Die wahren Ursachen

Nach dem rassistisch motivierten Amoklauf in Hanau nun – entsprechend der Choreographie, die von solchen Ereignissen vorgeschrieben wird – das große Lamentieren über Ursachen und Konsequenzen. Hübsch geordnet nach Ressort. Der Innenminister setzt auf wirksamere Polizeimaßnahmen; der AfD-Vorsitzende warnt vor Instrumentalisierung solcher Verbrechen; die Linken betonen erneut, wie ignorant die Gesellschaft gegenüber den rechten Umtrieben ist; die Migrationsvertreter weisen auf die Angst hin, die Ausländer in diesem ausländerfeindlichen Staat erleiden müssen; die Bundeskanzlerin bleibt eher allgemein und sieht eine vergiftete Gesellschaft.

Die meisten stellen fest, dass die Radikalisierung vorwiegend im Internet stattgefunden hat, dort, wo Hass sich austobt. Und alle sind sich einig, dass man dagegen vorgehen muss. Die meisten lassen nicht unerwähnt, dass es sich bei den spektakulären Fällen der letzten Zeit um Einzeltäter gehandelt hat. Nur ein besonnener Experte macht deutlich, dass es keine Einzeltäter waren, denn im Vorfeld habe es die Kontakte oder Recherchen im Internet gegeben. Diese Leute im Hintergrund seien Mittäter.

Die Schlüsselbegriffe, mit denen solche rechtsradikalen Verbrechen charakterisiert werden können, sind schnell ans Board gepinnt:  Hass, Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, Fremdenphobie und Nationalismus. Ein Politiker betonte, dass Hass nicht vom Himmel fällt, sondern gemacht wird. Damit hat er die AfD in die Diskussion einbezogen. Und natürlich steht die AfD für rechtsradikalen, nationalistisch begründeten Hass, insbesondere die neue, vom Höcke-Flügel durchseuchte AfD. Aber auch das Internet bleibt – völlig zu Recht – nicht ungeschoren. Zufall, dass die AfD-Anhänger die mit Abstand größte Internetaktivität aufweisen?

Und wenn man schon die Ursachen kennt, dann kann man auch entsprechend reagieren und konsequent handeln, so wie beim letzten Verbrechen, so wie beim vorletzten Verbrechen oder so wie bei den Morden der NSU. Verpufft? Oh, da waren wir wohl etwas oberflächlich, aber diesmal … Prompt weist die Justizministerien darauf hin, dass sie eine Verschärfung der Internetregeln auf den Weg gebracht habe. Die Kommunkationsplattformen müssen grobe Verstöße melden, damit die Urheber bestraft werden können. Toll, Facebook als Zensor. Ausgerechnet Facebook, der Konzern, der umso mehr verdient, je widerlicher (und deshalb prickelnder) die Beiträge sind. Freundliche, sachliche Beiträge werden nämlich kaum beachtet, weil sie langweilig sind, zu langweilig, um etliche Likes herauszukitzeln. Schimpfen, toben, mit Dreck bewerfen, au ja, das kommt an und tut soo gut. Tut auch Facebook gut, denn der Traffic schaufelt die Milliarden in die Konzernkasse und ermuntert zu höheren Aufgaben: KI-Forschung, eigene Währung usw. Wer schon mal die hinter dem Geld stehende Macht geleckt hat …

Und doch greifen die Überlegungen zu kurz, sie sind zu oberflächlich, weil sie die wahren Ursachen unberührt lassen. Der Angehörige eines Hanau-Opfers hat beklagt, dass er in Furcht leben müsse, solange es die AfD gibt. Das klingt so, als habe er Angst vor der AfD, was natürlich Unsinn ist. Die AfD tut niemandem etwas; es sind die Wähler der AfD, von denen die Gefahr ausgeht. Und man lässt die wahren Ursachen links liegen, wenn man glaubt, dass Hass von der AfD erzeugt wird. Sicher, Hass und Rassismus werden gezielt geschürt, aber es gäbe sie auch ohne AfD – und ohne Internet.

