In eigener Sache

Dieser Blog ist zwar nicht Bestandteil meiner Webseite (nur lose verlinkt), aber ich möchte hier denselben Text veröffentlichen wie auf meiner Internetseite (http://www.txhome.de):

Gelegentlich wird bemängelt, dass diese Webseite noch nicht mit dem HTTPS-Protokoll arbeitet, und in einigen Browsern wird die Seite sogar als “unsicher” markiert. Das führt womöglich dazu, dass etliche Interessenten verschreckt werden und sich gar nicht erst auf meine Webseite begeben. Das wiederum macht die enorme Arbeit, die ich investiere, irgendwie überflüssig. Und somit stehe ich vor einer Entscheidung: Soll ich die Website “sicher” machen, obwohl ich das für den falschen Weg halte, oder soll ich den ganzen Kram einfach in die Tonne schmeißen und mich vom Internet verabschieden? Meine Internetseite ist nicht die erste mit Leidenschaft gestaltete Amateurseite, die der Kommerzialisierung des Internets weichen muss.

Dabei gibt es auf dieser Seite nichts, absolut nichts, was einen Umstieg auf das HTTPS-Protokoll erforderlich machte: Keine Werbung, keine eingebunden Skripte, keine nachzuladenden Ressourcen wie Fonts usw., kein Gästebuch, kein Kommentarangebot, keine Cookies (natürlich nicht), kein Zugriffszähler usw. Also all das, womit “kommerziell” arbeitende Webgestalter ihre Produkte auf Effekthascherei, auf Datensammelei und – nebenbei angemerkt – auf Unübersichtlichkeit trimmen, ist auf meiner Internetseite nicht vorhanden. Es gibt hier nur den reinen HTML-Text sowie die CSS-Datei, beides von jedermann einsehbar. Es wurde nicht einmal ein komfortabler Web-Editor benutzt, weil diese Programme dazu neigen, ihre eigenen, nur schwer zu durchschauenden Strukturen in die Seiten hineinzubasteln. Als Werkzeug benutze ich nur einen reinen Texteditor wie gedit oder Geany.

Und die fehlende Verschlüsselung? Warum, zum Henker, soll ich die Inhalte meiner Webseite verschlüsseln, wenn sie doch für die allgemeine Öffentlichkeit bestimmt sind? Und Besucherdaten, die geschützt werden müssten, gibt es einfach nicht, wie ich oben schon ausführte. Das Problem ist nicht das Fehlen von fragwürdigen Schutzmaßnahmen (gekaufte Zertifikate), sondern das Bestreben anderer Webseitengestalter, alles Denkbare in die Internetseiten hineinzupacken, wodurch erst die Unsicherheit entsteht und weshalb man glaubt, den Internetverkehr mit immer mehr Schutzmaßnahmen absichern zu müssen. Schutzmaßnahmen, die ihrerseits wegen ihrer Undurchschaubarkeit eine weitere Gefahr mit sich bringen. Dass der beste Schutz durch Einfachheit und Übersichtlichkeit zu erreichen ist, passt leider nicht ins Weltbild fortschrittlicher Internetarbeiter.

Im Gegenteil, Wie unter einem Zwang wird alles in die Seiten hineingebuttert, was technisch möglich ist. Weniger wäre das Eingeständnis, die Webseitengestaltung nicht zu beherrschen. Der Sinn der Web-Elemente spielt eine untergeordnete Rolle. Anschauliches Beispiel sind die Cookies. Seit Bestehen der Datenschutzgrundverordnung muss ja angezeigt werden, dass Cookies verwendet werden. Bezeichnend: Bei etwa 10-20 % der Webseiten sind Cookies sinnvoll, doch mehr als 90 % aller Seiten benutzen Cookies. Die Digitalisierung unter der Leitung von Google und Komplizen zwingt den größten Teil der Web-Entwickler in gehorsamen Gleichschritt. Und gestaltet den Gleichschritt durch die Bereitstellung von tollen Werkzeugen sehr komfortabel. Wer will da nicht folgen?

Ich zum Beispiel. Ich werde wohl nicht folgen.

Fazit: In zunehmendem Maße werden sichere Seiten als unsicher gebrandmarkt, nur weil sie dem Trend nach mehr Kommerzialisierung nicht folgen wollen oder können. Ich wiederhole: Maßgeblich daran beteiligt sind Konzerne wie Google, die mit dem Internet gigantische Geldsummen verdienen und denen sehr daran gelegen ist, dass das Web nicht zu amateurlastig wird. Mit Amateurseiten kann Google nämlich in der Regel kein Geld verdienen, etwa mit Werbeeinnahmen. Es ist zum Kotzen, nicht zuletzt deshalb, weil unbedarfte Zeitgenossen sich von pauschalen Sicherheitswarnungen leiten lassen und nicht imstande sind, die infame Strippenzieherei in den Leitständen des Internets zu durchschauen. Geld, Geld, Geld …

Sanktionen

Über den letzten Schurkenstreich von Alexander Lukaschenko brauche ich wohl kein Wort zu verlieren. Und dass Putin gerne den einen oder anderen Folterknecht unter seine stinkende Decke kriechen lässt, ist ebenfalls weithin bekannt.

Hier soll es vielmehr um die Reaktion der westlichen Staaten gehen. Sicher, diese Art von Luftpiraterie kann man nicht einfach hinnehmen, da sind sich (ausnahmsweise) alle EU-Staaten einig. Unsere oberste Politikerin, Frau Merkel, zeigt sich entsetzt und verurteilt die Vorgänge in Belarus als “beispiellos” und “inakzeptabel”. Huh, bei solch scharfen Worten muss beim Alexander ja der Angschweiß ausbrechen.

Immerhin ist der Westen entschlossen, zu schärferen Mitteln zu greifen. Na ja, man denkt darüber nach, ob man in Erwägung ziehen sollte, ernsthaft  zu überlegen, ob man echte Sanktionen in Betracht ziehen sollte. Dauert natürlich, und dass Groll und Empörung langsam im Sand versickern, ist ein probates Mittel von Realpolitik. Überhaupt ist Zeitgewinn geeignet, der Vernunft einen Raum zu geben. Inzwischen mehren sich die bekannten Stimmen der Vernunft, die darauf pochen, auf jeden Fall mit den Machthabern in Belarus im Gespräch zu bleiben. Und was Sanktionen betrifft, so müsse man darauf achten, dass nicht die Bevölkerung, sondern nur die Machthaber getroffen werden. Außerdem dürfen wirtschaftliche und kulturelle Beziehungen nicht nachhaltig gestört werden, gerade wenn sie so schwach ausgeprägt sind wie die zwischen Deutschland und Weißrussland.

