Historisches Vorbild

Stellen wir uns folgenden Menschen namens H. vor: Er ist Lehrer in Hessen, träumt von einer großen, deutschen Nation, hasst alles, was nicht ar… , pardon: deutsch ist. Und er will seine Visionen realisieren. Wie soll er vorgehen? Gar nicht so einfach in einer Demokratie, die sich in knapp 70 Jahren verfestigt hat.

Nun, als erstes muss er in eine Gegend ziehen, wo die Leute noch nicht so viel Erfahrung mit Demokratie haben, Thüringen zum Beispiel. Dann braucht er eine Partei, die für nationalistisches Gedankengut zumindest aufgeschlossen ist. Eine Partei, die sich noch formen lässt. Gibt es zum Glück, und somit ist der Wirkungskreis schon mal geschaffen. Ansonsten orientiert sich Herr H. an einem Vorbild, ebenfalls ein Herr H., der vor 90 Jahren zeigte, wie man es macht.

Als erstes kommt es darauf an, in der Partei die absolute Gefolgschaft sicherzustellen. Zweifler müssen überzeugt, Unverbesserliche herausgeschmissen werden. Ob man die bereinigte Partei irgendwann umbenennt, wie es der historische Herr H. gemacht hat, ist nicht unbedingt wichtig; Hauptsache ist doch, dass die nach nationaler Größe gierenden Bürger sich in der Partei wiederfinden können. “Alternativ” oder sowas klingt schon mal ganz gut, der Begriff deutet zumindest auf etwas noch nicht Vorhandenes hin. Und was bisher nicht vorhanden war bzw. irgendwie abhanden gekommen war, ist klar: Deutschland über alles.

Dann, ganz wichtig, muss Stärke demonstriert werden: die Leute auf der Straße müssen zwischen Furcht und Bewunderung schwanken, diese Mischung mobilisiert. Am besten sich einreihen. Der alte Herr H. hat dazu braune Schlägertrupps auf die Beine gestellt; der neue Herr H. kann auf bestehende Formationen zurückgreifen. Sie marschieren wöchentlich vor allem in Dresden und sagen, wo’s lang geht: Raus mit allem Fremden, mit allen Nichtar…, pardon, Nichtdeutschen. Der Stil der Banner hat sich geändert, aber die Grundfarben schwarz-rot-weiß sind geblieben. Immer günstig, wenn man erst mal im Rahmen des geltenden Rechts operiert – die Maske kann man noch später abwerfen.

Die wichtigste Regel ist zweifellos, dass man ein griffiges Feindbild schafft. Man muss ja wissen, wohin mit seinem Hass und seiner Zerstörungswut. Und – ebenfalls ganz wichtig – die Feinde müssen nah genug sein, dass man ihnen ohne großen Aufwand in die Fresse schlagen kann. Damals waren Juden überall präsent, denn sie machten einen wesentlichen Teil der deutschen Kultur und des deutschen Gemeinwesens aus. Da macht es sich ganz gut, wenn man die antisemischen Thesen des historischen Herrn H. aufgreifen und modernisieren kann. Modernisieren, das heißt das Feindbild um moderne Eindringlinge wie Moslems oder Flüchtlinge erweitern.

Und so arbeitet sich der heutige Herr H. zielstrebig voran. Das Ziel, einen künftigen, völkischen Staat ohne lästige Demokratie aufzurichten, ist nicht ganz einfach. Aber zum Glück kann Herr H. (von heute) ja die gelungenen Strategien des Herrn H. (von damals) kopieren, wenn auch in modifizierter Form. Die Grundlehre: Wenn du die Demokratie beseitigen willst, dann gelingt das am besten, wenn du die demokratischen Freiheiten nutzt, um ihr den Hals umzudrehen. Nur einig muss die Fraktion sein, deshalb ist es ja auch so wichtig, eine solide Parteil auf die Beine zu stellen und auf das gemeinsame Ziel auszurichten. Erste Stufe der Gleichschaltung.

In der Tat, Einigkeit wirkt Wunder. Der alte Herr H. veranlasste seine Fraktion, geschlossen (ganz wichtig) den Reichstag zu verlassen, um das Parlament, das allerdings auch beschissen organisiert war, beschlussunfähig zu machen. Der heutige Herr H. muss da schon ein bisschen subtiler vorgehen, damit die Absichten nicht zu schnell erkannt werden. Da kann man zum Beispiel einen eigenen Kandidaten aufstellen und einstimmig (ganz wichtig) nicht wählen, sondern eine bedeutungslose Figur, hinter der eine bedeutungslose Partei steht. So geht das auch. Strategische Verarschung.

Und wenn man dann so einen Teilerfolg erzielt hat, dann ist erst mal Demut angesagt, das macht sich gut. Ein Händedruck mit devoter Verbeugung. Auch dabei kann der historische Herr H. als Vorbild dienen. Damals galt der Händedruck dem Reichspräsidenten, heute dem gewählten Ministerpräsidenten. Dem Ministerpräsidenten auf Zeit, natürlich. Und dann – Kopf wieder hoch und auf zum nächsten Schritt. Die Marschierer und Brüller in Dresden verlangen nach einem prominenten Redner.


Ich wollte noch einige Gedanken hinzufügen, aber soeben erfuhr ich in den Nachrichten, dass letzte Nacht in Hanau ein Deutscher aus wahrscheinlich nationalistisch-rassistischen Motiven elf Menschen mit Migrationshintergrund erschossen hat. Die Wirklichkeit überholt die Befürchtungen. Ihr Kommentar, Herr H.?

 

 

Zukunft

Zusammen mit dem Stern, dem ich die Anregungen zu diesem Beitrag entnahm, kaufte ich mir den Focus. Ok, ist nicht gerade mein Lieblingsjournal, aber da ich bemüht bin, mich möglichst vielseitig zu informieren, lange ich auch schon mal auf die andere Meinungsseite hinüber. Um ehrlich zu sein, es waren vor allem zwei Aufmacherartikel, die mich zu dem Kauf verleiteten. Zum einen ein Artikel über ClearView “Das Ende der Privatsphäre”. Da brauche ich nicht drauf einzugehen. Klarer Fall von Datensumpf, aber das ist nun mal Digitalisierung – und alles wird schon hinreichend erörtert, inzwischen auch in seriösen Medien, die mehr und mehr ihre Blauäugigkeit ablegen.

