… und dann bin ich mal weg

So, vieles spricht dafür, dass dieses mein letzter Beitrag in diesem Blog sein wird. Ob für immer, weiß ich noch nicht, aber ein Jahr Pause und Abstand muss mal sein, um sich selbst zu beruhigen und die eigene Haltung zu überdenken. Es kann sein, dass ich die wichtigsten Beiträge auf meine Webseite übertragen werde, wohin sich erfahrungsgemäß aber kaum jemand verirrt. Doch die Besucherzahlen in diesem Blog halten sich ebenfalls in Grenzen, so dass ich die Aktivitäten hier eher als Selbstgespräch auffassen möchte. Sei’s drum, auch ein Selbstgespräch kann hilfreich sein, um Gedanken zu ordnen.

Der Grund, warum ich meine Schreiberei hier vorerst beende, ist schnell umrissen: Es ist erst mal alles gesagt, was es aus meiner Sicht zum Thema Datenklau und Digitalisierung zu sagen gibt. Ich denke, ich habe nun ein Recht darauf, mein Leben mit den Dingen zu gestalten, die für mich persönlich wertvoll sind. Das Smartphone gehört nicht dazu, ich träume vielmehr davon, wie ich es irgendwann, wenn der Vertrag ausgelaufen ist, mit dem Hammer zerdeppern werde. Vielleicht auch in den Fluss plumpsen lasse. Ich werde mich über die Smartphoneträger in der Stadt nicht mehr aufregen, sondern mich daran erfreuen, dass ich so ein Scheißding nicht mit mir herumschleppen muss. Ich werde natürlich noch vor dem Rechner sitzen und programmieren, Fotos und Videos bearbeiten oder Modelle für den 3D-Drucker ausgestalten. Selbstverständlich ohne Verbreitung im Internet, nur auf meinem Rechner, nur für mich und meine Freunde. Ich werde auf Spaziergängen und Wanderungen die Unterreichbarkeit genießen, gelegentlich einen Grashalm pflücken und hochhalten und dabei eine Rede an ein imaginäres Digitalpublikum halten. Ich werde sagen: “Leute, ihr mit euren Vorstellungen von künstlichen Intelligenz und den unbegrenzten Möglichkeiten der Technik. Produziert doch mal so einen Grashalm. Nur einen einzigen. Und wenn ihr meint, das ginge nicht, dann denkt mal drüber nach, warum nicht.”

Ein Schlussbeitrag sollte natürlich so etwas wie eine Zusammenfassung enthalten. Aber wo soll man da ansetzen? Am besten, ich greife noch einmal den Datenskandal der letzten Tage auf. Als ich gestern den letzten Beitrag schrieb, war der Schuldige noch nicht gefunden worden. Nun hat man ihn, einen 20-jährigen Schüler, der offensichtlich alleine die Daten gesammelt und dann veroffentlicht hatte. Dass ich auf diesen Jungen nicht wütend sein kann, ist, glaub ich, im letzten Beitrag schon deutlich geworden. Zu dem “Täter” will ich auch nichts mehr sagen, denn viel aufschlussreicher ist das Verhalten der Medien und Politik zu dem Vorfall.

Die entscheidende Frage hat wohl der Ingo Zamperoni im Rahmen der Tagesthemen ausgesprochen (sinngemäß): Wie kann es sein, dass ein zwanzigjähriger Hacker, der zu Hause alleine vor dem Computer sitzt, an solche Datenmengen herankommen kann? Und was muss man tun, damit so etwas nicht wieder passiert? Daraufhin erfolgte der Kommentar einer jungen Dame. Bevor sie auf dem Bildschirm zu reden begann, sagte ich schnell zu meiner Frau: “Pass auf, jetzt sind wieder die Passwörter dran.” Und richtig, sie begann zu zählen: “Eins, zwei, drei …” Bis sechs, glaub ich, und dann erklärte sie, was schon längst jeder weiß: Es handelt sich um das beliebteste Passwort. Der komplette Kommentar drehte sich nur um die Notwendigkeit, auf der Stelle alle Passwörter in sichere, lange Passwörter zu ändern. “Am besten noch heute Nacht.” So, jetzt war’s geklärt. Passwörter ändern, dann bewegen wir uns ziemlich sicher im Internet.

