeugten Mist entsorgen müssen, gigantisch groß werden. Auch gewaltiger Sperrmüll wird anfallen, z.B. in Form von falsch konzipierten Plattformen wie Facebook, die einfach abgeschaltet gehören, damit saubere Plattformen eine Chance bekommen.

Mein Gott, nach dem Debakel mit der Kernenergie, nach dem Verkehrschaos mit seinen schlimmen Auswirkungen auf das Klima, nach dem Einsetzen der Massenproduktions-Orgien sollten wir doch gelernt haben, dass man technische Entwicklungen nicht wie ein Naturgesetz über sich ergehen lassen darf. Das gilt auch für die Digitalsierung. Die Menschheit muss noch lernen, Zukunft nicht nur zu prognostizieren, sondern zu gestalten. Und je mächtiger die Gestaltungsmöglichkeiten sind, desto wichtiger ist kontrolliertes Vorgehen mit klaren Zielvorgaben. Nicht Digitalisierung ist das Ziel (wie absurd, dieser Gedanke), sondern das, was wir damit ganz konkret erreichen wollen. Und wenn es in eine falsche Richtung geht, dann bleibt doch nur eines: anhalten, sich orientieren und das weitere Vorgehen erneut planen. So abwegig?

Arroganter Schnösel

In irgendeiner TV-Sendung, die sich kritisch mit China und der Unterdrückung Hong-Kongs befasste, wurde u.a. ein chinesischer Journalist befragt, der sich als außerordentlich systemfreundlich erwies. So richtig ein gelungener Gesandter des großen Bruders Xi Jinping: eloquent, tiptop angezogen, freundlich und gewinnend lächelnd. Also rundum smart.

Nun, was der Gute zum besten gab, war eigentlich vorhersehbar. Klar, das Sicherheitsgesetz sei ganz im Sinne eines fortschrittlichen, menschenfreundlichen China. Die Werte der chinesischen Bürger müssten schließlich vor dem schädlichen Einfluss zerstörerischer Elemente geschützt werden. Und dann fügte er noch süffisant hnzu: Im übrigen zeige ja auch die Corona-Krise, dass das chinesische System – im Gegensatz zu den westlichen Gesellschaftsformen – hervorragend funktioniere, denn die Pandemie sei in China problemlos gemeistert worden.

Dem Interviewer hat es nach dieser ziemlich arrogant vorgetragenen These die Sprache verschlagen. Gegenargumente konnte er nicht vorbringen, und somit blieb nichts übrig, als ohne ein weiteres Wort das Interview zu beenden.

Im Nachhinein, quasi als Treppengedanke, fiel mir ein, dass man solche Typen nur mit ihren eigenen Waffen schlagen kann. Man hätte ja die überdeutliche Kritik an nichtchinesischen Systemen aufgreifen und darauf hinweisen können, dass er, wenn man chinesische Maßstäbe anlegte, nun ein Fall für einen europäischen Haftrichter sei. Denn seine Kritik an westlichen Systemen sei genauso staatsgefährdend wie die Kritik der Demonstranten in Hong-Kong. Aber wir leben ja in einem Rechtsstaat, und da sollten solche rachsüchtigen Treppengedanken tabu sein. Einfach ignorieren und dem Land der Mitte den Rücken kehren wäre das beste, aber das geht ja auch nicht, denn Deutschland braucht China als Absatzmarkt. Die weltweite, wirtschaftlich-multilaterale Prostitution muss funktionieren, damit die Deutschen weiter in einem Land leben können, in welchem man gut und gerne lebt. Besonders die Reichen in Deutschland.