Nur – in einer funktionierenden Gesellschaft spielen Hass, Fremdenfeindlichkeit, Nationalismus, Antisemitismus usw. keine bemerkenswerte Rolle, sie werden von positiven Tendenzen überlagert. Doch immer bleiben diese bösen Tendenzen latent erhalten; sie lagern sich als Bodensatz ab. Wie gesagt, in ruhigem Wasser bleibt der Bodensatz unten, aber wenn es unruhig wird, dann wirbelt die stinkende Masse hoch und sorgt für eine Eintrübung der Gesellschaft. Und klar, es gibt genügend politische oder wirtschaftliche Kräfte, die allzu gerne in diesem Trüben fischen und wissen, wie man dicke Brocken an die Angel bekommt.

Wie also bekämpft man die wahren Ursachen? Der Urtrieb des Nationalismus lässt sich kaum unterdrücken, er kann höchstens kanalisiert werden. Vor allem muss der Staat sich eindeutig bekennen und das Übel klar beim Namen nennen. Solange mlan die Gefolgsleute von Pegida oder dem AfD-Flügel der „unverstandenen Mitte der Gesellschaft“ zuordnet, wird der Dreck weiter aufschäumen. Wer sich einer Gruppe mit verbrecherischen Parolen anschließt, ist ein Verbrecher. Punkt. Genau diese Gefolgsleute sind es, vor denen die verfolgten „Anderen“ Angst haben. Zu Recht.

Das zweite ist das Internet. Solange es in der jetzigen Form besteht und sich als Plattform für jeden anonymen Schreier anbietet, solange trägt es ganz erheblich zum Aufwühlen des beschriebenen Bodensatzes bei. Wahrscheinlich ist das Internet sogar der Hauptschuldige am erneuten Aufflackern des nationalsozialistischen Gedankenguts. Sanktionen und Kontrolle? Ok, kann nicht schaden – aber auch nicht viel nützen, denn das Netz ist viel zu verzweigt und unüberschaubar, um einen ordentlichen, moralisch vertretbaren Betrieb zu gewährleisten. Im Internet werden Zugriffe gezählt, wobei das soziale  Niveau bei diesem Massenbetrieb zwangsläufig in sich zusammenfällt. Für Verabredungen oder organisatorische Regelungen innerhalb von Gruppen, in denen man sich gegenseitig persönlich kennt, kann das Netz Positives leisten, keine Frage. Und wenn die Gruppen sehr klein sind (z.B. familiärer Rahmen), kann das Netz auch eine tolle Plattform für gegenseitige Kommunikation sein – sofern keine privaten Daten abgegriffen werden. Doch der Massenbetrieb sorgt dafür, dass die Kommunikation zu einer billigen Ersatzkommunikation verkommt. Und wenn diese Ersatzkommunikation die echten Verbindungen verdrängt, dann führt das zwangsläufig zu einem Gegeneinander.

MIt Ersatz lässt sich aber keine menschenwürdige Gesellschaft gestalten, das ist nur mit echtem Miteinander (ja, mit Augenkontakt) möglich. So kann man nur von einem widerlichen Zynismus sprechen, wenn eine Massenplattform wie Facebook mit dem Begriff „Miteinander“ wirbt. Facebook, Whatsapp, Instagram usw. sorgen für das Gegenteil, nämlich für ein Gegeneinander. Genau hier muss angesetzt werden: Es muss alles daran gesetzt werden, die Kommunikation auf den „sozialen“ Plattformen auf ein Minimum zu beschränken. Aber das ist zur Zeit wohl nicht vermittelbar, und deshalb kann ich nicht optimistisch in die Zukunft schauen. Es wird weitergehen, vielleicht mit anderen Formen der Beschimpfung, vielleicht nicht ganz so offen, aber solange die Lust an Hassausbrüchen besteht, solange es Wege gibt, die Sau herauszulassen, so lange wird es auch zu Gewalttaten kommen.

Im übrigen greift es zu kurz, nur an rassistisch-nationalistische Gewalttaten zu denken. Hass, der im Internet aufschäumt, wird sich ebenfalls in der nichtpolitischen Szene auswirken. Es wird u.a. zu häufigeren, scheinbar unmotivieren Amokläufen oder ähnlichen Ereignissen kommen. Hierbei geht es nicht nur um die Ersatzkommunikation im Netz, sondern auch um das Erleben in einigen Computerspielen, das irgendwann die Grenzen zwischen realer und virtueller Welt verschwimmen lässt.