Der andere Beitrag “Das System kollabiert” ist schon interessanter. Corinna Baier interviewt den amerikanischen Ökonom und Zukunftsforscher Jeremy Rifkin, der mit mehreren Buchveröffentlichungen (u.a. “The Green New Deal”) als Superexperte in Sachen Technologie und Wirtschaft in Erscheinung getreten ist. Bei dem Interview ging es zunächst um Klimaziele, aber es wurde zu einem Gespräch über grundsätzliche Zukunftsfragen. Es ist nicht ganz einfach, in diesem sich immer stärker auseinanderfächernden Interview so etwas wie einen roten Faden auszumachen, aber ich versuch’s mal, auch auf die Gefahr hin, dass ich das eine andere missverstehe oder nicht korrekt einordne.

Ich beginne mit Jeremy Rifkin, der mir bis jetzt unbekannt war. Er ist in Fachkreisen wohl äußerst angesehen, denn immerhin hat er schon Weltkonzerne, die EU-Kommision, die chinesische Regierung (!) und Frau Angela Merkel beraten. Ich verbeuge mich kurz vor ihm, und nun zum Inhalt des Interviews, in Form von Thesen, die er geäußert hat:

  1. Bei den entscheidenden Paradigmenwechseln in der Geschichte gab es drei Technologien, die das bewirkten: Kommunikation, Energie und Transport. Diese Technologien, in Verbindung mit der Infrastruktur, “erschaffen sich selbst. Es sind nicht Wirtschaft oder Politik, die das vorgeben”.
  2. Fossile Brennstoffe, die Energiequellen der zweiten industriellen Revolution, gehören der Vergangenheit an.
  3. Die Zukunft, eingeleitet durch die dritte industrielle Revolution  wird auf einem digitalisierten Energie-Internet basieren. Dabei wird Energie auf vielfältige Weise dezentral erzeugt und mit Hilfe von Algorithmen verteilt. Das schon bestehende Telekommunikations-Internet muss sich mit dem Energie-Internet vereinen.
  4. Ab 2030 wird eine omnipräsente Infrastruktur des Internets of Things mit einheitlichen Standards vorherrschen. Jedes einzelne Gebäude wird ein Knoten im Netz sein, smart, energieeffizient, komplett ausgestattet mit Sensoren.
  5. Das Ende des Kapitalismus, wie wir ihn kennen, wird kommen, denn die Marktwirtschaft ist zu langsam für die digitale Zukunft, in der alles vernetzt ist. Wir werden uns von Märkten zu Netzwerken, von Käufern und Verkäufern zu Anbietern und Nutzern, vom Besitz zum Zugang entwickeln. Nach dem Kapitalismus kommt die Sharing Economy.
  6. Fake News sind schrecklich. Deshalb ist es auch so wichtig, dass sich möglichst viele Menschen miteinander verbinden. Die Empathie wächst mit der Infrastruktur.

Schon stecke ich tief im Dilemma. Einerseits sind da die Ausführungen eines anerkannten Ökonomen und Zunkunftsforschers, andererseits ein kaum noch beschreibbares Unbehagen, dass der Experte mit seinem Zukunftsbild bei mir auslöst. Zukunftsängste hat es immer gegeben, wenn etwas Neues, Anderes anstand. Aber das waren Ängste vor dem Unbekannten, noch nicht Vertrauten, vor dem, was man noch nicht einordnen konnte. Das ist heute bei mir anders. Ich bin sehr wohl mit Algorithmen vertraut, und das, was die fortschreitende Vernetzung verursacht, ist ja überall schon zu beobachten. Es sind keine erfreulichen Beobachtungen, und selbst offensive Digitalbefürworter sehen mehr und mehr ein, dass es so, wie es bis jetzt gelaufen ist, nicht weiter gehen darf.

Wie also ist das einzuordnen, was Jeremy Rifkin als die zukunftsweisende Lösung der Menschheitsprobleme in Aussicht stellt? Einiges ist sicherlich richtig und auch zu befürworten, so zum Beispiel das Ende der Nutzung fossiler Energien. Der Schutz des Planeten und damit der Schutz unserer Lebensgrundlage erfordert ein radikales Umdenken; die Zeit für Kompromisse ist bereits überschritten. Es ist auch richtig, dass das kapitalistisch orientierte Wirtschaftssystem damit am Ende ist – am Ende sein muss. Aber die Begründung wiederum irritiert: Weil die Wirtschaft zu langsam für den digitalen Wandel ist? Basieren nicht gerade die natürlichen und gesellschaftlichen Strukturen zum großen Teil auf einem Gleichgewicht, das sich wiederum nur bei einer gewissen Trägheit einstellen kann? Ohne Dämpfung ist jedes System in Gefahr, schon bei leichten Störungen in gefährliche und irgendwann nicht mehr bremsbare Schwingungen zu geraten.

Dass Kommunikation, Energie und Transport die relevanten Elemente der Technik sind, ist leicht nachzuvollziehen. Selbst dass Politik und Wirtschaft sich ganz pragmatisch an diesen Strukturen orientieren, ist noch verständlich. Aber ist die Abhängigkeitskette wirklich so einseitig bzw. darf sie überhaupt so einseitig sein? Ist es nicht so, dass die Technik auch von der Wirtschaft abhängig ist? Oder von der Politik, die wiederum die Bürger der Gesellschaft vertritt? Kann, darf eine Gesellschaft es überhaupt zulassen, dass Technik von ihr Besitz ergreift, ohne dass eine wirksame Kontrolle über die technologische Entwicklung stattfindet? Sind nicht die Menschen, von Rifkin weitgehend ausgeklammert (zumindest in dem Interview), die wichtigsten Protagonisten in diesem komplexen Beziehungsgefüge? Darf man überhaupt eine technischen “Fortschritt” über sich ergehen lassen wie ein Naturereignis? Und wenn nicht, welche Bedingungen sind es, die korrigierend eingreifen können oder müssen?