Brennglas Corona-Krise

“Die Corona-Krise hat auch etwa Gutes, denn sie legt gnadenlos die Schwächen der Gesellschaft frei.” Oder: “Die Corona-Krise ist wie ein Brennglas, in dem deutlich zu erkennen ist, was falsch läuft in Deutschland.” So oder ähnlich hört und liest man immer wieder. Mit den Schwachstellen sind vor allem die mangelnde Digitalisierung oder – nach dem Tönnies-Skandal – die Missstände in der Fleischindustrie gemeint. Ob die nur zaghaft voran getriebene Digitalisierung wirklich eine Schwachstelle der Gesellschaft ist, will ich jetzt mal dahingestellt lassen. Vor allem die Digitalisierung der Schulen ist durchaus diskussionswürdig. Eindeutig dagegen ist die Situation in der Fleischindustrie, und nicht nur dort, denn Leiharbeit über Subunternehmer ist eine Form modernen Sklaventums. Und wenn Unternehmerverbände und Industrie nachdrücklich darauf bestehen, dass es ohne Leiharbeit nicht geht, dann muss wohl das gesamte Wirtschaftssystem in Frage gestellt werden, dann muss es so umgeformt werden, dass auf Sklavenarbeit verzichtet werden kann. [1]

Doch bei aller Dankbarkeit gegenüber dem “Aufklärer” SARS-CoV-2: wir sollten nicht den Fehler machen, die Infektionszahlen in den Fleischbetrieben als Beleg für die Missstände in der Schlachtindustrie heranzuziehen. Die Missstände beziehen sich auf die entwürdigende Behandlung von Arbeitern aus dem Ausland, egal ob Corona oder nicht. Als die Leiharbeit im großen Stil etabliert wurde, konnte man das Virus noch gar nicht kennen.

Und wir sollten nicht den Fehler machen, Schwächen und Lücken beim Home-Schooling (Scheißwort) als schulische Systemschwächen dahinzustellen. Schulen können und dürfen nicht im Hinblick auf eine nicht vorhersehbare Pandemie konzipiert werden. Die Corona-Krise eignet sich schlichtweg nicht als Begründung für mehr Digitalisierung. Das Maß der Digitalisierung in den Schulen muss unabhängig von Sekundärereignissen wie Corona bestimmt werden.

Trotzdem hört man in der Krise hier und dort den tiefen Seufzer: “Sehr ihr, wir haben’s doch immer schon gesagt.” Klar, menschlich verständlich und politisch plausibel. Und dennoch falsch.

[1]  Das moderne Sklaventum ist nicht zuletzt deswegen so verführerisch, weil es sich hervorragend digitalisieren lässt. Unpersönlichkeit digitaler Strukturen – besser lassen sich Gewissensbisse kaum unter den Teppich kehren. Das heißt, es meldet sich erst gar nicht, das schlechte Gewissen, das sich nicht ohne weiteres digitalisieren lässt, nicht mal mit künstlicher Intelligenz. Verkäufliche Arbeitskraft anstelle von Mitarbeitern, das ist der entscheidende Unterschied zu einem menschenwürdigen Wirtschaftssystem. Und noch einmal: Es geht nicht nur um die Fleischindustrie. Betrachten wir doch mal die Bedingungen bei den “Mitarbeitern” der Deutschen Glasfaser im “Kundendienst”. Oder schauen wir einem Paketzusteller über die Schulter und fragen ihn mal, wieviel Minuten und Sekunden Zeit ihm bis zum nächsten Paketkunden bleiben. Auf dem Display seines mobilen Terminals ist alles mit äußerster Präzision vorgegeben. Sklavenwächter mit digitaler Peitsche. Und fragen wir doch einmal die Mitarbeiter einer Leiharbeitsfirma, wievel ihrer Leiharbeiter ihnen persönlich bekannt sind.

Unter dem Sammelbegriff “Arbeitnehmerüberlassung” findet sich eine Reihe von Synomymen oder Spezialformen, die alle eines gemeinsam haben: Sie beschreiben eine zynische Missachtung von Menschenwürde. Nur ein Beispiel: “Personalleasing”. So wie Autoleasing. Menschen, Autos – alles nur digitale Instanzen von gewinnbringenden Produktklassen – verkäuflich und abwrackfähig.