Also bleibt es dabei – von ein paar oberflächlichen Piksen abgesehen. Die Welt hat ja bereits einschlägige Erfahrungen im Zuschauen. Denken wir nur an die Passivität der Staaten, als – für alle unübersehbar – unser Adolf den Holocaust vorbereitete. Auch die Kriegsabsichten mit den vorhersehbaren Folgen waren deutlich zu erkennen, spätestens nach dem Einfall in Polen. Oder denken wir an die Gottergebenheit, mit der Europa zuschaut, wie der neue Sultan die Türkei zugrunde richtet, ja sogar einen Teil Syriens besetzt. Realpolitik. Oder Schwanz einkneifen um des Vorteils willen, Argumente dafür lassen sich immer finden. Wie im Theater: Man sitzt im Zuschauerraum und betrachtet das Geschehen auf der Bühne mit dem wohligen Gefühl, das alles ja nur Theater ist. Und angesichts des grauenvollen Theaterspiels auf der Weltbühne treten erneut die Vernünftigen auf, die nach diplomatischen Lösungen rufen. Vernünftig wirkungslos.

Nun hat der Politverbrecher von Minsk noch ein widerliches Stück draufgesetzt. Der entführte Systemkritiker wurde vor die Kamera gesetzt und durfte sein Loblied auf Lukaschenko und seine Bande singen. Natürlich ist der Gesang unter Folter oder zumindest unter Androhung von Folter zustande gekommen. Kann eine Politikerbande noch dreckiger agieren? Wie wird Lukaschenko überhaupt enden? So wie der rumänische Diktator, Nicolae Ceausescu, erschossen und in die Gosse geworfen? Oder wie Benito Mussonini, öffentlich an den Beinen aufgehängt? Ja, ich weiß, dass solche Gedanken nicht mit dem rechtsstaatlichen Prinzip vereinbar sind, aber die Henker stehen auch im Fall Lukaschenko doch schon bereit, und zwar in Form des misshandelten, aufgebrachten Volkes. Doch vielleicht gewährt ihm am Ende ein anderer Politverbrecher Asyl. Lukaschenko und Putin sind ja nicht die einzigen dieser Sorte.

 

 

Zynische Verarschung

Die Datenschutzgrundverordnung bringt es ans Licht: Die meisten (fast alle) Webseiten verwenden Cookies. Nötig oder sinnvoll sind diese Dinger bei den allerwenigsten Internetseiten. Da fragt man sich natürlich, wozu die Cookies verwendet werden. Oder, besser gesagt, missbraucht werden. Hinzu kommt noch, dass die aufploppenden Banner, mit denen um die Zustimmung für Cookies geworben wird, einfach nur nerven.

Bemerkenswert sind vor allem die Texte, mit denen der Besucher aufgefordert wird, seine Zustimmung zu den Cookies zu geben. Fast alle sind so formuliert, dass man den Einrduck gewinnt, ohne die Zustimmung gar nicht erst auf die Seite zu gelangen. Höhepunkt dieser Aktionen sind Hinweise wie “Wir respektieren Ihre Privatsphäre, deshalb …” Mit anderen Worten: “Im Interesse Ihrer Privatsphäre sollten Sie die Cookies respektieren.” Geht’s noch zynischer? Kann man Mitmenschen noch widerlicher verarschen bzw. manipulieren? Die Werbeindustrie, die ja wohl dahinter steckt, war nie verlegen, wenn es um die Beeinflussung von Kunden geht, aber bevor die Welt “digitalisiert” wurde, ging es in erster Linie um Produkte. Die von Algorithmen gesteuerte Werbung im Internet hat aber eindeutig die Menschen mit ihren individuellen Verhaltensweisen, Stärken und Schwächen im Auge. “Personenbezogene Werbung” nenn man diesen Verstoß gegen die Grundrechte. Es geht um Freiheit, um zwar um echte Freiheit, um den Entscheidungsraum von Menschen, nicht um so belanglose Dinge wie die vorübergehenden Einschränkungen des Reiseverkehrs wegen Corona.

Die aufploppenden Banner, mit denen die Cookie-Erlaubnis erschlichen wird, sind einerseits sicherlich nervig; sie sollten aber auch als Warnhinweise verstanden werden. Soo darf Digitalisierung nicht ablaufen. Ich drücke ein weiteres Mal die Daumen für Max Schrems. Dieser Junge hat bereits mehr gegen den Datenmissbrauch im Netz bewirkt, als alle Politiker zusammen.

Schlusslicht

Digital – das ist die große Verheißung. Digital, das bedeutet fortschrittlich, zukunftsorientiert. Jedenfalls nach landläufiger Meinung. Analog dagegen heißt rückwärtsgewandt, technisch rückständig, unvollkommen, im Grunde obsolet. Zweifel an dem Segen der Digitalisierung kommen überhaupt nicht auf, dafür ist das Versprechen einer digitalen, komfortablen Zukunft zu eindringlich. – Natürlich ist diese Auffassung blauäugig und naiv. Abgesehen davon, dass sich “digital” und “analog” überhaupt nicht als Attribute für alles und jedes eignen, sind sie kein Gegensatz. Vielmehr ergänzen sich die beiden Techniken. Nicht plausibel? Einfach mal etwas darüber nachdenken, wie eine digitale Personenwaage funktioniert, oder eine Videokonferenz, oder eine Digitalkamera. Ich werde in einem späteren Beitrag noch genauer auf die Begriffe eingehen.

Zunächst aber müssen wir Deutschen leiden, weil der Digitalisierungszug einfach nicht so viel Fahrt aufnehmen will wie bei unseren Nachbarn. Nur 65% der Leute kaufen bei uns digital (gemeint ist “online”) ein, im europäischen Durchschnitt sind es 80%. So berichtet unsere Tageszeitung heute. Und in der Überschrift heißt es bedauernd “Schlusslicht bei digitaler Nutzung”. “Die Deutschen setzen nach wie vor lieber auf den persönlichen Kontakt” ist in dem kleinen Zeitungsartikel zu lesen.

Schlimm, oder? Wo doch Digitalisierung soo vorteilhaft und demnach erstrebenswert ist. Schlusslicht! Huh, das schämt man sich ja direkt. Es sei denn, man formuliert die Sache anders herum, nämlich positiv. Demzufolge wäre Deutschland Spitzenreiter, wenn es um die Bewahrung zwischenmenschlicher Kontakte geht. Na, wie klingt das?

 

Hass und Verrohung

Es wird zur Zeit sehr viel diskutiert über den hasserfüllten Umgang mit Mitmenschen in der Gesellschaft. Innenminister Seehofer spricht gar von “Verrohung”, und immer wieder stößt man auf Warnungen, dass hasserfüllte Worte irgendwann zu entsprechenden Taten führen können, bis hin zu Tötungsdelikten.

Sicherlich gibt es einen Zusammenhang zwischen Worten und Taten, aber ich glaube nicht, dass Worte die Hauptursache für die schlimmen, oft politisch motivierten Auswüchse sind. Die eigentlichen Ursachen stecken tiefer, aber Worte können den einen oder anderen Kanal öffnen, über den sich das Übel entlädt. Aber auch Worte an sich können schon verletztend genug sein, selbst wenn keine Taten folgen. Angst, Minderwertigkeitsgefühle oder totale Mutlosigkeit sind Verletzungen, die man nicht unterschätzen darf. Ja, Worte können in gewisser Weise töten.