Fragen über Fragen, auf die der Ökonom Rifkin keine schlüssigen Antworten liefert. Nun ist zu bedenken, dass Ökonomie keine Wissenschaft ist, die sich auf fundamentale Wahrheiten berufen kann. Ökonomische “Wahrheiten”  sind dem zeitlichen Wandel unterworfen und werden sehr stark von ideologisch geprägten Wunsch- und Zielvorstellungen bestimmt. Gute Ökonomen sind halt solche, die ein vom Beurteiler bevorzugtes Wirtschaftssystem vorantreiben oder solidarisieren. Ein Ökonom, der für freie Marktwirschaft eintritt, hat eine ganz andere Sicht- und Beurteilungsweise als ein vom Sozialismus überzeugter Wirtschaftsexperte. Und ein von der totalen Vernetzung überzeugter Ökonom wird seine Therorien und Gedanken digital ausrichten und begründen. Gut klingende Argumente lassen sich immer finden, die Komplexität der Materie gibt es her. Insofern muss man sich die Theorien Rifkins nicht unbedingt zu eigen machen, erst recht nicht, wenn sich seine Ansichten mit einem zwangsläufig noch verschwommenen Zukunftsbild vermischen.

Zurück zu den inhaltlichen Aspekten. So wichtig Technologie auch sein mag, in einer Gesellschaft muss sie sich stets an wichtigeren Zielen orientieren. Wenn sich zum Beispiel das kapitalistische Wirtschaftssystem als überholt herausstellen sollte, dann nicht, weil die technische Infrastruktur ein anderes System begünstigt oder verlangt, sondern weil die Gesellschaft zu der Erkenntnis kommt, dass Mensch und Natur bessere Strukturen verdienen. Bei einer solchen Betrachtungsweise kann man durchaus die Impulse sehen und aufgreifen, die sich aus technischem Fortschritt ergeben. Aber wenn die Impulse in die negative Richtung steuern, dann muss die Technik gestoppt werden, und zwar so rechtzeitig, dass die Folgen noch nicht unumkehrbar sind. Die Kerntechnik sollte eine Mahnung sein.

Die Prognose, dass aus Märkten Netzwerke, aus Verkäufern und Käufern Anbieter und Nutzer, aus Besitz Zugang wird, wird zum Teil schon durch die Realität bestätigt. Car-Sharing, Streaming, smarte Taxi-Systeme, Crypto-Währungen sind mehr oder weniger frühe Realformen der Shared Economy. Doch ohne kapitalistische Impulse? Im Grunde handelt es sich um einen digitalen Sozialismus, den Rifkin als Zukunftsmodell zeichnet. Aber haben sich derartige Ansätze in der Geschichte nicht immer als Utopien herausgestellt, die nach einer gewissen Zeit zusammenbrechen? Wie gesagt, die Menschen haben auch noch ein Wörtchen mitzureden – zum Glück. Menschen wollen nicht nur benutzen und teilen, sondern auch besitzen.

Es gibt noch eine Passage, die mich veranlasst, die Vollständigkeit des Rifkinschen Weltbildes ein wenig in Zweifel zu ziehen. Es sollen sich möglichst viele Menschen miteinander verbinden, damit die Empathie wächst. Das ist, gelinde gesagt, Unfug. Die überbordenden Verbindungen, die wir derzeit in den sozialen Netzwerken erleben, sorgen auf Grund der unvermeidlichen Anonymität der Kontakte für das genaue Gegenteil von Empathie, nämlich für Hass und Rohheit. Aber um das richtig einzuschätzen, darf man sich nicht nur um Energie, Wirtschaft und techische Infrastruktur kümmern, sondern muss die Menschen mit ihren Stärken und Schwächen in den Vordergrund rücken; das andere ist nachgeordnet. Und in diesem Zusammenhang verbietet sich ja auch die Synthese des Internets der Dinge mit dem Telekommunikationsnetz, in welchem vor allem ein zwischenmenschlicher Informationsaustausch stattfindet. Menschen dürfen niemals von Maschinen gesteuert werden. Und die Konvergenz der Netze, die Rifkin so sehr heraufbeschwört, ist eine schlimme Nivellierung – Menschen auf Maschinenebene.

Und dann ist da noch Rifkins Beratung der chinesischen Regierung. Ich weiß nicht, was er den Machthabern in Peking geraten hat. Entweder haben die nicht auf ihn gehört (warum?), oder sie haben seine Ratschläge befolgt und den schlimmsten Überwachungsstaat in der Geschichte der Menschheit auf die Beine gestellt. Welche Rolle spielt Rifkin? Welche Rolle hat er bei der Beratung von Frau Merkel gespielt? Hat er sogar einen Anteil daran, wenn Frau Merkel in Saarbrücken die Sorge äußert, dass zu viel Datenschutz ein Hindernis auf dem Weg zu Big-Data sein könnte?

 

Kinder- und Jugendschutz

Das Jugendschutzgesetz dient u.a. dazu, alles von Kindern und Jugendlichen fernzuhalten, was sie gefährden oder ihre Entwicklung negativ beeinflussen kann. Glücksspiele, Alkohol, allzu freizügige Sexdarstellungen usw. sind typischerweise tabu  für junge Menschen. Das ist prinzipiell gut und richtig, auch wenn es hier und da mal hakt oder sich eine Maßnahme nur unvollkommen umsetzen lässt. Oder eine Maßnahme im Einzelfall überzogen sein mag.

Und nun auf einmal das Internet. Hier können Kinder und Jugendliche zocken nach Herzenslust, hier ist Kriminaliät nur einen unbedachten Mausklick entfernt, hier sind die widerlichsten Pornodarstellungen nur zwei gezielte Mausklicke entfernt. Im Internet können Jugendliche alles ablegen, was ihnen Schule und Elternhaus an Erziehung und Anstand mitgegeben haben; im Internet gewöhnen sich Kinder rechtzeitig daran, wie prickelnd es ist, andere Kinder restlos fertig zu machen.

Wenn die Gesellschaft den Kinder- und Jugendschutz nur halbwegs ernst nähme, müssten Smartphone und Tablets für Bürger unter 18 schlichtweg verboten sein.