Ich will jetzt nicht mehr auf den Passwortunsinn und die Unmöglichkeit, Dutzende von langen Passwörtern zu handhaben, eingehen. Wie oben schon angemerkt, ist das alles bereits gesagt worden. Stattdessen möchte ich an den aktuellen Fall anknüpfen. Hat der jugendliche Hacker wirklich fast Tausende von Passwörtern geknackt, um an die Daten zu gelangen? Und haben wirklich alle betroffenen Politiker und Prominente nur schlappe Passwörter verwendet? In einem Artikel in der heutigen Ausgabe der IVZ sprach der Mitarbeiter Tobias Schmidt von einer “Software zur Passwort-Erkennung”. Woher weiß er? frage ich mich. Andererseits ist so eine Software der einzige Weg, um selbst schwächere Passwörter zu knacken. Aber gleich tausend? Oder hat der Hacker die Passwortzugänge umgangen und Nebeneingänge benutzt? Dann hätten auch 100-stellige Passwörter nichts genutzt.

Vielleicht haben die schlauen Kommentatoren ja bis zu einem gewissen Grade recht, aber ich persönlich glaube nicht daran. So viele Daten kann man sich als Einzelner nicht besorgen, wenn man sich jedesmal mühsam irgendwo einloggen muss. Nein, die Daten liegen offen herum, und zwar vor allem auf den sozialen Plattformen, wo diese Offenheit und die damit verbundenen Verbreitungsmechanismen zum Geschäftsmodell gehören. Aber das wollen die meisten Menschen nicht wahrhaben, weil sie sich abhängig von Facebook & Co. gemacht haben. Wahrscheinlich auch die Kommentatoren, die sich hinter ihren Passwortappellen verstecken. Nicht der falsche Umgang mit Facebook, Twitter oder Whatsapp ist das Problem, sondern die Existenz dieser zerstörerischen Plattformen. Solange die Gesellschaft das nicht einsieht, solange wir Geschäftsmodelle zulassen, die mit Daten und Werbung Milliardengewinne ermöglichen, solange wird es keine Datensicherheit geben. Der erste und wichtigste Schritt muss eine rigorose Beschränkung des Datenverkehrs sein, was natürlich weniger Mobilität und weniger Kommunikation bedeutet. Doch in Anbetracht der Tatsache, dass Massenkommunikation zwangsläufig zu Oberflächlichkeit und Massenmobilität zu Umweltbelastung führen, sollte das zu verschmerzen sein.

Nun sollte ich zu einer Art Zusammenfassung kommen und mich nicht weiter in Einzelheiten verlieren. Ja, es gibt eine Möglichkeit, das digitale Dilemma irgendwie auf den Punkt zu bringen. Meines Erachtens ist die Blickrichtung falsch. Die Gesellschaft lässt sich von den Vorteilen der digital vernetzten Technik einlullen und passt sich der Technik an. Das geschieht so bedingungslos, dass man die Nachteile ignoriert; sie könnten ja die Digitalisierung der Gesellschaft hemmen. Diese Sichtweise mit eindeutiger Priorität der Technik ist auch typisch für das Selbstverständnis von Google. Einer der führenden Vordenker dieses Konzerns hat es mal sinngemäß so formuliert: “Warum soll sich die Technik den Menschen anpassen? Es ist doch viel effektiver, wenn sich die Menschen unserer Technik anpassen.”

Genau diese Devise hat sich in der Gesellschaft festgesetzt, wahrscheinlich bei den meisten unbewusst. Die Digitalisierung gibt den Takt vor, und wenn die Taktfrequenz in anderen Ländern höher ist, dann muss die Gesellschaft beschleunigen. So läuft das ab. Aber es ist der falsche Blickwinkel auf die Technik, denn er erzeugt Opfer und lässt das, was Menschen und Menschlichkeit ausmacht, in den Hintergrund treten und somit verkümmern. Wir beobachten’s, von Jahr zu Jahr wird es deutlicher.

Eine Gesellschaft kann nur dann stark und menschlich sein, wenn sie das Menschliche in den Mittelpunkt der Betrachtung stellt. Technik, mag sie noch so innovativ und leistungsstark sein, muss sich den menschlichen Bedürfnissen und dem menschlichen Tempo unterordnen. Dann, und nur dann kann eine vernünftige Digitalisierung, die der Menschheit und letztlich auch dem Planeten nutzt, gestaltet werden. Wenn zum Beispiel die Ärzte vor den Folgen einer zu intensiven Beschäftigung mit dem Smartphone warnen, dann muss diese Warnung ernst genommen werden, ohne Relativierungen. Die Gesundheit der Menschen ist wichtiger als die lückenlose Kommunikation.

Ähnliches gilt auch für die Warnungen von Sozialpsychologen oder Pädagogen, womit ich natürlich “echte” Pädagogen meine und nicht die Gelegenheitspädagogen, die – alles besser wissend – sich vor allem auf Elternversammlungen zu Wort melden. Wenn wir jedoch alles nur aus dem Blickwinkel der Technik sehen, dann stören solche Warnungen und werden allzu schnell ignoriert.

