Recht auf Unrecht

“Das war ein Riesenstück Arbeit.” So oder so ähnlich beschrieb Angela Merkel die vielstündige Sitzung der Regierungschefs, bei der am Ende das herauskam, was im Grunde vorhersehbar war: Polen und Ungarn wurde das Recht zugestanden, ihre Staaten zu Unrechtsstaaten zu entwickeln. Sicher, das war in der Tat ein Riesenstück Arbeit, denn Europa ist sehr sehr stark, und um es zu zersetzen, muss man schon kräftig in die Hände spucken. Aber Merkel hat es geschafft.

Dabei waren die Chancen, hier endlich mal Klarheit zu schaffen, so gut wie nie. Polen und Ungarn haben bei ihrem gemeinsamen Erpressungsvorstoß hoch gepokert und in dreister Manier ihre empfindlichsten Seiten entblößt.. Es wäre ein leichtes gewesen, die beiden Staaten, die überhaupt nicht zu Europa gehören sondern lediglich Schmarotzer sind, gegen die Wand fahren zu lassen. Aber die raffinierten Lenker in diesen beiden Staaten kennen natürlich Merkel. Sie wissen, dass Merkels Kompromissbereitschaft keine Grenzen kennt. Man kann sich das Getuschel zwischen den beiden vorstellen. Polen: “Kann man das riskieren? Was ist, wenn die anderen einfach ohne uns beschließen? Dann stehen wir ohne Geld da.” Ungarn: “Quatsch. Denk daran, dass Deutschland die Ratspräsidentschaft hat, und Merkel wird niemals nach Hause gehen, ohne einen Kompromiss auszuhandeln, den wir ohne weiteres als Sieg verbuchen können.” Polen: “Au ja, und dann haben wir in Zukunft noch bessere Aussichten.”

Haben sie in der Tat. Tja, so ist das, Frau Merkel. Es wird Zeit, dass Deutschland mal wieder Rückgrat und Haltung zeigt. Und Zeit, dass Europa sich auf den gesunden Kern besinnt. Amputationen scheinen unumgänglich.

Wau wau !

Ich tippe bei meinem Smartphone auf das Icon von Chrome, weil ich einige Informationen über Hochdruckreiniger möchte. Eigentlich bevorzuge ich ja den Firefox, aber der kann auf meinem Android-Phone nicht richtig mit den auf Rasterbasis aufgebauten Webseiten (ein Entgegenkommen an das von Google geforderte responsive design) umgehen; immer wieder bleiben einige Blöcke schwarz. Also wohl oder übel der so beeindruckend unlogisch zu bedienende Chrome-Browser.

Hochdruckreiniger. Ich irre zwischen den Seiten umher. Informationen gibt es kaum, eigentlich nur kommerzielle Kaufangebote. Bei einer Seite bleibt Chrome hängen, wahrscheinlich weil der Verbindungsaufbau nicht klappt. Auf meinem PC würde ich nun den Browser beenden und wieder bei Null anfangen, aber unter Android geht das nicht. Selbst wenn ich auf die Smartphoneseite gehe, wo man alle Apps beenden kann, beharrt Chrome bei einem Neustart auf die angeforderte, zickige Seite – bis zum erlösenden Time-out. Selbst wenn ich das Phone ganz ausschalte, ist nach dem Neustart von Android und Chrome die alte Seite wieder da. Kein beruhigender Startbildschirm, immer irgendwo unterwegs.

Genau das ist natürlich die Absicht von Google und Apple. Es soll keine inaktiven Ruhepunkte geben, immer auf Achse sein, immer in Bereitschaft stehen. Die Konzerne wollen über das Smartphone führen, permanent. Diese Haltung ist Bestandteil des Geschäftsmodells, bei dem es ja auf ständigen Datenverkehr ankommt, und sie ist Bestandteil der Geschäftsauffassung, die danach strebt, die Benutzer nicht mehr zum Nachdenken und kritischen Reflektieren kommen zu lassen. Dynamik, die keinen kritischen Seitenblick zulässt.

In der Tat, über die Smartphones werden die Menschen wie an der Hundeleine geführt. Wenn ich sehe, wie die Leute im Laden oder in der Öffentlichkeit auf ihre Phones starren und darauf herumwischen wie verrückt, dann kommt es mir vor, als müssten sie gleich anfangen zu bellen. Wau wau!