Und dann gibt es ja noch den direkten Kindesmissbrauch mit Hilfe des Internets. Ich meine jetzt gar nicht mal den sexuellen Missbrauch – ja, den auch, aber der ist offensichtlich genug, so dass ich hier nicht drauf eingehen muss. Ich denke vielmehr an die Preisgabe von persönlichen Daten. Wenn wir Erwachsenen z.B. auf Facebook herummachen und in Kauf nehmen, dass Persönlichkeitsprofile von uns angelegt werden, ist das unsere Entscheidung bzw. Dummheit. Kinder können die schlimmen Folgen dieser Datensammelei noch gar nicht abschätzen, und infolgedessen müssen die Erwachsenen kompromisslos dafür sorgen, dass die Daten der jungen Menschen auf keinen Fall auf irgendeinem Server landen.

Konkret heißt das, dass sprechendes, mit dem Netz verbundenes Spielzeug verboten wird. Ja, die Erlaubnis zur Benutzung von sprechenden Puppen ist Kindesmissbrauch. Konkret heißt das auch, dass schulische Lern- und Leistungsdaten nur über ein Netz geschickt werden, das besonders abgedichtet ist. Eine strikte Trennung vom allgemein zugänglichen Internet ist unerlässlich, so wie bei Krankheitsdaten.

Wann denken wir wieder daran, unseren Nachwuchs zu schützen?

Erste kritische Stimmen

Seit rund zwei Jahrzehnten gibt es bei der Vernetzung der Welt nur eine Richtung: immer mehr, immer schneller. Man spricht nicht von “Vernetzung”, sondern von “Digitalisierung” und ist überzeugt, dass damit alle Probleme der Welt gelöst werden können. Vor allem das derzeitig aktuelle Klimaproblem. Wenn es um die Nennung ganz konkreter Vorteile durch die Vernetzung geht, ist man nicht mehr ganz so schnell bei der Hand (womit auch?), und wenn man die Argumente mal etwas sortiert, dann stellt man fest, dass es zu einem ganz erheblichen Teil darum geht, auf dem digitalen Markt konkurrenzfähig zu bleiben. Man muss einfach mitmachen, weil man im globalen Wettbewerb in der Spitzengruppe sein möchte.

Dass die Vernetzung auch mit Nachteilen verbunden ist, wird als Nebenwirkung betrachtet, die behoben werden kann, wenn man nur dran arbeitet. Die fortschreitende Vernetzung darf ja nicht gefährdet werden, und im übrigen hat man ohnehin keine Wahl, denn die totale Vernetzung wird kommen. Ja, sie wird einfach kommen, und die Gesellschaft muss sich anpassen. So denkt man.

Doch inzwischen hat sich die anfängliche Euphorie ein wenig gelegt, denn die Nachteile der Vernetzung werden immer deutlicher; sie sind nicht mehr einfach vom Tisch zu wischen. Und es sind keine marginalen Nebenwirkungen, die sich ohne weiteres beheben lassen. Die Negativfolgen der Vernetzung haben das Potenzial, Gesellschaften zu zerstören, ja weltweite, kriegsähnliche Konflikte hervorzurufen. Hier nur einige wichtige Aspekte:

  • Sicherheit. Systembedingt ist die Unsicherheit im Internet sehr hoch und lässt sich nicht so weit beheben, dass man lebenswichtige Vorgänge über das Netz abwickeln darf. Passwörter? Mein Gott, dass dieses Passwortgehampel nicht funktionieren kann, sollte inzwischen jeder wissen.
  • Miteinander. Die vernetzte Kommunikation hat die zu erwartende Entwicklung genommen und ist zu einer Hasskommunikation geworden, die zwangsläufig mit einer Verrohung der Gesellschaft einhergeht.
  • Wahrheit. Die Wahrheit bleibt auf der Strecke. Fake News, Deep Fakes oder Cheap Fakes bestimmen das, was als faktisch richtig erkannt wird oder erkannt werden soll.
  • Privatsphäre. Menschen werden bis in ihre intimsten Bereiche hinein beobachtet und überwacht. Die Ergebnisse werden analysiert und dauerhaft zur gegenwärtigen oder zukünftigen Auswertung gespeichert.
  • Freiheit. Meinungen und Einstellungen werden gezielt und – individuell angepasst – gesteuert. Unter anderem wird auch das Kauf- und Wahlverhalten von Bürgern manipuliert.
  • Energie und Klima. Auch das darf nicht unerwähnt bleiben. Der Datenverkehr übers Netz verschlingt enorme Mengen an Energie, vor allem die als Patentlösung propagierte Blockchain-Technik. Smarte Technik kann nur ein Teil des Mehrbedarfs an Energie kompensieren.
  • Werte. In fast allen Lebensbereichen bewirkt die Vernetzung einen drastischen Wertverlust, teilweise durch die schiere Masse von allem Möglichen, teilweise durch Verflachung des Konsumverhaltens, wobei das Streaming eine erhebliche Rolle spielt,
  • Verantwortung. Dadurch, dass die Vernetzung den Menschen Entscheidungen in vielen Lebensbereichen abnimmt, bleiben Entscheidungskraft und Verantwortungsbereitschaft auf der Strecke. Algorithmisierte Moral.
  • Usw.

Und nun doch einiges Aufbegehren. So zum Beispiel im Stern, Ausgabe 5-2020. Der Artikel befasst sich vorwiegend mit Lügen und Manipulationen im Netz, deckt also nur einen Teil der negativen Auswirkungen der Vernetzung ab. Ich will an dieser Stelle nicht die Thesen und Begründungen des Artikels aufgreifen, sondern nur auf die im Artikel eingebundene Liste von Ratschlägen für mehr Datensicherheit  eingehen. Die Tipps lesen sich wie eine Zusammenfassung dessen, was ich seit mehreren Jahren in diesem Blog immer wieder thematisiere. Ich möchte aber in aller Deutlichkeit darauf hinweisen, dass ich in meinen Beiträgen zwar den einen oder anderen Zeitungsartikel zitiert habe, dass das aber nur zur Veranschaulichung meiner persönlichen Meinung geschah. Meine Meinung basiert auf gesundem Menschenverstand und einer Portion Erfahrung im Umgang mit Computern und Algorithmen.