Historisches Vorbild

Stellen wir uns folgenden Menschen namens H. vor: Er ist Lehrer in Hessen, träumt von einer großen, deutschen Nation, hasst alles, was nicht ar… , pardon: deutsch ist. Und er will seine Visionen realisieren. Wie soll er vorgehen? Gar nicht so einfach in einer Demokratie, die sich in knapp 70 Jahren verfestigt hat.

Nun, als erstes muss er in eine Gegend ziehen, wo die Leute noch nicht so viel Erfahrung mit Demokratie haben, Thüringen zum Beispiel. Dann braucht er eine Partei, die für nationalistisches Gedankengut zumindest aufgeschlossen ist. Eine Partei, die sich noch formen lässt. Gibt es zum Glück, und somit ist der Wirkungskreis schon mal geschaffen. Ansonsten orientiert sich Herr H. an einem Vorbild, ebenfalls ein Herr H., der vor 90 Jahren zeigte, wie man es macht.

Als erstes kommt es darauf an, in der Partei die absolute Gefolgschaft sicherzustellen. Zweifler müssen überzeugt, Unverbesserliche herausgeschmissen werden. Ob man die bereinigte Partei irgendwann umbenennt, wie es der historische Herr H. gemacht hat, ist nicht unbedingt wichtig; Hauptsache ist doch, dass die nach nationaler Größe gierenden Bürger sich in der Partei wiederfinden können. „Alternativ“ oder sowas klingt schon mal ganz gut, der Begriff deutet zumindest auf etwas noch nicht Vorhandenes hin. Und was bisher nicht vorhanden war bzw. irgendwie abhanden gekommen war, ist klar: Deutschland über alles.

Dann, ganz wichtig, muss Stärke demonstriert werden: die Leute auf der Straße müssen zwischen Furcht und Bewunderung schwanken, diese Mischung mobilisiert. Am besten sich einreihen. Der alte Herr H. hat dazu braune Schlägertrupps auf die Beine gestellt; der neue Herr H. kann auf bestehende Formationen zurückgreifen. Sie marschieren wöchentlich vor allem in Dresden und sagen, wo’s lang geht: Raus mit allem Fremden, mit allen Nichtar…, pardon, Nichtdeutschen. Der Stil der Banner hat sich geändert, aber die Grundfarben schwarz-rot-weiß sind geblieben. Immer günstig, wenn man erst mal im Rahmen des geltenden Rechts operiert – die Maske kann man noch später abwerfen.

Die wichtigste Regel ist zweifellos, dass man ein griffiges Feindbild schafft. Man muss ja wissen, wohin mit seinem Hass und seiner Zerstörungswut. Und – ebenfalls ganz wichtig – die Feinde müssen nah genug sein, dass man ihnen ohne großen Aufwand in die Fresse schlagen kann. Damals waren Juden überall präsent, denn sie machten einen wesentlichen Teil der deutschen Kultur und des deutschen Gemeinwesens aus. Da macht es sich ganz gut, wenn man die antisemischen Thesen des historischen Herrn H. aufgreifen und modernisieren kann. Modernisieren, das heißt das Feindbild um moderne Eindringlinge wie Moslems oder Flüchtlinge erweitern.

Und so arbeitet sich der heutige Herr H. zielstrebig voran. Das Ziel, einen künftigen, völkischen Staat ohne lästige Demokratie aufzurichten, ist nicht ganz einfach. Aber zum Glück kann Herr H. (von heute) ja die gelungenen Strategien des Herrn H. (von damals) kopieren, wenn auch in modifizierter Form. Die Grundlehre: Wenn du die Demokratie beseitigen willst, dann gelingt das am besten, wenn du die demokratischen Freiheiten nutzt, um ihr den Hals umzudrehen. Nur einig muss die Fraktion sein, deshalb ist es ja auch so wichtig, eine solide Parteil auf die Beine zu stellen und auf das gemeinsame Ziel auszurichten. Erste Stufe der Gleichschaltung.

In der Tat, Einigkeit wirkt Wunder. Der alte Herr H. veranlasste seine Fraktion, geschlossen (ganz wichtig) den Reichstag zu verlassen, um das Parlament, das allerdings auch beschissen organisiert war, beschlussunfähig zu machen. Der heutige Herr H. muss da schon ein bisschen subtiler vorgehen, damit die Absichten nicht zu schnell erkannt werden. Da kann man zum Beispiel einen eigenen Kandidaten aufstellen und einstimmig (ganz wichtig) nicht wählen, sondern eine bedeutungslose Figur, hinter der eine bedeutungslose Partei steht. So geht das auch. Strategische Verarschung.