Aber zurück zu den Hochdruckreinigern. Wirklich brauchbare Informationen konnte ich über das Smartphone nicht erzielen, und selbst die Preisangebote der kommerziellen Google-Fundseiten erschienen mir irgendwie nicht eindeutig. Werden einige Angebote immer teurer? Vielleicht sind einige Algorithmen auf mein Interesse aufmerksam geworden und haben dynamisch reagiert. Ich glaube, ich lasse mich doch lieber im Fachhandel vor Ort beraten. Also lege ich das Smartphone zur Seite, d.h. vorher mache ich  das, was ich mit jedem elektrischen Gerät mache, wenn ich es nicht mehr brauche: ich schalte das Ding aus. Und deshalb werde ich die Corona-App nicht installieren. Sie macht ja keinen Sinn, denn mein Smarty ist ausgeschaltet, und die Hundeleine hängt am Haken neben der Garderobe.

Maskerade

Ja, wenn ich es nicht vergesse, hänge ich mir die Maske vors Gesicht, denn ich sehe ein, dass sie einen gewissen (oft überschätzten) Beitrag zu Eindämmung der Corona-Inzidenz leisten kann. Dieses Virus ist dermaßen ansteckend, dass jede Abwehrmöglichkeit in Betracht gezogen werden muss. Was die Proteste gegen die Corona-Maßnahmen betrifft: Ich finde diese Marktschreier mit ihrem dumm-dreisten Querdenkgehabe einfach nur zum Kotzen. Protestieren, weil es dabei so schön in der Buxe kitzelt. Ihr Protest ist so absurd, dass man von einer unterhaltsamen Gesellschafts-Groteske sprechen könnte – wenn es da nicht die gefährlichen Allianzen gäbe. Querdenker, Reichsbürger und AfD-Anhänger – eine verdammt unappetitliche und bedrohliche Zusammenrottung.

Dennoch muss ich kein Freund dieser Masken sein, die man komischerweise als “Alltagsmasken” bezeichnet. Will man damit etwas Alltägliches, etwas Selbstverständliches zum Ausdruck bringen? Das darf es nie werden. Wenn vor einigen Tagen ein Virologe von einem kleinen, nicht wirklich störenden Lappen vor Mund und Nase sprach, dann ist das meines Erachtens ein zynische Bagatellisierung. Eine Bagatelle ist die Maske auf keinen Fall, sie stellt nach meiner Auffassung sogar eine Perversion des menschlichen Miteinanders da. Aber in Notzeiten darf man in der Wahl der Mittel nicht zimperlich sein, das Corona-Virus ist es ja auch nicht.

Was aber unbedingt vonnöten ist: Wir sollten uns immer vor Augen halten, dass die Alltagsmasken nicht mehr als eine vorübergehende Schutzmaßnahme sein können und dürfen. Sollte es gelingen, das Virus demnächst endgültig auf die chinesischen Wochenmärkte zurückzudrängen (oder ins Virenzentrum von Wuhan?), dann sollten wir uns alle ganz schnell die Masken vom Gesicht reißen. Eine Maskerade auf Dauer, etwas infolge eines Gewöhnungseffektes, wäre schlimm für die Gesellschaft, die ohnehin schon infolge der Digitalisierung immer unpersönlicher wird.

Werkzeuge

Ein nahezu fanatischer Internetanhänger wurde in einer TV-Gesprächsrunde mit den Schäden konfrontiert, die der Smartphonegebrauch insbesondere bei Kindern und Jugendlichen anrichten kann. Seine Antwort darauf war der Vergleich mit einem Hammer. Mit einem solchen Werkzeug könne man viel Nützliches zustande bringen, aber man könne damit aber auch anderen Menschen den Kopf einschlagen. Es komme also auf den richtigen Gebrauch des Werkzeugs an.

Und so denke ich drüber nach, wie man richtig mit Werkzeugen umgeht. Man pflegt sie, klar. Man schließt sie weg, wenn damit Unfug getrieben werden kann. Man beachtet die Sicherheitsvorkehrungen. Man legt es nach Gebrauch an den dafür vorgesehenen Platz, damit es immer griffbereit ist. Und wenn es ein elektrisches Werkzeug ist, dann schaltet man es vor dem Gebrauch ein und nach dem Gebrauch wieder aus. Ist doch logisch, oder?