Umgekehrt darf ich auch davon ausgehen, dass den Autoren des Stern-Artikels mein Blog unbekannt war. Und so war es für mich äußerst verblüffend, was ich im Stern unter der Überschrift “Wie schütze ich mich?” las:

  • Bezahlen statt gratis. Klar, es geht zu Recht gegen das Geschäftsmodell von Facebook & Co. Ich selbst war niemals mit Facebook unterwegs und bevorzuge die saubere Plattform Threema für Kontakte innerhalb der Familie. Nein, keine Likes, kein “Teilen”.
  • Nichtkommerzielle Software nutzen. Ein Hieb gegen Micrsooft und ein Plädoyer für Open-Source-Programme. Seit 15 Jahren arbeite ich teilweise, seit 4 Jahren fast ausschließlich mit Linux. Übrigens kinderleicht zu installieren und zu bedienen.
  • Handy richtig konfigurieren. Hier stieß ich auf Resignation: “Leider gibt es, was den Datenschutz angeht, keine wirklich empfehlenswerten Smartphones”. Stimmt, habe ich wiederholt festgestellt und als Urheber die ständige Netzanbindung und das App-System herausgestellt.
  • Weniger googeln. Gemeint ist vor allem, weniger die miteinander verkoppelten Google-Dienste in Anspruch nehmen. Habe ich noch nicht direkt thematisiert, aber eine damit zusammenhängende Technik, die Synchronisation von persönlichen Geräten, habe ich mehrmals kritisch hinterfragt.
  • Bar bezahlen, in lokalen Läden einkaufen. Natürlich darf der Online-Kauf im Interesse eines gesunden Gemeinwesens nur eine Ergänzung sein, und bargeldloses Bezahlen ist immer mit der Preisgabe von Daten verbunden. Ich weiß nicht, wie oft ich das schon angesprochen habe. Der Erhalt des Bargelds ist immens wichtig.
  • Keine Sprachsteuerung. Wörtlich: “Alexa, Siri und Google-Assistent [… ] sind faktisch Wanzen, die allem, was wir tun, im Hintergrund zuhören.”  Wie oft habe ich die diese Geräte schon verdammt, teils ironisch, teil bissig, aber immer vehement.
  • Weniger smart sein. Also weniger Klamotten ans Internet hängen, vor allem die Geräte des Smart Home.  “… haben oft nur einen begrenzten Mehrwert, öffnen aber das eigene Zuhause der Überwachung aus dem Internet …”. – So schön habe ich es noch nicht formuliert; ich sprach nur wiederholt von einem hohen Maß an Überflüssigkeit. Begrenzter Mehrwert – das gefällt mir.
  • Weniger vernetzen. Gemeint ist die Einschränkung der Nutzung sozialer Netzwerke. Kein Kommentar, wer die Beiträge in meinem Blog überfliegt, der merkt schnell, was ich schon seit Jahren ständig anmahne.

Soweit diese Übersicht im Stern – Wasser auf meine Mühlen. Und danke auch für den Ausdruck, den ich bisher noch nicht kannte: Human downgrading. Er beschreibt die Abwertung des menschlichen Miteinanders durch die Vernetzung. Downgrading, welch treffender Gegensatz zu der bislang gültigen Maxime des ständigen Upgradings in der IT-Welt. Vernetzung hoch – menschliches Miteinander runter. Wer diesen Zusammenhang versteht, der merkt schnell, wie bodenlos zynisch es ist, wenn ausgerechnet Facebook in seinen Anzeigen mit dem Begriff “Miteinander” wirbt.

Kapiert ihr’s endlich?

In letzter Zeit ist es üblich, China als Muster für eine lückenlose digitale Überwachung vorzustellen. Sicher, China ist der Überwachungsstaat schlechthin, und in vielerlei Hinsicht wird der von George Orwell (1984) beschriebene Albtraum durch die Realität bereits übertroffen. Doch China scheint für viele weit weg zu sein, zu weit, um sich bedroht zu fühlen. Jedenfalls macht man unbekümmert weiter, klickt auf dem Smartphone herum, dass es glüht, genießt den “Komfort”, sich mit Fingerabdruck oder Gesichtserkennung einloggen zu können, freut sich über “künstliche Intelligenz”, die dank der Spracherkennung das mühsame Schreiben in vielen Fällen entbehrlich macht.

Und dann auf einmal die Nachricht, die regelrecht aufschreckte und vielerorts für Entsetzen sorgte: In den USA gibt es eine Internet-Plattform namens ClearView, die mehr als drei Milliarden Bilder von Gesichtern enthält, diese per Gesichtserkennung auswertet und die gewonnenen Personendaten in einer gigantischen Datenbank speichert. Wer zahlt, kann auf die Daten zugreifen, und zahlende Interessenten gibt es reichlich, vor allem in der amerikanischen Polizei- und Geheimdienstszene.

Die Annahme, sowas wie in China könne in der demokratischen, westlichen Welt nicht entstehen, ist pure Blauäugigkeit. Es ist einfach eine Erfahrungstatsache, die sich aus psychologisch-soziologischer Sicht wahrscheinlich sogar begründen lässt: Was technisch möglich ist, wird auch gemacht – irgendwann, irgenwo, von irgendjemand. Und Technik, die missbraucht werden kann, wird missbraucht, irgendwann, irgendwo. Wenn mit irgendwas Geld zu machen ist, egal worum es sich handelt, wird es zu Geld gemacht, irgendwo und irgendwann. So ist das nun mal, und in den letzten Jahren hat sich herausgestellt, dass sich Daten herrvorragend vermarkten lassen, sofern kein eindeutiger Riegel vorgeschoben wird. Intimsphäre? Datenschutz? Achtung vor der Menschenwürde? Facebook hat vorgemacht, wie sich diese Dinge hervorragend ignorieren lassen. Man braucht nur kräftige Schlagworte, um das miese Geschäft in ein positives Licht zu stellen. Bei Facebook heißt die wirkungsvolle Parole “miteinander”. Die damit verbundene Lüge wird von den meisten Menschen dann gern überhört.

Bei der Gesichts-Datenbank heißt die Parole “Sicherheit”, ebenfalls eine Lüge, denn den paar Fahndungserfolgen, mit denen die Polizei ihren Zugriff auf die Datenbank rechtfertigt, steht ein Einbruch in die Privatbereiche von Milliarden von Menschen gegenüber. Bereiche, die nicht wirklich sicher gemacht werden können, denn die Sammlung der Gesichtsdaten erfolgt ja nicht durch kompliziert zu öffnende Hintertüren, sondern ganz einfach durch das Scannen von Fotos in den digitalen Netzwerken oder auf Internetseiten.