Einig sind sich alle Beobachter darin, dass das Internet mit seinen “sozialen” Plattformen den entscheidenen Anteil an der Verrohung der Gesellschaft hat. Nur wie man dieses Übel bekämpft, darüber gibt es recht merkwürdige, meistens sogar überhaupt keine schlüssigen Meinungen. “Wir müssen dafür sorgen, dass die Menschen sich wieder mit mehr Achtung begegnen!” Au ja, gute Absicht. Oder: “Die Plattformen im Netz müssen zur Verantwortung gezogen werden. Sie müssen dafür sorgen, dass Hassbeiträge gelöscht werden.” Wunderbar, doch wie?

Vielleicht liefert ein Kommentar in den Nürnberger Nachrichten einen brauchbaren Ansatz: “Wir brauchen eine mutige Streit-Kultur. Zu oft verlernen wir die Kunst der Debatte, zu oft wird gebrüllt statt argumentiert.” Na ja, wie man im Netz eine Streitkultur entwickeln soll, kann ich mir nicht vorstellen. Doch der letzte Satz liefert m.E. einen wichtigen Hinweis: Gebrülle statt Argumente. Genau das ist das, was die “sozialen” Medien ausmacht. Sie wollen, dass gebrüllt und zurückgebrüllt wird, denn damit werden die Milliarden verdient. Ausgewogene, etwa noch begründete Argumente? Meine Güte, das liest doch keiner, damit lässt sich kein Traffic erzeugen – und kein Geld. Kurz muss es sein, und möglichst viel davon. Twitter lebt von diesem Prinzip, ebenso wie die Kommentare zu allem Möglichen.

Solange hier nicht radikal aufgeräumt wird, wird sich nichts ändern. Das heißt, es wird sich wohl was ändern, indem die Verrohung nämlich weiter zunimmt. Das Aufräumen bedeutet nicht mehr oder weniger als das Verbot von Plattformen, die mit personenbezogener Werbung [1] finanziert werden. Und es bedeutet den weitgehenden Verzicht auf die leidigen Kommentarspalten, die kaum belastbare Erkenntnisse liefern und stattdessen nur das Gieren nach Bestätigung befriedigen.

[1] Abgesehen davon, dass personenbezogene Werbung zu üblen Geschäftsmodellen führt, ist diese Form der Werbung auch grundsätzlich abzulehnen, und zwar wegen der unumgänglichen Datensammelei und Datenanalyse. Dass diese Missbräuche nicht allgemein erkannt und geächtet werden, ist noch eine der unangenehmsten Begleiterscheinungen der hochgelobten Digitalisierung.

Freiheitsrechte

Nach einigem Zögern hat man sich auf breiter Basis zu einem Entschluss durchgerungen: Den Geimpften und den Genesenen muss es wieder möglich sein, ohne Einschränkungen am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Das hat nicht nur Vorteile für die Betroffenen selbst, denn mit dieser Befreiungsmaßnahme können langsam das Geschäftsleben, die Gastronomie und nicht zuletzt die Touristik wieder neu belebt und hochgefahren werden. Toll.

Sicher, man muss die Privilegierten ja irgendwie erkennen können, aber dazu wird es bestimmt eine Lösung geben. Wenn alle Stricke reißen, ist immer noch der Gott der fortschrittlichen Moderne, die Digitalisierung, ansprechbar. Mit seinen geweihten Geräten, den Smartphones, lassen sich alle Probleme in den Griff kriegen, auch die des Nachweises, dass man zu einer bevorzugten Kaste gehört. Zuversicht also.

Nun gab es allerdings auch gegenläufige Meinungen, Menschen, die von Diskriminierung der Nichtgeimpften sprachen. Hm, ja, da kann sich schon mal das Gewissen melden. Aber dann hatten einige maßgebliche Persönlichkeiten, allen voran unsere Justizministerin Christine Lambrecht oder der FDP-Lindner, den entscheidenden Gedanken. Wir haben überhaupt kein Recht, den Geimpften ihre grundgesetzliche zugesicherten Freiheitsrechte vorzuenthalten. Befreiend, da krabbelt das Gewissen ganz schnell in die dunkle Ecke.

Selten wurde der Begriff “Freiheitsrechte” so häufig gebraucht wie gegenwärtig. Freiheit, ja, ein hohes Gut. Vielleicht das höchste, auf das Menschen in der Gesellschaft einen Anspruch haben. Freiheit, sich so zu bewegen, wie man möchte – wenn man nicht gerade auf der Arbeit oder im Straßenverkehr. ist. Freiheit, das zu tun, was man möchte – wenn man nicht gerade etwas Böses oder Ungesetzliches oder Unordentliches im Sinn hat. Freiheit, das zu denken, was einen bewegt – wenn man nicht gerade die Gedanken, die Wünsche und das Wollen vom Smartphone empfängt. Ja, so ist das mit der Freiheit und den hochgelobten Freiheitsrechten. Vielleicht sollte man ein wenig über wirkliche Freiheit nachdenken. Sie sind nicht einfach, diese Gedanken, auch unbequem und irgendwie zeitlos, also unmodern. Aber das nur am Rande.

Also beschränken wir uns auf die Freiheit, nach Malle fahren zu dürfen oder mit möglichst vielen Freunden, die wir ja dank Facebook und Co. haben, die überschäumende Lebensfreude genießen zu dürfen. Wichtig, keine Frage. Und nützlich, wie ich eingangs schon erwähnte.

Fassen wir noch mal zusammen: Jeder Mensch hat seine Rechte, und die dürfen ohne zwingenden Grund nicht eingeschränkt werden. Wenn es Menschen gibt, von denen eine Infektionsgefahr ausgeht, müssen diese – und nur diese – vom gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen werden. Leider, aber unvermeidbar. Dieser schlichte Gedankengang ist übrigens nicht neu. In Indien oder im arabisch-orientalischen Kulturraum hat man vor Jahrhunderten ähnlich gedacht und danach gehandelt. Da mussten auch zum Schutz der gesunden Allgmeinheit bestimmte Menschen ausgeschlossen und isoliert werden, die eine Infektionsgefahr darstellten. Es waren die Leprakranken, die Aussätzigen (im wahrsten Sinne des Wortes). Hat funktioniert.