Und wenn man dann so einen Teilerfolg erzielt hat, dann ist erst mal Demut angesagt, das macht sich gut. Ein Händedruck mit devoter Verbeugung. Auch dabei kann der historische Herr H. als Vorbild dienen. Damals galt der Händedruck dem Reichspräsidenten, heute dem gewählten Ministerpräsidenten. Dem Ministerpräsidenten auf Zeit, natürlich. Und dann – Kopf wieder hoch und auf zum nächsten Schritt. Die Marschierer und Brüller in Dresden verlangen nach einem prominenten Redner.


Ich wollte noch einige Gedanken hinzufügen, aber soeben erfuhr ich in den Nachrichten, dass letzte Nacht in Hanau ein Deutscher aus wahrscheinlich nationalistisch-rassistischen Motiven elf Menschen mit Migrationshintergrund erschossen hat. Die Wirklichkeit überholt die Befürchtungen. Ihr Kommentar, Herr H.?

 

 

Zukunft

Zusammen mit dem Stern, dem ich die Anregungen zu diesem Beitrag entnahm, kaufte ich mir den Focus. Ok, ist nicht gerade mein Lieblingsjournal, aber da ich bemüht bin, mich möglichst vielseitig zu informieren, lange ich auch schon mal auf die andere Meinungsseite hinüber. Um ehrlich zu sein, es waren vor allem zwei Aufmacherartikel, die mich zu dem Kauf verleiteten. Zum einen ein Artikel über ClearView „Das Ende der Privatsphäre“. Da brauche ich nicht drauf einzugehen. Klarer Fall von Datensumpf, aber das ist nun mal Digitalisierung – und alles wird schon hinreichend erörtert, inzwischen auch in seriösen Medien, die mehr und mehr ihre Blauäugigkeit ablegen.

Der andere Beitrag „Das System kollabiert“ ist schon interessanter. Corinna Baier interviewt den amerikanischen Ökonom und Zukunftsforscher Jeremy Rifkin, der mit mehreren Buchveröffentlichungen (u.a. „The Green New Deal“) als Superexperte in Sachen Technologie und Wirtschaft in Erscheinung getreten ist. Bei dem Interview ging es zunächst um Klimaziele, aber es wurde zu einem Gespräch über grundsätzliche Zukunftsfragen. Es ist nicht ganz einfach, in diesem sich immer stärker auseinanderfächernden Interview so etwas wie einen roten Faden auszumachen, aber ich versuch’s mal, auch auf die Gefahr hin, dass ich das eine andere missverstehe oder nicht korrekt einordne.

Ich beginne mit Jeremy Rifkin, der mir bis jetzt unbekannt war. Er ist in Fachkreisen wohl äußerst angesehen, denn immerhin hat er schon Weltkonzerne, die EU-Kommision, die chinesische Regierung (!) und Frau Angela Merkel beraten. Ich verbeuge mich kurz vor ihm, und nun zum Inhalt des Interviews, in Form von Thesen, die er geäußert hat:

  1. Bei den entscheidenden Paradigmenwechseln in der Geschichte gab es drei Technologien, die das bewirkten: Kommunikation, Energie und Transport. Diese Technologien, in Verbindung mit der Infrastruktur, „erschaffen sich selbst. Es sind nicht Wirtschaft oder Politik, die das vorgeben“.
  2. Fossile Brennstoffe, die Energiequellen der zweiten industriellen Revolution, gehören der Vergangenheit an.
  3. Die Zukunft, eingeleitet durch die dritte industrielle Revolution  wird auf einem digitalisierten Energie-Internet basieren. Dabei wird Energie auf vielfältige Weise dezentral erzeugt und mit Hilfe von Algorithmen verteilt. Das schon bestehende Telekommunikations-Internet muss sich mit dem Energie-Internet vereinen.
  4. Ab 2030 wird eine omnipräsente Infrastruktur des Internets of Things mit einheitlichen Standards vorherrschen. Jedes einzelne Gebäude wird ein Knoten im Netz sein, smart, energieeffizient, komplett ausgestattet mit Sensoren.
  5. Das Ende des Kapitalismus, wie wir ihn kennen, wird kommen, denn die Marktwirtschaft ist zu langsam für die digitale Zukunft, in der alles vernetzt ist. Wir werden uns von Märkten zu Netzwerken, von Käufern und Verkäufern zu Anbietern und Nutzern, vom Besitz zum Zugang entwickeln. Nach dem Kapitalismus kommt die Sharing Economy.
  6. Fake News sind schrecklich. Deshalb ist es auch so wichtig, dass sich möglichst viele Menschen miteinander verbinden. Die Empathie wächst mit der Infrastruktur.