Genau so handhabe ich mein Smartphone, ein in bestimmten Situationen durchaus nützliches Werkzeug. Wenn ich telefonieren oder sonstwas damit machen will, schalte ich es ein, verwende es und schalte es danach wieder aus. Wenn ich vermute, dass ich es unterwegs gebrauchen könnte, stecke ich es ausgeschaltet in die Tasche. Meistens bleibt es im ausgeschalteten Zustand, denn für das meiste, was ich unterwegs machen kann, gibt es bessere Geräte. Also – wo ist das Problem?

Eines allerdings werde ich nie machen. Ich werde mich nie von einem ständig eingeschalteten Smartphone durch die Gegend treiben lassen. ICH bestimme mein Leben, nicht mein Smartphone, und zu einem selbstbestimmten Leben gehört neben der Privatsphäre [1] auch die Möglichkeit, mich unerreichbar zu machen. Meine Freunde haben damit kein Problem; sie wissen, wann und wie ich erreichbar bin. Unerwünschte Anrufer mögen sich vielleicht ärgern. Sollen sie.

Habe ich nun deutlich genug zum Ausdruck gebracht, warum ich die Corona-App nicht installiere?

[1] Das Smartphone ist eine äußerst wirkungsvolle Abhöranlage, nur übertroffen vom SmartHome und dicht gefolgt vom smarten Auto.

Ach ja, der Lindner

Vor etlichen Jahren war mein Verhältnis zur FDP noch weitgehend ungetrübt. Immerhin war die Partei für mich wählbar, sozusagen als Ausweichmöglichkeit, wenn in meiner Stammparteil mal wieder zu viel Mist fabriziert wurde. Zu der Zeit bestimmten noch große Namen das Geschehen in der F.D.P: Heuss, Genscher, Baum usw. Mit Westerwelle, dem Vetreter der “Besserverdienenden”, war dann Schluss mit der FDP. Finito, endgültig. Freiheit hat sehr viele Gesichter, auch edle, aber unbeschränkter Wirtschaftsliberalismus ist eher eine Fratze.

Und nun der Lindner. Neulich fragte mich ein guter Bekannter nach meinen politischen Ansichten. Ich erklärte ihm, dass ich es kurz machen könne. Er solle sich einfach anhören, was der FDP-Lindner so vertrete, und meine Ansichten seien genau entgegengesetzt zu denen des Herrn Lindner, in jeder Beziehung. In jeder. So kann einem also auch ein Andersdenkender Orientierung geben, man muss nur den Maßstab um 180° drehen.

Jetzt ist aber dieses vermeintlich eindeutige Gefüge durcheinander geraten, denn der Linder hat verlauten lassen, dass die Corona-Ladenbeschränkungen (Quadratmeter pro Kunde usw.) ein “Verödungsprogramm für die Innenstädte” und ein “Programm, die Marktanteile von Amazon in noch höhere Höhen zu schrauben” seien. Verdammte Kiste, da hat er recht, der Lindner. Und das irritiert mich, denn immer wieder betont er (fast in jedem 3. Satz), wie wichtig die Digitalisierung sei. Der kann fast gar nichts mehr begründen, ohne den qualvollen Mangel an Digitalem in seine Begründungskontexte einfließen zu lassen.

Nun ist es aber so, Herr Lindner: Amazon ist keine unerwünschte Nebenwirkung der Digitalisierung, sondern Amazon IST Digitalisierung. Wie passt das zusammen, bzw. was vertreten Sie eigentlich? Auch die sich leerenden Innenstädte, von Corona mal abgesehen. Diese Leere ist keine Folge der Digitalisierung, sondern Digitalsierung definiert sich über den schrumpfenden Verkehr in den Städten. Digitalisierung ersetzt das Treiben auf den Straßen durch ein Treiben im Netz, das ist einer ihrer Wesenskerne. Warum also jammern? Wer sagt, er wolle digitalsieren, sagt gleichzeitig, er wolle die Menschen von den Straßen holen, quasi aus dem öffentlichen Verkehr holen und vor dem privaten Bildschirm platzieren bzw. ans Smartphone ketten. Was anders ist denn das HomeOffice bzw. das HomeSchooling (Scheißwort)?