Nun aber deutlich kritischer. Sicher, der Vergleich scheint überzogen zu sein, zumindest auf den ersten Blick. Aber er wirft einige entscheidende Fragen auf: Kann man, darf man Grundrechte differenziert anwenden, also je nach individueller Lage verteilen? Darf man Bevölkerungsgruppen von Rechten ausschließen, wenn sie keine Chance haben, die Rechte, die man anderen gewährt, einzufordern bzw. zu verdienen? Wenn ja, warum ist die unterschiedliche Gewährung von Freiheitsrechten nicht im Grundgesetz verankert, in jenem Gesetz, auf dass sich Frau Lambrecht so vehement beruft? Und wenn die unterschiedliche Verteilung von Rechten gesetzmäßig sein (werden) sollte, wie sieht das dann in anderen Bereichen aus: im Verkehrswesen, beim Umgang mit Waffen, überhaupt in bürgerlichen Belangen? Nicht zuletzt: Wie will man begründen, dass eine schwächere, anfällige Gruppe in ihren Rechten beschränkt wird, damit eine stärkere Gruppe geschützt wird?

Ich will diese Fragen auch gleich beantworten, und nun ohne versteckte Ironie: Wenn es notwendig und sinnvoll ist, dass bestimmte Teile der Bevölkerung mehr Aktionsfreiheit erhalten als andere Gruppen, dann ist das zwar Scheiße, aber kann als vorübergehende Maßnahme akzeptiert werden – notgedrungen. Hier aber mit Freiheitsrechten zu argumentieren, ist eine missbräuchliche Instrumentalisierung der Grundrechte. Grundrechte sind unteilbar und können nicht aus pragmatischen Gründen hier zugestanden, dort verweigert werden.

Datenschutz ist übrigens ein weiterer moralisch-rechtlicher Wackelkandidat. Wenn er denn sein muss – aber nicht mehr als unbedingt nötig, damit der Fortschritt nicht behindert wird. Oder das Verhältnis zu Unrechtsstaaten wie Russland oder China. Ja, ansprechen soll man die Menschenrechtsverletzungen ja, aber nicht lauter als nötig, damit unsere Absatzmärkte und unser Wohlstand nicht eingeschränkt werden müssen. Unsere fortschrittliche, moderne Zeit – in vielerlei Hinsicht eine Zeit zum Kotzen. Eine Zeit das Überflusses an überflüssigem, minderwertigem Kram. Und eine Zeit, in der wir auf Rechte pochen, ohne zu wissen, was sie wirklich bedeuten.

Konsumnarren und ähnliche Digitalisierungsprodukte

Wenn man Politikern und Medienvertretern zuhört, gibt es nur einen gangbaren Weg in die Zukunft, nämlich den der Digitalisierung, und das möglichst schnell und möglichst weitreichend. Nichts soll davon ausgenommen werden, selbst die Bildung an den Schulen soll umfassend digitalisiert werden. Kreide und Tafel? Pfui, das ist ja ein Vergehen an unserer Jugend.

Was allerdings Digitalisierung bedeutet, ich glaube, darüber machen sich die wenigsten Leute Gedanken. Ich bezweifle sogar, dass die meisten Digital-Missionare überhaupt wissen, was man unter “digital” und “analog” zu verstehen hat. Wenn, um nur ein Beispiel zu nennen, von einem “digitalen Parteitag” die Rede ist, dann schimmert hier ein hohes Maß an sachlicher Unkenntnis durch.

Und so kann es nicht wirklich verwundern, dass die Leute blind in die “digitale Zukunft” (auch so ein toller Begriff) hineinstolpern. Alle positiven Effekte der Digitalisierung werden gesehen (oder sich eingebildet) und als Fortschritt gerühmt; fast alle negativen Effekte übersieht man geflissentlich oder verdrängt sie, weil sie sich nicht mit dem Fortschrittsgedanken vertragen. Sicher, manche dieser Gefahren oder “Störungen” rücken so langsam ins Bewusstsein der Zeitgenossen, wenngleich die Dimensionen noch nicht so richtig erfasst werden. Beispiel: Wenn es möglich ist, dass Hacker in die Server von Krankenhäusern eindringen, dann sollte man bedenken, dass Hacker mit etwas Mehraufwand lebenswichtige Strukturen ganzer Länder lahmlegen können. Die Vernichtungskriege der Zukunft erfolgen übers Internet. Schießgewehre und Atombomben? Spielzeug, kaum mehr als martialische Relikte aus der “analogen Vergangenheit”.

Und so gibt es mehrere Bereiche, wo man langsam beginnt, zumindest ein Unbehagen an sich heranzulassen. Eines aber ist bisher kaum in den Fokus von Kritikern gerückt, nämlich die Frage, was die Digitalsierung mit uns Menschen macht. Komfort und Bequemlichkeit? Klar doch, wir müssen unsern Hintern immer seltener aus dem bequemen Sessel hieven, und damit er nicht zu dick wird (der Hintern), lassen wir uns von digitalen Smartwatches oder Trackern durch die Gegend treiben. Zu blöd? Eigentlich schon, aber wir können dieses Gehabe ja ganz gut veredeln, indem wir das Etikett “Quantified Self” oder sowas drüberkleben. Und uns natürlich überreden lassen, dran zu glauben.

Damit komme ich zum Kerngedanken dieses Beitrags: Was ist eigentlich mit uns geschehen, wenn wir uns hemmungslos von den digitalen Verlockungen treiben lassen? In meinen Beiträgen habe ich wiederholt darauf hingewiesen, dass das “digitale Leben” die Menschen geistig und moralisch verkümmern lässt. Die Mechanismen, die das bewirken, sind unscheinbar, machen einen harmlosen Eindruck. Sie arbeiten langsam, leise und stetig, so wie die Tropfen, die auf Dauer einen Stein aushöhlen. Nein, ich will jetzt nicht schon wieder von den versteckten, zersetzenden Auswirkungen der sogenannten “sozialen” Netzwerke sprechen, sondern auf einen völlig unverdächtigen Sachverhalt hinweisen, nämlich auf das Streaming.

Streaming – ein echter Digitalerfolg. Musik hören, was, wo und wann man möchte. Filme anschauen: jederzeit und überall, egal, ob mit dem TV-Gerät, Computer oder Smartphone. Bequemer geht’s nicht, üppiger Mediengenuss, so etwas wie ein Medien-Schlaraffenland, und das ziemlich kostengünstig und auch noch lecker zubereitet (also hochauflösend). Dass das Streaming ein arger Energiefresser ist, will ich hier nur am Rande anmerken.

Überfluss erzeugt auch Überdruss. Dinge, die so reichlich zur Verfügung stehen, dass man sich daran sattfressen kann, erzeugen Magenbeschwerden und werden kaum noch genossen, sondern nur noch hineingestopft. Ein Überangebot senkt den Wert, macht Dinge, die an und für sich durchaus gut und wertvoll sein können, zu wenig geschätzten Massenartikeln. Ich erinnere mich daran, wie unsere Töchter vor einigen Jahren ihre Videoabende organisierten, und zwar im Rahmen eines Freundeskreises. Zwei abgesprochene Filme wurden vom jeweligen Gastgeber in der Diskothek besorgt, ein Gast war für das Popcorn zuständig, ein anderer Gast für den Whisky, der nach dem zweiten Film probiert wurde. Und natürlich wurde diskutiert, über die Filme ebenso wie über den Geschmack der Whikysorte. Doppelter, gezielter Genuss, kein Massenkonsum. Abende, an die sich die Beteiligten immer wieder erinnerten. Casablanca mit Dirk Bogarde? Ach ja, da hatten wir doch den Talisker Storm von der Insel Skye probiert. Und Frank hat die Marseillaise angestimmt.