Schule – Corona – Medien

Mit den Medien meine ich in diesem Fall das Heute-Journal im ZDF und die Art und Weise, wie deren Moderatoren das Thema anpacken. Klar, wenn von Corona und Schule die Rede ist, dann geht es zur Zeit fast ausschließlich um die Digitalisierung der Schulen; hier ist eine total offensive Einstellung der Medien zu beobachten. Dennoch gibt es noch geringfügige Unterschiede, was die Moderatoren betrifft. Während bei Claus Kleber immerhin eine leichte Unsicherheit zwischen den Zeilen mitschwingt, sind sich Christian Sievers und vor allem Marietta Slomka sicher: Je mehr Digitalisierung, desto besser; je schneller die Schulen ohne Einschränkungen digitalisiert werden, desto besser. Klar, die Schulschließungen infolge der Corona-Pandemie und die daraufhin ergriffenen Digitallösungen begünstigen eine solche Totalhaltung. Dass sich das Home-Schooling (Scheißwort) nur als Ersatz herausgestellt hat, wird bei dieser Sichtweise als Hinweis auf zu wenig Digitalisierung verstanden. Die Einsicht, dass digitalisierter Schulbetrieb strukturell nicht mehr als Ersatz sein kann, ist weitgehend versperrt.

Vor kurzem gab es gleich zwei ausführliche Berichte in einer Heute-Sendung, von M. Slomka mit der zwar verdeckten, aber dennoch eindeutigen Forderung vorgestellt, die Digitalisierung nun doch bitte voranzutreiben. Und der Blick in die vorgestellten (ausgesuchten!) Schulen war durchaus geeignet, die Haltung der Moderatorin zu bekräftigen. Junge Lehrer, natürlich modern eingestellt, die kraftvoll und innovativ nach neuen Wegen des Lernens suchen und diese – natürlich – im Digitalmodus finden. Ganzheitliche Unterrichtsmethoden wie das Lernen mit Hilfe des Internets, begleitet und unterbrochen von körperlichen Bewegungen im Klassenraum. Unterrichtsfach: Biologie. Geht’s noch besser? Und die befragten Kinder erklären – natürlich -, dass ihnen das Lernen mit Computern Spaß macht. Also ein mächtiges Plädoyer für die digitale Ausrichtung der Schulen. Jedenfalls kommen die Beiträge so rüber, und ich unterstelle mal, dass sie so auch von Frau Slomka intendiert sind.

Interessant war auch Slomkas Einleitung zu diesem Teil des Journals. Natürlich beklagte sie – wieder einmal – die Lücken im Mobilfunk, überhaupt das viel zu langsame Internet in Deutschland. Deutschland als digitales Entwicklungsland. Vielleicht ist das eine Sache des persönlichen Erlebens. Ich habe einige Male in meinem Leben Mobilfunklücken erlebt, aber nie als tragisch empfunden, weil es immer andere Lösungen gab. Also nicht der Rede wert. Über ein zu langsames Internet habe ich ebenfalls schon gestöhnt, aber da ging es um 4 MBit/s. Mit 8 oder 10  wäre ich ohne weiteres zufrieden gewesen. Na ja, dann kamen die Glasfaserleute, und ich habe nun das Gefühl, mit einem Auto durch die Gegend zu fahren, das 300 km/h auf die Straße bringt, wobei aber nur maximal Tempo 50 möglich und notwendig ist. Andere Zeitgenossen denken und fühlen anders; für sie sind schon 50 MBit/s inzwischen zu langsam. Ich frage mich, was die alles mit dem Internet machen. So eine Art digitale Völlerei?

Egal, zurück in die Schule. Der Beitrag im Heute-Journal wäre überzeugender gewesen, wenn auch Lehrerinnen und Lehrer, die der Digitalisierung distanzierter gegenüberstehen und die nicht pauschal als lernunfähig oder lernunwillig in die Ecke gestellt werden, zu Wort gekommen wären. Vielleicht wäre dann deutlich geworden, dass die ganzheitlichen Konzepte keine Erfindung der Digitalzeit sind, denn das bewegungsunterstütze Lernen hat ganz bestimmt nichts mit Computern zu tun. Vielleicht wäre dann deutlich geworden, dass im Biologieunterricht kein Internet den Gang in den Wald ersetzen kann, dorthin, wo man mit analogen Methoden dem Gegenstand zu Leibe rückt. Und vielleicht wäre deutlich geworden, dass der Spaß am digitalen Lernen vor allem auf Sekundärmotivation beruht, so wie die Hersteller von Schreibgeräten auf quietschbunte Stifte setzen, damit sie gerne von Kindern in die Hand genommen werden. Pink macht sich gut.