Noch einmal: Wenn die Menschheit den Umgang mit moderner Technik in den Griff bekommen will, muss sie vor allem wieder lernen, die Technik zu beherrschen. Dabei reicht es nicht, wenn einige Drahtzieher und Lenker im Hintergrund die technischen Vorgänge kontrollieren und programmieren (und somit auch die Menschen kontrollieren), sondern jeder muss die Technik im Griff haben, d.h. auch in einem vernünftigen Rahmen durchschauen können, sofern sie sein persönliches Leben betrifft. Jeder muss im Zweifel die Möglichkeit haben, ohne eine bestimmte Technik auszukommen, so wünschenswert die Mehrheit die Technik auch begrüßen mag. Unabhängigkeit von Technik ist ein Bestandteil von Freiheit. Oder, um es mal so zu formulieren: Ein demokratischer Umgang mit Technik darf sich nicht nur auf die freie Benutzung von Technik beschränken, sondern muss die “freie Beherrschung” der Technik zum Inhalt haben. Freie Menschen – beherrschte Technik.

Zur Zeit sieht es so aus, dass die digitale, vernetzte Technik die Menschheit wie eine Schafherde vor sich hertreibt. Soll man sich da noch wundern, dass viele Menschen sich nicht mehr richtig unterhalten, sondern sich wie Schafe anblöken? In diesem Zusammenhang darf ich noch einmal auf die äußerst geringe Beachtung dieses Blogs hinweisen. Klar doch, die Beiträge bestehen aus längeren Texten, ohne Bilder, ohne Videos. Und – Schafe können nicht lesen. Auf die allgegenwärtige, im Google-Ranking  hoch bewertete Schafsprache will ich mich nicht einlassen.

Mäh, mäh!

In dem Sinne bin ich dann erst mal weg.

 

Amüsant

Noch nie in der jungen Geschichte der Digitalisierung hat es einen derartigen Aufschrei in den Medien und den Konferenzräumen der Politik gegeben. Da haben einige Schmutzfinken fleißig private Daten von Politikern und anderen Prominenten gesammelt und in Form eines Adventskalenders auf Twitter veröffentlicht. Peinlich, denn einige Daten waren wirklich sehr privat. Die Wut der Betroffenen ist also gut nachvollziehbar. Klar, dass man nun mit Nachdruck fordert, diese Verbrecher zur Rechenschaft zu ziehen. Mehr noch: Auch die für IT-Sicherheit Verantwortlichen in der Politik müssen sich rechtfertigen. Haben sie rechtzeiig eingegriffen? Was haben sie getan, um Derartiges zu verhindern? Und muss nicht der eine oder andere zurücktreten?

Zunächst mal muss ich ein Geständnis machen. Die Betroffenen mögen mir verzeihen, aber über die digitalen Schreckensnachrichten kann ich mich köstlich amüsieren. Was ist denn da geschehen? Da haben einige Hacker (oder war’s nur einer?) alles Mögliche an Daten gesammelt, Daten, die sie nichts angehen. Aber passiert das nicht jeden Tag, jede Minute, jede Sekunde, und zwar milliardenfach? Gehört das nicht zum allgemein akzeptierten Geschäftsmodell von Google, Geheimdienst, Facebook, Weiterlesen

Babel

Dann sagten sie: Auf, bauen wir uns eine Stadt und einen Turm mit einer Spitze bis zum Himmel, und machen wir uns damit einen Namen, dann werden wir uns nicht über die ganze Erde zerstreuen. Da stieg der Herr herab, um sich Stadt und Turm anzusehen, die die Menschenkinder bauten. Er sprach: Sehr nur, ein Volk sind sie, und eine Sprache haben sie alle. Und das ist erst der Anfang ihres Tuns. Jetzt wird ihnen nichts mehr unerreichbar sein, was sie sich vornehmen. Auf, steigen wir herab und verwirren wir ihre Sprache, so dass keiner mehr die Sprache des anderen versteht. Der Herr zerstreute sie von dort aus über die ganze Erde, und sie hörten auf, an der Stadt zu bauen. (Genesis 11, 4-8)

Diese alttestamentarische, mythische Erzählung ist ein außerordentlich dichtes Gleichnis für die Überheblichkeit der Menschen, für ihr Bestreben, die Grenzen der Menschheit (und des Menschlichen) zu durchbrechen. Ein Turm bis zum Himmel, die Weiterlesen