Schon stecke ich tief im Dilemma. Einerseits sind da die Ausführungen eines anerkannten Ökonomen und Zunkunftsforschers, andererseits ein kaum noch beschreibbares Unbehagen, dass der Experte mit seinem Zukunftsbild bei mir auslöst. Zukunftsängste hat es immer gegeben, wenn etwas Neues, Anderes anstand. Aber das waren Ängste vor dem Unbekannten, noch nicht Vertrauten, vor dem, was man noch nicht einordnen konnte. Das ist heute bei mir anders. Ich bin sehr wohl mit Algorithmen vertraut, und das, was die fortschreitende Vernetzung verursacht, ist ja überall schon zu beobachten. Es sind keine erfreulichen Beobachtungen, und selbst offensive Digitalbefürworter sehen mehr und mehr ein, dass es so, wie es bis jetzt gelaufen ist, nicht weiter gehen darf.

Wie also ist das einzuordnen, was Jeremy Rifkin als die zukunftsweisende Lösung der Menschheitsprobleme in Aussicht stellt? Einiges ist sicherlich richtig und auch zu befürworten, so zum Beispiel das Ende der Nutzung fossiler Energien. Der Schutz des Planeten und damit der Schutz unserer Lebensgrundlage erfordert ein radikales Umdenken; die Zeit für Kompromisse ist bereits überschritten. Es ist auch richtig, dass das kapitalistisch orientierte Wirtschaftssystem damit am Ende ist – am Ende sein muss. Aber die Begründung wiederum irritiert: Weil die Wirtschaft zu langsam für den digitalen Wandel ist? Basieren nicht gerade die natürlichen und gesellschaftlichen Strukturen zum großen Teil auf einem Gleichgewicht, das sich wiederum nur bei einer gewissen Trägheit einstellen kann? Ohne Dämpfung ist jedes System in Gefahr, schon bei leichten Störungen in gefährliche und irgendwann nicht mehr bremsbare Schwingungen zu geraten.

Dass Kommunikation, Energie und Transport die relevanten Elemente der Technik sind, ist leicht nachzuvollziehen. Selbst dass Politik und Wirtschaft sich ganz pragmatisch an diesen Strukturen orientieren, ist noch verständlich. Aber ist die Abhängigkeitskette wirklich so einseitig bzw. darf sie überhaupt so einseitig sein? Ist es nicht so, dass die Technik auch von der Wirtschaft abhängig ist? Oder von der Politik, die wiederum die Bürger der Gesellschaft vertritt? Kann, darf eine Gesellschaft es überhaupt zulassen, dass Technik von ihr Besitz ergreift, ohne dass eine wirksame Kontrolle über die technologische Entwicklung stattfindet? Sind nicht die Menschen, von Rifkin weitgehend ausgeklammert (zumindest in dem Interview), die wichtigsten Protagonisten in diesem komplexen Beziehungsgefüge? Darf man überhaupt eine technischen „Fortschritt“ über sich ergehen lassen wie ein Naturereignis? Und wenn nicht, welche Bedingungen sind es, die korrigierend eingreifen können oder müssen?