Echte und letztlich nachhaltige, erfolgreiche Motivation basiert auf dem Interesse an der Sache selbst, und dabei spielt die digitale Ausstattung eine lächerlich nebensächliche Rolle. Und nachhaltige Bildung wird dort erzielt, wo vor allem die unmittelbaren menschlichen Beziehungen in Ordnung sind. Ein digitales Provisorium als endgültige Lösung zu kultivieren, ist mehr als fragwürdig.

Aber kann Frau Slomka das überhaupt einordnen? Schließlich ist sie eine Medienspezialisten und keine ausgebildete Pädagogin (falls doch, bitte ich in aller Form um Entschuldigung). Sie ist überaus erfolgreich, wenn es darum geht,  “Zugeschaltete” in die Enge zu treiben. Auch dieses scheint typisch für Corona-Zeiten zu sein: Viele Schuster haben Probleme, bei ihren Leisten zu bleiben, und wenn’s um Digitales geht, scheint jeder in allen Belangen mitreden zu können, zu dürfen, zu müssen (wegen Verantwortung für das Allgemeinwohl und so). Kein Wunder, schließlich vibriert in jedermanns Hosen- oder Handtasche ständig das smarte, zweite Ich.

Damit ich nicht missverstanden werde: Natürlich gehören die digitalen Strukturen in den Lehrplan der Schulen, und natürlich kann es sinnvoll sein, ab einem bestimmten Alter auch (!) mit digitalen Endgeräten zu arbeiten und damit die Methodik des Unterrichtsgeschehens zu erweitern. Alles ok, aber die Corona-Krise zum Anlass zu nehmen, um die Digitalisierung der Schulen zu einer existentiellen Frage hochzuschaukeln, das ist einfach nur unsachgemäß, um nicht zu sagen: blöd.

Facebook und der sture Mark

Twitter ist drauf und dran, sich ein sauberes Mäntelchen überzustreifen. Damit will ich nicht sagen, dass Twitter auf einmal geläutert ist, aber es macht sich ganz gut, wenn man nun Beiträge mit Fake-News oder sonstigen groben Verfehlungen löscht. Und wenn man dabei den Donald, diesen ungehobelten Klotz, nicht verschont, heißa, dann kommt Sympathie auf.

Ganz anders Facebook. Der sture Mark Zuckerberg weigert sich beharrlich, die Beiträge zu werten und ggfs.zu löschen. Nicht seine Aufgabe, betont er, denn Facebook und alle eingekauften Vasallen wie Instagram, Whatsapp usw. seien keine Medienanstalten, sondern lediglich Plattformen, die nichts weiter täten als die technischen Kommunikationsmöglichkeiten bereitzustellen. Kritik an den Inhalten oder gar deren Löschung sei nicht deren Aufgabe.

Tja, was soll ich dazu sagen? Er hat recht, der gute Mark Zuckerberg. Facebook macht keine Medieninhalte, sondern ist tatsächlich nur eine Bereitstellungsplattform. So wie ein Grundstücksbesitzer, der einen Teil seines Grundes als allgemeine Parkfläche zur Verfügung stellt. Der muss ja auch nicht in jedes geparkte Auto hineinleuchten, ob da evtl. böses Zeug herumliegt. Überhaupt, was ist eigentlich böse? Was wir in Europa als schlimm empfinden, kann in Amerika als Teil amerikanischen Freiheitsrechtes angesehen werden oder in China als Methode zur Festigung der “weisen” Staatsführung.

Nee, so einfach ist das nicht mit der Beurteilung von Medieninhalten, und ausgerechnet Facebook als Zensor? Zuckerberg und seine Gesinnungsgenossen sollen entscheiden, was gut oder böse ist? Besser gar nicht erst dran denken. Da hat der Zuckerberg wirklich recht, wenn er stur darauf beharrt, die Inhalte nicht zu beurteilen.

Was natürlich nicht heißt, dass er die Inhalte unbeachtet lässt, und jetzt wird’s verdammt zwiespältig. Die Inhalte sind ja wertvolle Datenspender, und die Daten heimst sich Facebook gerne ein. Sie bringen ja das Geld und auf Dauer eine nicht mehr zu bremsende Macht – weltweit.