Genuss oder Massenkonsum. Das Streaming steht eindeutig für Massenkonsum. Und da die dahinter stehenden Geschäftsmodelle von Netflix oder Disney usw. auf Massen fokussiert sind, werden Neuproduktionen so gestaltet, dass sie den Geschmack möglichst vieler Konsumenten treffen. Wertvollere, künstlerische Produkte haben kaum noch eine Chance. Der Medienwissenschaftler Gerd Hallenberger spricht in diesem Zusammenhang von “glattgebügelten” Eigenproduktionen.

Doch viel schlimmer noch sind die Algorithmen, die das Medienverhalten der Nutzer erkunden und auswerten. Jeder Nutzer soll das Gefühl haben, dass für ihn persönlich die richtigen Inhalte zur Verfügung stehen. Und so werden Vorschläge gemacht. Bei Netflix z.B. wird bei den Vorschlägen eine Übereinstimmung in Prozenten angegeben. Übereinstimmung womit? Klar, damit können nur die Vorlieben des Nutzers gemeint sein. Und so erhält man immer wieder das vorgeschlagen, was man halt gerne sieht. Wer es liebt, dass das Blut spritzt und die abgeschlagenen Köpfe durch die Gegend kullern, der wird an die Hand genommen und ind die Welt des Spartacus, des Cheruskers Arminius (“Barbaren”) oder der wilden Wikinger geführt. Und wenn man schon da ist, dann ist man sicherlich auch empfänglich für die Neuverfilmungen der Schlachten rund um Troja. Reichlich Gelegenheit zu blutigem Gemetzel, Hauptsache, der Konsument mag es. [1]

So werden also die Streaming-Konsumenten an die Hand genommen und durch die digitalisierte Medienwelt geführt. “Die Streaming-Dienste empfehlen den Nutzern nicht das Beste, sondern nur, was am besten zu ihnen passt. Das führt zu einer radikalen Einengung von Vorlieben und Geschmack.” (Gerd Hallenberger).  Markus Kleiner, Professor für Medien- und Kommunikationswissenschaft, sieht darin sogar eine Bedrohung der Demokratie, weil diese Leitmedien “uns abtrainieren, was wir brauchen, um mündige Bürger zu sein: allem voran die Fähigkeit zur selbstbestimmten Entscheidungsfindung.” Die Selbstbestimmung, also der Kern wirklicher Freiheit, bleibt auf der Strecke. Kunden, so Markus Kleiner, werden zu Narzissten und “Konsum-Narren” erzogen.

Tatsächlich liegen hier die größten Gefahren der Digitalisierung: Sie verändert die Menschen, und zwar zu ihrem Nachteil. Es geschieht unmerklich, schleichend, gekoppelt an Komfort-Mechanismen, die als angenehm empfunden werden. Die Menschen bezahlen die digitale Bequemlichkeit mit dem irreversiblen Verlust an Freiheit und Selbstbestimmung. Und die andere Seite, die Seite der Anbieter? Sie manipulieren Menschenmassen und generieren Gewinn – und Macht, das sind ausreichend Triebkräfte, um viele Tabus zu brechen und Werte auf die Müllhalde zu werfen.

Im übrigen ist das Streaming nicht die einzige bedenkliche Erscheinung der Digitalsierung. Eng verwandt mit dem Streaming ist die personenbezogene Werbung. Die Bezeichnung “Konsum-Narren” trifft auch auf jene Zeitgenossen zu, die der Internetwerbung Beachtung schenken und sich gut beraten fühlen, wenn ein unsichtbarer Algorithmus ihnen ein Produkt empfiehlt. Anlass, mal über den Erfolg von Amazon nachzudenken – sofern man noch bereit ist, sich auf anstrengendes Denken einzulassen. Denn auch das Denken wird zunehmend algorithmisiert. Befreit von der Last des Denkens und der Entscheidungen, tanzen die fortschrittlichen Menschen fröhlich um das Goldene Kalb der Moderne – die künstliche Intelligenz.

[1] Persönliches Beispiel. Ich hatte mich probehalber bei Netflix angemeldet, um die Serie “Bad Banks” mit brauchbaren Untertiteln verfolgen zu können. Zufällig stieß ich dabei auf die Serie “Spartacus”, und da mich die geschichtlichen Umstände im letzten Jahrhundert vor Christi sehr interessieren, habe ich einige Folgen der Serie angeschaut. Ich will es kurz machen: Blut, Blut, Blut – ein ständiges Gemetzel, zertrümmerte Schädel, herumfliegende, abgehackte Köpfe, herausgerissene Herzen, und wieder Blut, dass blubbernd im Sand der Arena versickert. Das alles extrem realistisch dargestellt. Sogar die Art und Weise, wie das Blut aus aufgeschnittenen Kehlen fließt, entspricht der Form des Schnittes. Perfekte Fluid-Simulationen, alles, was moderne Digitaltechnik hergibt. Und dann die Zuschauer auf den Rängen oder auf der Triibüne. Menschen, die vor Begeisterung brüllen, die angesichts des Gemetzels in Ekstase geraten; Frauen, die erregt und verzückt ihre Brüste entblößen, wenn in der Arena der Sieger sein Schwert langsam in den Hals des Unterlegenen schiebt. Oder, auch beliebt, in ein Auge stößt, so dass die Spitze am Hinterkopf wieder sichtbar austritt. Prominente, die sich betrogen fühlen, wenn ein Kampf nicht mit dem Tod eines der Gladiatoren endet.

Ich habe die Serie nicht zu Ende geschaut, denn diese Art von Darstellung stößt mich ab und fördert nicht die Spannung. Dann aber las ich irgendwo, dass etwa 80% der Betrachter die Serie gut finden. Ist diesen Betrachtern eigentlich klar, dass sie sich auf eine Stufe mit den Zuschauern in der antiken Arena stellen? Spaß an Grausamkeit und herumspritzendem Blut, auch heute noch. Aber zurück zum Streaming. Mein kurzes Hineinschauen in diese Serie bewirkte, dass Netflix mir ähnliche Produkte anbot: Barbaren (Gemetzel Germanen gegen Römer), Vikings (Gemetzel der Wikinger auf Raub- und Eroberungszügen) oder Troja (bekanntes Gemetzel außerhalb und innerhalb der Stadtmauern von Troja). Alle hatten eine “Übereinstimmung” von über 95%. Nachdem ich jeweils kurz hineingeschaut hatte, war mein persönliches Vorliebenprofil perfekt. Netflix teilte es mir sogar in einer Mail mit: Töten, Grausamkeit, Blut, Folterung usw. sind die Schlüsselworte meines Profils. Und entsprechend sehen die Empfehlungen auf der Startseite von Netflix aus.