Und so weicht mein politisches Feindbild auf, wird wabbelig, kann mich nicht mehr stützen und motivieren. Orientierungslos suche ich nach dem richtigen Weg. Es sei denn … Ja, das wird es sein. Wenn der Linder von “Digitalisierung” schwärmt, dann meint er vielleicht nur bestimmte Aspekte der Digitalisierung (obwohl das Abtrennen praktisch unmögllich ist). Vielleicht meint er nur das, was schlaue Leute, die in die Zukunft schauen können, mit “Industrie 4.0″ bezeichnen und das Ganze auch schon in superweiser Voraussicht als “Revolution” einordnen. Sei’s drum. Es wäre aber wünschenswert, wenn Herr Lindner dann nicht verallgmeinernd von “Digitalisierung” sprechen würde, sondern sich etwas präziser ausdrücken würde. Er könnte seine Ziele ja mit dem Begriff “digitale Transformation in den Produktions- und Wertschöpfungsketten” beschreiben. Dann wüsste jeder, was er meint. Seine Nähe zum liberal ausgerichteten Industrie-Management sollte doch geeignet sein, u.a. seinen Sprachschatz zu erweitern, oder? Und wenn er seinen geliebten Managern mal genauer aus Maul schaut, dann findet er sicher noch eine Möglichkeit, den Begriff “Skalierung” hineinzubasteln. Viel Erfolg.

Vogelkacke

Als der Gauland die Nazizeit als Vogelschiss in der ruhmvollen (oder so), deutschen Geschichte bezeichnete, schlugen die Wellen hoch. Wie kann man nur! Ich muss ehrlich gestehen, dass ich diesen Vogelkackvergleich als ziemlich pfiffig empfand. Nur in der Anwendung dieser Metapher hat er wohl die falsche Blickrichtung gehabt.

Denn: Alle Verbrechen, Kriege und Fehlentwicklungen der gesamten Menschheitsgeschichte zusammengenommen sind nur ein Vogelschiss, verglichen mit dem, was im vorigen Jahrhundert von Deutschland ausging. Gibt es überhaupt ein Wort, um diese teuflische Entartung alles Menschlichen angemessen zu beschreiben? Verbrechen? Wohl kaum, viel zu schwach, dieser Begriff. Vielleicht kann man vom Bösen schlechthin sprechen, vom schlimmsten, wozu Menschen überhaupt imstande sind.

Kann man dieses Böse überhaupt fassen? Kann man es aufarbeiten? Vielleicht kann man die Menschen verstehen, die Jahrzehnte lang nicht imstande waren, die Nazizeit aufzuarbeiten. Viele Richter, Ärzte, Beamte haben in den Jahrzehnten nach Kriegsende einfach weitergemacht, als wären sie immer rechtschaffene Bürger gewesen. So, als wäre ihr böses Verhalten während der 12 Kernjahre nur eine Rolle gewesen, in die sie hätten schlüpfen müssen. Aufarbeitung? Fehlanzeige. Erst Ende des Jahrhunderts, als nur noch wenige kleine Fische zu fassen waren, traute man sich daran. Irgendso ein Mensch, einer, der auf dem Turm eines Konzentrationslagers Wache schob, den konnte man noch schnappen und vorführen, nach Jahrzehnten des Schweigens und Verdrängens. Gefahr für die eigentlich Bösen bestand da nicht mehr, die hatten inzwischen ihr Leben ungeschoren zu Ende gelebt.

Vielleicht sollte man sich mal wieder vor Augen führen, wer denn das Böse verkörperte. Hi-Hi-Gö-Gö, also Hitler, Himmler, Göbbels, Göring? Ja, ja, ja, natürlich, aber diese Kerntruppe hat es schon reichlich abgekriegt, zu Recht natürlich. Wie wär’s mal mit einem Blick in die zweite Reihe: Da haben wir den Josef Mengele, der (und viele andere) den Berufsstand der Ärzte total pervertierte und die chirurgischen Instrumente nicht zum Heilen, sondern zum Töten und Foltern benutzte. Da haben wir den Roland Freisler, der als Vorsitzender des Volksgerichtshofs geradezu satanisch auftrat und dabei das Recht in den Boden stampfte. Da haben wir den Julius Streicher, den widerlichen Wegbereiter des Antisemitismus, der in seinem “Stürmer” die wahnwitzigen Zerrbilder von Juden zeichnete. Ja, diese Leute stehen genau so für das Böse wie das HiHiGöGö-Quartett.