Fragen über Fragen, auf die der Ökonom Rifkin keine schlüssigen Antworten liefert. Nun ist zu bedenken, dass Ökonomie keine Wissenschaft ist, die sich auf fundamentale Wahrheiten berufen kann. Ökonomische „Wahrheiten“  sind dem zeitlichen Wandel unterworfen und werden sehr stark von ideologisch geprägten Wunsch- und Zielvorstellungen bestimmt. Gute Ökonomen sind halt solche, die ein vom Beurteiler bevorzugtes Wirtschaftssystem vorantreiben oder solidarisieren. Ein Ökonom, der für freie Marktwirschaft eintritt, hat eine ganz andere Sicht- und Beurteilungsweise als ein vom Sozialismus überzeugter Wirtschaftsexperte. Und ein von der totalen Vernetzung überzeugter Ökonom wird seine Therorien und Gedanken digital ausrichten und begründen. Gut klingende Argumente lassen sich immer finden, die Komplexität der Materie gibt es her. Insofern muss man sich die Theorien Rifkins nicht unbedingt zu eigen machen, erst recht nicht, wenn sich seine Ansichten mit einem zwangsläufig noch verschwommenen Zukunftsbild vermischen.

Zurück zu den inhaltlichen Aspekten. So wichtig Technologie auch sein mag, in einer Gesellschaft muss sie sich stets an wichtigeren Zielen orientieren. Wenn sich zum Beispiel das kapitalistische Wirtschaftssystem als überholt herausstellen sollte, dann nicht, weil die technische Infrastruktur ein anderes System begünstigt oder verlangt, sondern weil die Gesellschaft zu der Erkenntnis kommt, dass Mensch und Natur bessere Strukturen verdienen. Bei einer solchen Betrachtungsweise kann man durchaus die Impulse sehen und aufgreifen, die sich aus technischem Fortschritt ergeben. Aber wenn die Impulse in die negative Richtung steuern, dann muss die Technik gestoppt werden, und zwar so rechtzeitig, dass die Folgen noch nicht unumkehrbar sind. Die Kerntechnik sollte eine Mahnung sein.

Die Prognose, dass aus Märkten Netzwerke, aus Verkäufern und Käufern Anbieter und Nutzer, aus Besitz Zugang wird, wird zum Teil schon durch die Realität bestätigt. Car-Sharing, Streaming, smarte Taxi-Systeme, Crypto-Währungen sind mehr oder weniger frühe Realformen der Shared Economy. Doch ohne kapitalistische Impulse? Im Grunde handelt es sich um einen digitalen Sozialismus, den Rifkin als Zukunftsmodell zeichnet. Aber haben sich derartige Ansätze in der Geschichte nicht immer als Utopien herausgestellt, die nach einer gewissen Zeit zusammenbrechen? Wie gesagt, die Menschen haben auch noch ein Wörtchen mitzureden – zum Glück. Menschen wollen nicht nur benutzen und teilen, sondern auch besitzen.

Es gibt noch eine Passage, die mich veranlasst, die Vollständigkeit des Rifkinschen Weltbildes ein wenig in Zweifel zu ziehen. Es sollen sich möglichst viele Menschen miteinander verbinden, damit die Empathie wächst. Das ist, gelinde gesagt, Unfug. Die überbordenden Verbindungen, die wir derzeit in den sozialen Netzwerken erleben, sorgen auf Grund der unvermeidlichen Anonymität der Kontakte für das genaue Gegenteil von Empathie, nämlich für Hass und Rohheit. Aber um das richtig einzuschätzen, darf man sich nicht nur um Energie, Wirtschaft und techische Infrastruktur kümmern, sondern muss die Menschen mit ihren Stärken und Schwächen in den Vordergrund rücken; das andere ist nachgeordnet. Und in diesem Zusammenhang verbietet sich ja auch die Synthese des Internets der Dinge mit dem Telekommunikationsnetz, in welchem vor allem ein zwischenmenschlicher Informationsaustausch stattfindet. Menschen dürfen niemals von Maschinen gesteuert werden. Und die Konvergenz der Netze, die Rifkin so sehr heraufbeschwört, ist eine schlimme Nivellierung – Menschen auf Maschinenebene.

Und dann ist da noch Rifkins Beratung der chinesischen Regierung. Ich weiß nicht, was er den Machthabern in Peking geraten hat. Entweder haben die nicht auf ihn gehört (warum?), oder sie haben seine Ratschläge befolgt und den schlimmsten Überwachungsstaat in der Geschichte der Menschheit auf die Beine gestellt. Welche Rolle spielt Rifkin? Welche Rolle hat er bei der Beratung von Frau Merkel gespielt? Hat er sogar einen Anteil daran, wenn Frau Merkel in Saarbrücken die Sorge äußert, dass zu viel Datenschutz ein Hindernis auf dem Weg zu Big-Data sein könnte?