Soll ich bei Netflix mal eine Reihe langweiliger Heimatfilme anschauen, um mein Profil in harmlosere Bahnen zu lenken? Wer weiß denn überhaupt, wer Zugang zu den Netflix-Profilen hat? Nee, besser, ich melde mich ab, so schnell wie möglich.

 

 

Amazon und das Paket

Der Gegenstand dieser Geschichte ist ein Paket. Genauer: ein Paket von Amazon. Noch genauer: ein Paket, das vom Amazon-Zustelldienst “Prime” verschludert wurde. Klar, dass da eine Menge Ärger mitspielt. Aber auch eine kleine Portion Amüsement ist dabei. Das alles ist jedoch kein Grund, die Angelegenheit öffentlich zu schildern. Erzählenswert ist die Geschichte vom Paket, weil sie einen eindrucksvollen Einblick in die Zustände einer total digitalisierten Welt bietet.

Aber von vorne. Ich bin kein großartiger Online-Einkäufer. Sicher, gelegentlich mal, wenn kein Laden in der Nähe ist, wo man den begehrten Artikel erstehen könnte. Und jetzt, in Corona-Zeiten geht sowieso vieles nur übers Netz. Also habe ich den dringend erforderlichen, technischen Gegenstand im Werte von knapp 50 Euro bei Amazon bestellt. Liefertermin sollte der 15.2.2021, also Rosenmontag sein. Nach Murphy hatte der Zusteller dann wohl zielgenau die halbe Stunde abgepasst, da ich mal kurz Luft schnappen ging. Jedenfalls fand ich am Tag drauf den Empfänger-verpasst-Zettel im Briefkasten mit dem angekreuzten HInweis, die Sendung sei an einem wichtigen Ort hinterlegt worden. “1 packet” und “Gelbe Tone” [1] hatte der Zusteller auf den Zettel gekritzelt.

Ich schaute in die gelbe Tonne, die nicht weit vom Briefkasten an der Hauswand in der Einfahrt stand. Leer bis auf den Grund, nicht die Spur eine Paketes. Geklaut? Ach nee, eigentlich eher unwahrscheinlich, wer bricht schon in gelbe Tonnen ein? Es dauerte einige Stunden, bis mir auf einmal der Sachverhalt klar wurde. Der Zusteller sah die gelbe Tonne, die halbgefüllt an der Wand stand und dachte sich wohl, dass das ein gutes Versteck sei. Und soo dreckig war der Verpackungsmüll ja auch nicht. Was der Gute nicht wissen konnte: Am Abend schob ich die Tonne ganz an die Straße, damit sie am nächsten Vormittag geleert werden konnte. Natürlich schaute ich nicht mehr hinein, wozu auch? Und so wanderte mein begehrtes Paket am Dienstagvormittag mitsamt dem Verpackungsmüll in den Müllwagen, und der Inhalt dürfte inzwischen wohl nach Wertstoffen getrennt worden sein.

Doch mein Zorn hielt nicht lange an. Im Grunde hatte der Zusteller gar nicht mal so verkehrt gedacht, denn schließlich stand die gelbe Tonne an der Wand und nicht an der Straße. Woher sollte der Zusteller wissen, dass am nächsten Tag die Tonne geleert wurde? Das Ganze war also eher ein Missgeschick mit einer amüsanten Note: Amazon als Universalversorger, der seine Aufgabe so ernst nimmt, dass er seine Ware gleich wieder entsorgt. Versorgungskomfort vom Anfang bis zum Ende. Oder Produktkontrolle während des gesamten Lebenszyklus des Produktes, einer der Kerngedanken von Industrie 4.0. Fortschrittlich, fürwahr.

Aber wissen sollten die es dennoch, ich meine, die Leute von Amazon. Doch wie dahinkommen? Als ich auf die Kundenservice-Seite ging und nach einer Kontakt-EMail-Adresse suchte, ahnte ich noch nicht, dass es da keine Leute gibt. Amazon ist ein digitales Konstrukt, und alles wird digital erledigt. EMail? Um Himmels willen, dazu braucht man ja Menschen, die das Zeug lesen können. Lesen – wer kann das noch, außer einigen Spezialisten, die im Grunde viel zu viel Personalkosten verursachen würden. Also nix mit Luft ablassen per EMail, keine Adresse.

Stattdessen wurde ein Chat angeboten. Mir schwante schon so einiges, als ich unschlüssig den Mauszeiger um den entsprechenden Button kreisen ließ. Dann ein entschlossener Klick, und Amazon reagierte umgehend. Mir wurde ein Chatpartner namens “Mansi” an die Seite gestellt, um das Problem zu lösen. Einige freundliche Phrasen zur Eröffnung, etwas steif, aber doch von angemessener Höflichkeit. Dass Mansi kein Mensch aus Fleisch und Blut war, sondern ein Algorithmus, wurde mir schnell klar. Wie sollte ich dem von “künstlicher Intelligenz” geleiteten Chatroboter nun beibringen, dass das betroffene Paket eben nicht, wie er mir wissend mitteilte, am 15.2. zugestellt wurde? Denn dass Mansi über gelbe Tonnen Bescheid wusste, war nicht zu erwarten.

Kurz: Je verzweifelter ich versuchte, den Mansi über unser Müllsystem zu informieren, desto länger ließ er sich Zeit mit der Antwort (am Schluss mehrere Minuten), desto stärker häuften sich seine Grammatikfehler, bis hin zu einem peinlichen Gestammel. Und die Anzahl der Vorschläge wurde größer. Höhepunkt: Sieben verschieden Antworten auf eine meiner Fragen, Antworten, die alle eines gemeinsam hatten: Es gab kaum eine Schnittmenge mit der Problemlage. Erst als ich Mansi entnervt mitteilte, dass mein Problem nun dank seiner Hilfe gelöst sei, begann er digital zu strahlen und gab mir eine Liste von guten Wünschen mit auf den Weg. Gesundheit war dabei, und Freude oder sowas. Ach Mansi, ein im Grunde netter Idiot, ein Algorithmus, der mal versucht, Mensch zu spielen.

Tatsächlich wurde ich an das Programm “Eliza” erinnert, mit dem Joseph Weizenbaum vor einem halben Jahrhundert erste Versuche mit “künstlicher Intelligenz” startete. Mein Gott, wie doof war doch Eliza, und wie köstlich haben wir uns mitunter amüsiert, wenn mal wieder etwas richtig Bescheuertes herauskam. Sind die KI-Wesen von heute viel schlauer? Ein bisschen vielleicht, aber wenn ich an den Chat denke … KI-Frage am Rande: Warum sucht ein Rasenroboter nicht das Weite, wenn man neben ihm steht und mit dem Vorschlaghammer ausholt? Er gilt doch als intelligent, wurde mit “deep learning” ausgebildet.