Wer denkt noch an Adolf Dieckmann, der in Orodur-sur-Glane den Befehl gab, alle Bewohner des Ortes auf brutalste Weise umzubringen? Wer denkt noch an das Massaker von Lidice, wo alle 184 Männer des Dorfes erschossen und die Frauen und Kinder verschleppt wurden? Nur ein Randereignis in dem unendlichen Leiden des Zweiten Weltkrieges mit vielen Millionen Opfern? Etwas zum Gedenken und Nichtvergessen? Da hat, verdammt noch mal, jemand den Befehl gegeben, obwohl die Massaker nichts mit dem Kriegsgeschehen zu tun hatten. Wer war das? Wer macht sich heute noch die Mühe, diese Verantwortlichen überhaupt ausfindig zu machen? Und die genannten Massaker sind nur zwei von hunderten Tötungsorgien, bei denen einer den Befehl gab, mehrere den Befehl weiterreichten und viele Befehle und Morde ausführten – jenseits des Kampfgeschehens, obwohl der Krieg an sich bereits ein gigantisches Verbrechen war.

Wer denkt noch an die SS-Schergen der Einsatzgruppen, die ihre widerlichsten Instinkte auslebten, als sie genüsslich hinter den Frontlinien alles massakrierten, was jüdisch oder sonstwie verdächtig vorkam? Wer denkt noch an die vielen braven Bürger, die das Feinbild des Juden dankbar aufgriffen und endlich Gelegenheit hatten, ihre Agressionen an jemand auszulassen? Viele, zu viele, viel zu viele haben mitgemacht, gerne mitgemacht. Fast ein ganzes Volk hat sich dem Bösen angeschlossen – aus Schwäche, aus “Pflichtbewusstsein”, aus blindem Eifer, aus niederen Instinkten, aus Mordlust, aus bequemem Ignorieren des im Grunde Offensichtlichen. Auch aus Angst, ja.

Nein, Herr Gauland, wenn Sie all dieses Böse zusammenwerfen, dann ergibt es einen Berg von Unrat. Die anderen schlimmen Vorgänge in der Weltgeschichte sind dagegen nur kleine Häufchen. Und ja, wenn heute wieder Nationalisten grölend durch die Straßen marschieren, wenn heute wieder Typen mit neonazistischer Gesinnung in den Landtagen ihre Parolen auskotzen und “Deutschland über alles” brüllen, dann habe ich Probleme, mich als Deutscher zu fühlen.

Nun gibt es Nationalismus ja auch anderswo, aber wenn Donald Trump in Amerika mit seinem “America first” die Massen fesselt, dann kann man das als populistisch, destruktiv, gefährlich, erbärmlich finden, je nachdem, wie weit man auf das Niveau von Trump hinuntersteigt, doch es ist etwas ganz anderes als wenn in Deutschland, dem Erben des Bösen, jemand das “Germany first” propagiert. Nicht wahr, Frau von Storch? Ach ja, da fällt mir ein: Ist Beatrix von Storch nicht in derselben Partei wie der Vogelschiss-Alexander?

 

Leute angucken

Dass ich die derzeitige Internet-Euphorie nicht mittrage, sollte ich inzwischen hinreichend erläutert haben. Das schließt aber nicht aus, dass das Internet in bestimmten Fällen ganz nützlich sein kann. Nützlich, mehr nicht.

Beispiel: Nachdem diese Tage einige querdenkende Banausen im Reichstagsgebäude die Demokratie bespuckten, wurde ich sehr neugierig: Wer hat zugelassen, dass diese Idioten einfach so im Gebäude randalieren konnten? Klar, einige Abgeordnete der AfD, die die Typen eingeladen hatten und sich damit zu dem zerstörerischen Banausentum bekannt hatten. Die Abgeordneten sind namentlich bekannt: Udo Hemmelgarn, Petr Bystron, Hansjörg Müller.

Wie oft, wenn nur Namen im Raum stehen, die Personen dahinter noch unbekannt sind, möchte man in die Gesichter der Leute schauen. So auch ich. Und jetzt bewährte sich das Internet, mit dessen Hilfe ich mir einen guten Eindruck von diesen drei Typen verschaffen konnte, auch von den platten, maroden Auffassungen, denen sie folgen. Ausgesprochen widerlich und streckenweise auch gefährlich. Namen und Gesichter, die sich mir einprägen werden.