Was man dazu braucht, ist nicht viel. Der Urheber von ClearView, ein Australier mit vietnamesischen Wurzeln, hat es: Man braucht vor allem einen gewissen Hackerinstinkt und dann einige Freunde oder Investoren, die Geld für die Start-up-Investition bereitstellen und etwas Know-how im Umgang mit Programmierung und KI-Systemen besitzen. Den Rest besorgen automatische Scan-Programme, die sich durch Webseiten und Medien hangeln. Links und Likes machen es diesen Programmen einfach. Vor allem natürlich ist es die Leichtfertigkeit der Nutzer, die ClearView ermöglicht. Konsequenz? Ganz einfach: Bilder von Privatpersonen gehören weder auf eine Internetseite noch in einen Twitterbeitrag, erst recht nicht auf Instagram oder Whatsapp. Und jetzt kommt’s: Da jedes Smartphone eine Kamera enthält und Apps sich dieser Kamera bedienen können, ohne dass man etwas davon mitbekommt, lässt sich gar nicht vermeiden, dass Bilder in die schmutzigen Fänge von Datenhaien wie ClearView gelangen. Die Schlüsse, die daraus zu ziehen sind, liegen auf der Hand, und so will sie hier nicht auseinanderlegen. Ja, es sind schwerwiegende Konsequenzen, die sich ergeben.

Andererseits auch nicht allzu schwerwiegend, denn man kommt hervorragend zurecht, wenn man das Smartphone sparsam, am besten nur in dringenden Fällen benutzt. Ich halte mich dran und vermisse nichts. Gar nichts. Aber je stärker die Gesellschaft von diesen Dingern Gebrauch macht, desto mehr nähern wir uns den chinesischen Zuständen. Garantiert. Als ClearView in einer TV-Sendung vorstellt wurde, da fragte man einen  Vertreter der Polizei, ob die Benutzung einer solchen Datenbank auch in Deutschland denkbar sei. Der Polizeisprecher hatte seine Bedenken und forderte vor allem nationale, von den USA unabhängige Lösungen. Aber die Leistungsfähigkeit der in Deutschland entwickelten Gesichtserkennung sei noch nicht ausreichend; die Trefferquote sei noch nicht zufriedenstellend.

Ich bin sicher, dass man diese Schwächen bald ausmerzt, und dann steht einem deutschen China ja nichts mehr im Wege.

 

Fleisch

FFFFriday For Future. Eine neue, weltweit agierende Bewegung, die Kraft und Nachdrücklichkeit vor allem aus der Jugend der Beteiligten bezieht. Toll. Am Anfang gab es ja einige kritische Stimmen, von wegen Schule schwänzen am Freitag oder einfach Lust am Prostestieren haben. Die sind weitgehend verstummt, diese Stimmen, denn FFF kommt immer überzeugender daher. Vor allem durch die Bereitschaft der Akteure, persönliche Beiträge zum Klimaschutz zu leisten. So lehnen es die meisten der Protestierenden kategorisch ab, mit dem Flugzeug in den Urlaub zu fliegen. Oder sie vermeiden das energiehungrige Streaming, überhaupt jeden überlfüssigen und stromfressenden Datenverkehr mit dem Smartphone. Und – viele essen auch kein Fleisch mehr, da sich inzwischen herumgesprochen hat, wie klimaschädlich das ist.

Vor allem das Rindvieh macht gewaltige Probleme, da sie als Wiederkäuer so einiges an Methangas produzieren, das – pups – hinten entweicht. Da fällt mir ein, dass es schon im 19. Jahrhundert einen Klimaschützer gab, vielleicht den ersten der Weltgeschichte. Er hieß Buffalo Bill und reinigte die amerikanische Prärie nachhaltig von Methan furzenden Büffelviechern. Nicht dass die damals schon großen Klimaschaden anrichtten konnten, aber stellen wir uns vor, diese vielen tausend Viecher würden heute noch leben und im Verein mit Autos, Kraftwerken, Smartphones und den Rindern am Klima knabbern.

An der Leine geführt

Deutlich mehr als 30% der Bevölkerung benutzt eine Smartwatch oder irgendeinen Fitnesstracker, oft kombiniert mit dem Smartphone, um sich fit und gesund zu halten. Es stört diese Leute nicht, dass sie ihre intimsten Merkmale wie Herz- und Atemfrequenzen, Motivationsschwächen (Arsch-nicht-hoch-kriegen-Koeeffizient), Lastergewohnheiten usw. im Netz veröffentlichen. Etwa 40%, wozu auch ich gehöre,  lehnt so etwas kategorisch ab; der Rest ist “aufgeschlossen”.

Ich denke, vielen dieser digitalisierten Mitmenschen ist gar nicht bewusst, dass sie sich mit diesen smarten Impulsgebern wie Köter an der Leine herumführen lassen. Heißa, jetzt geht’s Gassi, ob es regnet oder windet, ob du Lust hast oder nicht. Es fehlen ja noch 3478 Schritte an dem, was Herrchen für deine Gesundheit als notwendig erachtet. Und bitte keine Widerspenstigkeit, die Krankenversicherung beobachtet mit.

Ein anderer Vergleich, der mir angesichts der mit smarter Technik durch die Gegend gejagten Zeitgenossen einfällt: Sie sind wie Fahrradfahrer, die nur mit Stützrädern zurechtkommen. Leute, die verlernt haben, sich selbständig und frei zu bewegen – oder es noch nie gekonnt haben. Moderne Form des fremdbestimmten Lebens.

Es gibt weitere, noch wesentlich plastischere Beispiele, die man hier anführen könnte, doch die will ich lieber nicht ausmalen. Aber ich will eines der Kernprobleme der Digitalisierung auf den Punkt bringen: Sie nimmt den Menschen einiges ab (die Digitalisierer nennen’s “Komfort”), aber auf der Strecke bleiben Selbständigkeit, Freiheit, Charakterstärke, Entscheidungsfreude und und und … Es gibt Dinge, auch unbequeme, die muss man den Menschen lassen, sonst verkümmert einiges, und das ist nicht ungefährlich.