Zurück zu dem vorzeitig entsorgten Paket. Es fiel mir zunächst noch schwer, es ganz aufzugeben. Sollte ich die andere, von Amazon angebotene, Option noch wahrnehmen, also Amazon bitten, mich anzurufen? Einen Moment lang war ich tatsächlich versucht, auf den entsprechenden Button zu klicken, aber dann fiel mir der Echo-Lautsprecher von Amazon ein, die dahinter stehende Sprachanalyse bzw. Sprachsynthese. Nein, eine weitere digitale Missgeburt musste ich mir nach Mansi nicht antun. Ich beschloss, die 50 Euro Unkosten als Gebühr für eine amüsante Lehrstunde in Sachen Digitalisierung aufzufassen.

Einige Tage später erhielt ich einen Anruf: Ein Mann sagte etwas ich einem kaum verständlichen, holprigen Deutsch mit starkem osteuropäischem Akzent. Einige Wörter konnte ich heraushören, zum Beispiel “Computer”, aber es reichte nicht, um einen Zusammenhang zu erkennen. [1] Ich legte entnervt auf. Erst später kam mir der flüchtige Gedanke, dass der Anrufer, engagiert von Mansi, etwas mit meinem entsorgten Paket zu tun haben könnte,.

Unabhängig von dem verschmerzbaren Paket wirft diese Begebenheit ein Licht auf die Digitalisierung allgemein. Überall dort, wo menschliche Anliegen und Algorithmen aufeinanderprallen, bestimmen die Algorithmen das Geschehen, nicht die betroffenen Menschen. Es liegt einfach in der Natur der Sache: Algorithmen sollen menschliches Handeln und Entscheiden durch automatisiertes Handeln und Entscheiden ersetzen, dafür werden sie programmiert und auch ständig weiter optimiert. Meistens funktioniert das ja ganz gut, doch wenn die digitalen Automatismen auf Situationen stoßen, die über den engen Gesichtskreis der Algorithmen hinausgehen, steht der Mensch einfach nur dumm da. Völlige Hilflosigkeit ist die Folge, wenn keine Menschen erreichbar sind. Algorithmen haben keinen Blick für Ausnahmefälle; sie kennen keine Barmherzigkeit und haben kein Auge, dass sie gelegentlich mal zudrücken könnten.

Man kann auch von einer gnadenlosen Entmenschlichung sprechen, aber das betrifft nicht nur die Kunden eines Digitalkonzerns oder die Bürger unter einer volldigitalisierten Verwaltung, sondern ebenfalls die unmittelbar eingebundenen Menschen, also z.B. die Mitarbeiter eines Betriebes. Sie müssen einfach nur funktionieren, reibungslos ihren Job in dem Getriebe verrichten – solange sie noch nicht durch Maschinen zu ersetzen sind. Die Rolle der menschlichen Mitarbeiter wird, bedingt durch technischen Fortschritt, immer bedeutungsloser und anspruchsloser, zumindest dort, wo ihre Tätigkeit von Algorithmen gesteuert wird. Minderqualifizierte, billige und austauschbare Arbeitskräfte beherrschen mehr und mehr den Arbeitsmarkt.

Damit möchte ich den Kreis mit einer weiteren Geschichte von einem Paket schließen. Es ist schon ein Jahr her, da lieferte mir irgendein Paketdienst ein Päckchen aus. Alles ganz normal. Was das für ein Paketdienst war, weiß ich nicht mehr, ich erinnere mich aber, dass der Zusteller so ein mobiles Gerät in der Hand hielt, auf dessen Display ich meinen Namen kritzeln musste. Ich machte wohl eine Bemerkung darüber, dass man das Gekritzel kaum lesen könne, und wir beide kamen kurz ins Gespräch. Der Zusteller war wohl zum Reden aufgelegt, und ich fragte ihn, ob er die Zeit dazu habe. Er hielt mir erneut das Gerät hin und erklärte mir den Sachverhalt: “Sehen Sie, es ist nun11:04 Uhr. Hier steht es, um 11:09 Uhr muss ich bei Hartmann in der Gartenstraße das nächste Paket abliefern. Das ist in fünf Minuten, aber bis dort brauche ich vielleicht eine Minute. Einen schönen Tag noch.” Schmunzelnd ging er zum Auto zurück. Tja, dachte ich, ein zufriedenes Zahnrad im Getriebe. Und er sprach ein einwandfreies Deutsch. Überqualifiziert?

[1] Ich habe die sprachlichen Mängel bewusst nicht vertuscht, aber nicht, um die Beteiligten zu diskriminieren, sondern um einen Hinweis auf die Personalpolitik digitalisierter Konzerne zu liefern. Kundenkontakte ohne die Sprache der Kunden zu beherrschen sind den Kunden gegenüber eine Frechheit und den unbeholfenen Mitarbeitern gegenüber eine Quälerei. Ich könnte noch weitere Beispiele bringen, etwa das Vorgehen der Deutschen Glasfaser, als es um meinen Hausanschluss ging. Aber das ist eine andere Geschichte.

Das neue Amerika

Als feststand, dass der Wüstling das Weiße Haus räumen musste, da brach in vielen Staaten der Welt. vor allem in Deutschland, beinahe so etwas wie Euphorie aus: Mit Biden wird alles besser, da werden wir endlich respektiert, da können wir die Leitlinien unserer Politik wieder selbst ausrichten, so wie vor 4 Jahren.

Doch dann, nach etwas nüchternerer Einschätzung, die Erkenntnis, dass auch unter Biden nicht alles akzeptiert wird, was wir in Germany so treiben. Es sind vor allem drei Punkte, bei denen die Amerikaner, egal ob Republikaner oder Demokraten, nach wie vor völlig anderer Meinung sind als wir Deutschen:

  • Ausgaben fürs Militär in Höhe von 2% des Bruttoinlandproduktes
  • Nordstream II
  • Verhältnis zu China

Tja, was soll man da machen? In die Schmollecke kriechen? Nein, besser: Seien wir doch ehrlich und aktzeptieren wir, dass die Amerikaner in allen drei Punkten zu 100% recht haben.

Die sind die leidigen Militärausgaben. Klar, es gibt in Deutschland eine gewisse pazifistische Tendenz, und das ist gut so in Anbetracht unserer Geschichte. Aber wenn wir ein Verteidigungsbündnis eingehen, wenn wir uns im Verteidigungsfall auf die Hilfe unserer Bündnispartner verlassen wollen, dann müssen wir auch die Absprachen erfüllen, und zwar umgehend und ohne Abstriche. Punkt. Wenn wir militärische Verpflichtungen eingehen, dann reicht es nicht, in allen möglichen Ländern nur zu beraten und auszubilden. Dann kann der Schutz unserer Soldaten nicht das wichtigste Ziel sein, sondern wir müssen ihnen zeigen, wo am Gewehr der Abzugshebel sitzt, damit sie andere beschützen können.