Wenn also Zuckerberg treuherzig beteuert, es gehe ihm bei Facebook ausschließlich um die Unterstützung der weltweiten Kommunikation und nicht um die Bewertung einzelner Inhalte, dann ist das eine Lüge. Es geht Facebook vor allem um den Verkehr auf den Plattformen. Je mehr davon, desto besser fürs Geschäft und vor allem für die angestrebte Position als mächtigster Player in der Welt. Die geplante Einführung einer eigenen Währung sollte Warnung sein. Und da Hassbeiträge, Verschwörungsgedanken und Lügen den stärksten Verkehr erzeugen (signifikant!), würde Facebook sich durch ein Löschen solcher Beiträge nur selbst schädigen.

Aber es gibt noch etwas, und dabei kann sich Zuckerberg nicht rausreden. Wenn er aus gutem (vorgeschobenen) Grund die Inhalte schon selbst nicht anrührt, dann muss er auf jeden Fall dafür sorgen, dass die Plattform alle erderlichen Mechanismen bietet, damit von autorisierter Stelle bei Bedarf gelöscht oder strafrechtlich sanktioniert werden kann. Diese Mechanismen gibt es nicht. Und er muss andererseits dafür sorgen, dass die Plattform keine Mechanismen enthält, die üble Beiträge bevorzugt verbreitet. Der Like-Button ist so ein zerstörerischer Mechanismus.

Also, auf den ersten Blick scheint Zuckerberg recht zu haben, aber wenn man etwas genauer hinschaut …

P.S.: Irgendwo hab’ ich mal gelesen, dass Mark Z. sehr gut mit Donald Tr. kann – und umgekehrt. Ja, umgekehrt ist es durchaus verständlich, denn Trumpi hat seinen Wahlerfolg u.a. dem Gerasssel auf Facebook & Co. zu verdanken.  Da kommt natürlich gegenseitige Sympathie auf. Kann aber auch sein, dass, ich einer Scheißhausparole aufgesessen bin. Vielleicht hat derjenige, der über die gegenseitige Zuneigung berichtet, seine Informationen auf Facebook oder Konsorten bezogen. Das würde einiges erklären.

 

Woran liegt es?

Wieder ein Artikel in unserer Tageszeitung, und erneut wird festgestellt, dass das Home-Schooling (Scheißwort) ziemlich erfolglos war. Und klar, die Ursache ist ebenfalls bekannt, es ist jener Mangel, der heutzutage für fast alle gesellschaftlichen Misserfolge bemüht wird: es wird nicht genügend digitalisiert, es stehen für die Digitalisierung nicht hinreichend Mittel bereit, die Leute habe noch nicht das nötige Know-how, um die digitalen Instrumente zu bedienen usw. Sind ja bekannt, diese Argumente; einigen Politkern und Medienvertretern laufen sie aus den Mundwinkeln heraus, und das Jammern über zu wenig Digitalisierung in Deutschland ist wie das Reden übers Wetter.

Mein Gott, ich bin fassungslos vor Staunen darüber, dass es die Menschheit ohne Digitalisierung überhaupt bis heute schaffen konnte. Vielleicht war’s auch kein richtiges Leben in der vordigitalen Zeit, vielleicht waren die Jahrtausende nur eine Zeit der Vorbereitung auf die wahre Epoche der Menschheit, auf die neue Welt des Big Data.

Ironie beiseite: Ist eigentlich schon mal jemand auf den Gedanken gekommen, dass die Bildungsdefizite beim Home-Schooling (Mistwort) nicht auf den Mangel an Digitalisierung zurückzuführen sind, sondern ganz einfach darauf, dass sich bildungsorientierter Schulbetrieb nicht ohne weiteres digitalisieren lässt? Nur so ein Gedanke, könnte ja sein, wenn man bedenkt, dass man es in der Schule mit Menschen zu tun hat – junge Menschen, die den unmittelbaren Kontakt zu Bezugspersonen und Gleichaltrigen brauchen. Kinder und Jugendliche, die motiviert werden wollen. Schüler, die einen Anspruch darauf haben, dass es jemand gibt, der ihnen ansieht, wie sie gerade drauf sind. Lernende, die ihr Können in der Gemeinschaft erproben wollen.

Aber vielleicht bin ich nur ein Spinner, der an Dingen festhält, die demnächst keine Rolle mehr spielen werden.