Ach, ja, Sportmediziner sehen in diesen Dingern eine Hilfe, um den eigenen Körper zu beobachten. Ja, mag für Hochleistungssportler ganz nützlich sein, um die Grenzen auszuloten, doch bei Menschen ohne Medaillenambitionen kommt es vielmehr darauf an, die körpereigenen Messgeräte zu benutzen. Dann wird aus Sport und Bewegung eine befreiende Aktivität, die sich auch auf Verstand und Psyche positiv auswirkt. Allerdings, wenn man keinen Verstand mehr hat, den es gesund zu halten gilt, und unter Gesundheit nur das Funktionieren von Körperorganen versteht, dann sind die Dinger genau richtig. Womit ich (noch) nicht so weit gehen möchte, alle Menschen mit erkennbar am Körper getragenem Fitnesstracker als hirnlos zu bezeichnen. Nein, man kann sich ja einfach nur irren oder auf eine dumme Masche hereinfallen. Letzteres ist wohl sehr häufig der Fall.

Trampeltier Trump

Wenn die Demokraten bei der nächsten Wahl gewinnen würden, gäbe es weltweit ein hörbares Aufatmen. Es gab in den USA gute und schlechte Präsidenten, aber Trump bildet das Schlusslicht, uneinholbar. Es ist für mich schlichtweg nicht vorstellbar, dass es noch einmal einen derartig miserablen Präsidenten geben wird.

Was ist das eigentlich für ein Mensch? Nur die auffälligsten Merkmale:

Trump ist ein Exzentriker und Egomane, er ist ein Lügner, Vertragsbrecher, Erpresser Nationalist, Klimazerstörer, Rassist u.v.m. Vor allem ist er politisch ziemlich unfähig. Es ist schon erstaunlich, wieviel negative Eigenschaften sich auf eine einzige Person konzentrieren können. Aber natürlich hat der Typ auch seine guten Seiten, wie fast jeder Mensch. Ich kann mir vorstellen, dass man mit ihm ganz gut Kirschen klauen oder schmutzige Witze austauschen kann. Es muss ja nicht jeder ein Tugendbold oder ein gesellschaftliches Vorbild sein. Nur – der Typ gehört nicht ins Weiße Haus, sondern an einen Stammtisch.

Also liegt die Schuld (und die Verantwortung für das, was Trumpi zerstört) bei den amerikanischen Wählern. Obwohl – ich habe da durchaus meine Zweifel. Denn viele wollten einfach wieder einen handfesten Republikaner als Präsidenten. Also sind die Republikaner, die verbissen an ihrem Kandidaten festhalten, verantwortlich für die Misere, nicht wahr. Oder?

Nee, der wahre Schuldige ist ein Demokrat, nämlich Barak Obama. Erinnern wir uns: Die Gegnerschaft zwischen Demokraten und Republikanern war im Laufe der amerikanischen Geschichte oft sehr heftig, aber wenn es um die Belange des Landes ging, kam es letzten Endes fast immer zu Einigungen. Bis eben Obama ins Weiße Haus einzog. In kürzester Zeit wandelten sich die Republikaner von politischen Gegnern zu hasserfüllten Feinden, die sogar die schon überwunden geglaubte Abneigung gegen farbige Bürger neu entdeckten. Die Tea Party wurde ins Leben gerufen, und in den scheinmoralischen Sümpfen einiger Staaten brannten wieder die Kreuze der neuen Ku-Klux-Klan-Bewegung. Klar, wenn der Präsident ein verhasster Farbiger ist.

Und so war es das erste und wichtigste politische Ziel des Trump (und mit ihm der Republikaner), restlos alles zu beseitigen, wass der Obama bewirkt hatte. Restlos. Aber hätte Obama sich das nicht denken können? War es nicht eine arge Dreistigkeit, als Farbiger für den Job eines amerikanischen Präsidenten anzutreten und im Wahlkampf noch Aufbruchstimmung und Zuversicht zu verbreiten? Darf ein Farbiger das wirklich? Ein Farbiger hat sich doch unterzuordnen, oder?  Und Obama kann sich nicht rausreden, er wusste genau, dass er dunkelhäutiger als die rechtschaffenen, republikanisch gesinnten Amerikaner ist, denn er hat ja bestimmt schon mal in den Spiegel geschaut.


Ich bitte um Entschuldigung für die auf die Spitze getriebene Ironie. In Wirklichkeit war Obama, trotz der Fehler, die natürlich auch ihm unterliefen, eine Lichtgestalt, verglichen mit dem derzeitigen Trumpeltier. Nein, in Amerika muss einiges neu geordnet werden, und den größten Ordnungsbedarf haben zweifellos die Republikaner. Ich persönlich würde am liebsten die ganze derzeitige Besetzung des Weißen Hauses in eine Rakete stecken und auf den Mond schießen. Und das möglichst schnell, denn was haben die nicht schon alles kaputt gemacht, bis hin zur ernsthaften Gefährdung des Weltfriedens. Ach ja, und dieser amerikanische Botschafter in Germany, dieser dreist-unverschämte Herr Grenell, gehört natürlich auch in die Rakete zum Mond. Also bitte nicht auf der Rampe vergessen.

Ich bin entsetzt

Nein, nicht über Trump oder sein schlimmes Auftreten in Davos. Das ist bekannt, und dass Trump nicht nur ein Trampeltier, sondern ein ausgesprochener Klima-Bandit und politischer Wüstling ist, sollte inzwischen auch jedermann kapiert haben. Er scheut ja nicht mal davor zurück, Europa zu erpressen, wenn es hier eine andere Meinung gibt als die aus dem Weißen Haus herausgebrüllte.

Nur sollten die Europäer das auch sagen dürfen – nein, müssen. Wenn es um das eigene Rückgrat geht (das braucht man, verdammt noch mal), stößt Diplomatie an ihre Grenzen, und die müssen aufgezeigt werden. Ständiges Ducken stärkt nur das Rückgrat des ohnehin schon breitkreuzigen Stammtisch-Politikers in Washington.