Dann Nordstream II. Ich will mal nicht drauf eingehen, ob wir dauerhaft soviel Erdgas benötigen, dass dieses zweite Ostseerohr erforderlich ist. Es geht vor allem darum, eine solche Infrastruktur nicht ohne den Rat und die Zustimmung unserer Freunde in Europa und (neuerdings wieder) in Amerika aufzubauen. Sicher, in wirtschaftlicher Hinsicht war Russland bzw. die Sowjetunion immer vertragstreu, sogar zu Zeiten des Kalten Krieges. Verlässlicher jedenfalls als ein Trump-Amerika. Aber die Zeiten haben sich geändert. Das Putin-Russland scheut offenbar nicht davor zurück, die Gaslieferungen als Erpressungsmittel zu verwenden. Nicht denkbar? Einfach mal die Ukraine fragen, die Menschen dort haben einschlägige Erfahrungen. Das heißt natürlich nicht, dass sich Deutschland erpresserischen Drohungen seitens der USA beugen muss. Aber Trump ist ja weg, also …

Schließlich China. Gut, die Chinesen waren Trumps Lieblingsfeinde, aber Hass auf einen bestimmten Staat, mag dieser er noch so agressiv daherkommen, ist kein guter Ratgeber. Andererseits ist es auch kein guter Gedanke, nur die riesigen Absatzmärkte eines Landes zu sehen. Konzerne, die auf derartige Absatzmärkte angewiesen sind, sind alles andere als gesund, und das Argument, dass wir China brauchen, um im globalen Wettbewerb erfolgreich sein zu können, verrät Kurzsichtigkeit und einen eingeschränkten Sehwinkel. Es sind nicht die deutschen Konzerne, die China wirtschaftlich erobern, sondern vielmehr duldet China die deutschen Konzerne, solange sie dem Wirtschaftswachstum im Riesenreich nutzen. Und solange lächelt man die stereotypen Forderungen nach mehr Menschenrechten weg. Ist ja nur vorübergehend; irgendwann braucht man die ausländischen Firmen nicht mehr. Dann lässt man sie fallen, wie heiße Kartoffeln.

Ach ja, Corona und die Digitalisierung

Eigentlich wollte ich gar nicht mehr über dieses ausgelutschte Thema schreiben, aber was ich heute in unserer Tageszeitung, der “Ibbenbürener Volkszeitung” vorgesetzt bekam, brachte mich dermaßen auf die Palme, dass ich einfach Luft ablassen muss. Es war der Redakteur Elmar Ries, der im Artikel “Vollgas auf der Datenautobahn” und dem Kommentar “Total digital” gleich zweimal zuschlug.

Beginnen wir mit dem Kommentar. Keiner zweifelt daran, dass das Schulwesen besonders unter der Corona-Pandemie leidet. Und woran liegt es? Klar, nach Meinung des Kommentators ist einfach zu wenig digitalisiert worden. Hätten wir mehr Schwung in die Digitalisierung gebracht, dann müsste unser Schulsystem nicht so arg leiden. Aber wir haben’s verpennt, schreibt Ries, und so “fallen einem die Versäumnisse der Vergangenheit als fettes Problem vor die Füße.” Und das, obwohl uns “viele Nachbarländer seit Jahren vormachen, wie das funktioniert” (mit der Digitalisierung).

Tja, jetzt weiß ich’s. Die progressiven Nachbarländer haben offenbar keine Probleme mit dem Schulbetrieb während der Pandemie, und auch sonst sind sie uns rückständigen Deutschen so richtig überlegen, sonst würde man ja nicht so sehr ihren digitalen Fortschritt preisen. Sie haben offensichtlich ein besseres Gesundheitssystem, eilen uns in Forschung und Technik davon, haben stabilere Volkswirtschaften, schauen von einem höheren Lebensstandard auf uns herab usw. Oder?

Natürlich ist das Quatsch. Und die mangelnde Digitalisierung als Ursache für die Corona-Probleme heranzuziehen, ist einfach nur bescheuert. Jawohl, Herr Ries, total bescheuert. Als wenn irgend jemand vor einem Jahr voraussehen konnte, dass Digitalisierung eine Hilfe bei der schulischen Bewältigung einer noch nicht bekannten und noch nicht vorhersehbaren Pandemie sein könnte. Und als wenn irgend jemand imstande gewesen sein könnte, innerhalb von wenigen Monaten das “Versäumte” nachzuholen. Nein, die Pandemie eignet sich nicht, um Gründe für eine beschleunigte Digitalisierung zu liefern. Was den Schulbetrieb betrifft, so halte ich diese Diskussion sogar für zynisch, weil Bildung ein Vorgang ist, der sich nicht ohne weiteres digitalisieren lässt. Es sei denn, man ist so oberflächlich, Bildung ausschließlich als reines Lernen zu betrachten. Nichts gegen Endgeräte in den Klassen und/oder zu Hause, aber mehr als eine Ergänzung dürfen die nicht sein. Werkzeuge wie Schulbücher und Füller.

Also wozu die von Ries geforderte digitale Offensive? Außer dem untauglichen Argument des HomeSchoolings (Scheißwort) nennt er in dem Kommentar keinen einzigen Grund.

Den fand ich dann in dem eigentlichen Artikel. Ries lobte die digitalen Anstrengungen im Kreis Coesfeld. Ziel sei, so der Breitbandkoordinator des Kreises, “dass jeder schon die Fußballweltmeisterschaft 2022 über einen Glasfaseranschluss in Ultra-HD schauen kann”. Da kommt natürlich Freude auf, und vor allem die Hoffnung, dass das qualvolle TV-Schauen mit der mickrigen Auflösung von 1920 x 1080 Pixeln bald ein Ende findet.

Aber ich muss gleichzeitig gestehen, dass ich den Artikel nicht richtig verstanden habe. Ries nennt zwei Wege, die digitale Infrastruktur voranzutreiben: das Kabel und das Breitband. Kabel oder Breitband als Alternativen? Kapier ich nicht. Ich war immer der Meinung, das Kabel sei eine der Möglichkeiten, um zu einem Breitbandbetrieb zu gelangen. Oder sind neuerdings gar nicht mehr die Frequenzbänder und deren Übertragungsdichte gemeint, wenn man von “Breitband” spricht?

Egal, ich lasse mich gerne belehren. Im Zuge der Digitalisierung werden ohnehin manche Begriffe vermanscht: So bezeichnet man die Vernetzung als “Digitalisierung”, obwohl “Digitalisierung” eigentlich etwas ganz anderes meint. Oder Google hat Internetadressen und Suchwörter in einen Topf gerührt, für logisch denkende und handelnde Leute keine Erleichterung, sondern eher Verwirrung, für geistig eher schwach ausgestattete Leute ein willkommener Komfort. Und so kann es ja auch sein, dass man unter “Breitband” so etwas wie platte, breite Strippen meint, so wie die Elektro-Installationskabel, die unter Putz verlegt werden, im Gegensatz zu den runden Glasfaserkabeln. Das ergäbe Sinn.