Meines Wissens hat es nur einer “gewagt”, das von Trump geprägte Verhältnis der USA zu Europa (auf)richtig zu bezeichnen, wenn auch sehr verhalten: Robert Habeck. Prompt erntete er Kritik, indem man ihm unterstellte, er leiste einem Antiamerikanismus Vorschub. Dabei hatte er hauptsächlich den Auftritt Trumps in Davos als desaströs bezeichnet und ihn als Gegner dahingestellt, was ja faktisch richtig ist.

Was mich regelrecht entsetzt hat, ist die Art und Weise, wie deutsche Politiker nun Robert Habeck abkanzeln. “Schädlich” nannte Kramp-Karrenbauer Habecks Äußerungen. Und Norbert Röttgen, ebenfalls CDU, attestierte Habeck eine “erschreckende außenpolitische Einfältigkeit”. Und natürlich war es auch Lindner (FDP), der über seinen Intimfeind Habeck herzog.

Ich sag’ es rundheraus: Wenn diese Kritik an den berechtigten Äußerungen Habecks ein Licht auf die politische Haltung einiger CDU- Und FDP-Politiker werfen sollte, dann kann man sich nur wünschen, dass AKK niemals Bundeskanzlerin wird und die FDP wieder unter die 5% rutscht.

Opfer und Täter

In der Tageszeitung fiel mir neben den beschriebenen Stellen (siehe vorangegangenen Beitrag) eine weitere Textstelle auf, auf die ich aber gesondert eingehen möchte. Es ist ein Statement von Frau Merkel im Rahmen einer Gedenkveranstaltung zur Befreiung des KZs Auschwitz. Merkel nimmt die Ereignisse der NS-Zeit zum Anlass, Menschlichkeit zu fordern. Eigentlich wunderbar, diese Forderung, und kein Grund, daran Kritik zu üben. Ich will auch nicht die Forderung nach Menschlichkeit kritisieren, in keiner Weise. Was mich stört, ist die Einseitigkeit dieser Forderung.

Menschlichkeit und Nazi-Verbrechen. Danke, Frau Merkel, dass Sie mir auf diese Weise mitgeteilt haben, dass das Nazi-Regime unmenschlich war. Ist doch wichtig zu wissen. Diese sarkastische Anmerkung fiel mir spontan ein, doch das Thema ist zu sensibel, um es ironisch anzugehen. Also zurück zur sachlichen Ebene.

In der letzten Zeit haben die Aufarbeiter die Opferrolle entdeckt. Man denkt, wenn es um das Mobbing in den sozialen Medien geht, nun vor allem an das Leid derjenigen, über die die Meute herfällt. Oder der Missbrauch in den Kirchen. Neuerdings stehen vor allem die traumatischen Erlebnisse der Opfer im Vordergrund. Es gibt weitere Fälle von Fokussierung auf die Opfer, einfach nur mal etwas rumschauen. Und genau da reiht sich auch die Forderung von Merkel ein: Nazi-Verbrechen als Unmenschlichkeit gegenüber den Opfern und das Leid der vielen, vielen Opfer. Ja, dessen muss man sich immer bewusst sein, keine Frage.

Aber: Mitgefühl ist zwar nötig, Entschuldigungen sind unumgänglich, doch je weniger man unmittelbar an den Verbrechen beteiligt war (es gibt ja nur noch eine historische Schuld, die allerdings nie endet) desto leichter geht eine Entschuldigung über die Lippen. Mehr noch, eine solche Entschuldigung, verbunden mit echter Zerknirschung, ist letzten Endes ein Zeichen von Größe.

So wichtig die Beachtung der Opfer ist, die Aufarbeitung der Täterrolle ist noch wichtiger. Und diese Aufarbeitung ist hart und kann nicht mit Entschuldigungen aus der Welt geschafft werden. Sie muss ständig geleistet werden, schnörkellos und konsequent. Das Kernfrage der Aufarbeitung der NS-Zeit ist klar: Wie konnte es geschehen, dass ein Volk sich an derartigen Verbrechen beteiligte? Dabei waren die Konzentrationslager zwar die Zentren der Verbrechen (neben den Orten der vielen SS-Massaker), für die Aufarbeitung heute sind meines Erachtens die Progrome der “Kristallnacht”  viel aufschlussreicher, weil sich hierbei alles unter den Augen der Bevölkerung abspielte.

Einer Bevölkerung, die um keinen Deut besser oder schlechter war als die Bevölkerung heute. Und so kann es eigentlich nicht verwundern, dass Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit wieder aufleben. Spannender ist die Frage, warum es nach dem Krieg einige Jahrzehnte gab, wo Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus keine bemerkenswerte Rolle spielten. Oder soll man sagen: keine bemerkte Rolle spielten? Ich will hier nicht auf die Ursachen des Antisemitismus eingehen, dass können Historiker besser.

Nur so viel: Der in Jahrhunderten in Europa gewachsene und besonders in Deutschland stark ausgeprägte Antisemitismus ist fest im Unterbewusstsein der Gesellschaft verankert und lässt sich nicht mit wenigen Maßnahmen überwinden. Selbst in einer oberflächlich gesunden und menschlichen Gesellschaft ist Antisemitismus latent vorhanden und wartet nur auf Gelegenheiten zum Ausbruch. Wenn es in der Gesellschaft tolerant und friedlich zugeht, dann heißt das zunächst, dass antisemitische und fremdenfeindliche Tendenzen entweder keine Gelegenheit haben, an die Oberfläche zu brodeln, oder dass die Menschen ganz einfach mit positiven Herausforderungen ausgelastet sind. Wenn letzteres allerdings scheitert und Hoffnung sich in Entmutigung umkehrt, dann öffnen sich schnell die Luken zu den schlummernden, bösen Instinkten der Gesellschaft. Pegida ist eine Bewegung, die sehr viel mit Antisemitismus zu tun hat.

Natürlich geht es auch darum, antisemitische Tendenzen unter Verschluss zu halten und daran zu arbeiten, dass dieses Gift sich langsam verflüchtigt. Nur aufblühen darf Antisemitismus auf keinen Fall, denn das wirkt wie eine Frische-Kur. Folglich muss es das Bestreben sein, die Verbreitungswerkzeuge stumpf zu machen. Diese Werkzeuge, wozu in erster Linie die digitalen Medien gehören, sind Waffen, und Waffen entschäft man oder – man verbietet sie.

Ja, Frau Merkel, daran müssen wir arbeiten.