Eine Anmerkung noch zu den “Querdenkern”, aus deren Reihen die AfD-Strategen ihre Störenfriede rekrutierten. Querdenken an sich finde ich toll, es ist die Voraussetzung für eine lebendige Debatten- und Oppositionskultur. Aber was diese Chaotentruppe, die den Begriff für sich instrumentalisiert hat, vertritt, ist so blöd, dass man deren Gedankengänge im Grunde nicht verstehen kann. Natürlich sind die Masenkenpflicht und andere Maßnahmen ein Eingriff in die Grundrechte. Auch ich finde die Masken zum Kotzen. Aber sie sind notwendig. Und wenn wir schon bei den Grundrechten sind: Warum, zum Beispiel, wehren sich die Querdenker nicht gegen die Vorschrift, rechts fahren zu müssen? Ist doch eine Einschränkung der Bewegungsfreiheit, oder? Das nur als eines von 1000 denkbaren Beispielen, die die ganze Absurdität der Querdenker und die destruktiven Absichten der einladenden Abgeodneten demonstrieren können.

Rückgrat gefragt

Europa – hat die Menschheit in ihrer Geschichte jemals etwas Großartigeres zustande gebracht? Ich denke, nein, und doch steht Europa auf der Kippe, denn es ist schlecht konstruiert. Ausgesprochen miserabel konstruiert. Was nützt die tollste Idee, wenn es keine wirksamen Instrumente gibt, sie umzusetzen. Eine der absoluten Schwachpunkte in dem Staatenkonstrukt ist das Vetorecht, das jedem Strörenfried erlaubt, mit einer einzigen Stimme alles kaputt zu machen, während für die Durchsetzung von vernünftigen Plänen die Zustimmung aller erforderlich ist. Nichts ist absurder als das Vetorecht, wobei es die Planer von Europa hätten wissen müssen. Schließlich hatten sie das negative Vorbild des UNO-Sicherheitsrates vor Augen.

Nun haben wir den Salat. Zwei Staaten, nämlich Polen und Ungarn, legen ihr Veto gegen den Corona-Rettungsmechanismus und den europäischen Haushalt ein. Und weshalb? Weil sie ihr Recht auf einen Unrechtsstaat sichern wollen. Man kann es auch so sagen: weil sie zwar von Europa profitieren wollen, aber nicht bereit sind, sich den Werten Europas zu bekennen. Geht’s noch widerlicher?

Aber es gibt bereits wieder Stimmen, die nach Angela Merkel rufen, die ihr Talent zum Kompromisseschließen in Anspruch nehmen wollen, damit die Protagonisten in Ungarn und Polen vielleicht, wenn man hübsch bittet und einige Zugeständnisse macht, doch noch bereit sind …

In aller Deutlichkeit: So grundlegende und wichtige Werte wie die Rechtsstaatlichkeit aller Mitgliedsstaaten dürfen niemals einem Kompromiss untergeordnet werden. Nicht mal andeutungsweise. Und wenn die beiden um Legitimation von Unrecht bemühten Länder den Haushalt blockieren, dann muss Europa das hinnehmen und sich um Lösungen bemühen, die nicht in den Scheiß-alle-Stimmen-Mechanismus fallen. Was spricht dagegen, wenn die bessergestellten Staaten sich auf Solidarität besinnen und den arg durchgeschüttelten Staaten im Süden unter die Arme greifen? Man muss ja nicht unbedingt Hilfsgelder nach Warschau oder Budapest überweisen. Jenseits der schlecht konstruierten offiziellen Strukturen gibt es noch ein Europa der unbürokratischen Solidarität. Man muss es nur sehen.

Somit ist von Frau Merkel nun Rückgrat gefragt, nicht ihre Kompromissfähigkeit. Und alle Verantwortlichen tun gut daran, sich folgendes vor Augen zu führen: Europa geht nicht zugrunde, wenn es mal im Haushalt hakt. Doch ohne konsequente Durchsetzung der Rechtsstaatlichkeit wird Europa auseinanderfallen, weil das Rückgrat morsch wird.

Endlich weiß ich, warum …

… wir in dieser furchtbaren Misere stecken. Dabei ist die Ursache doch eindeutig auszumachen: Wir digitalisieren nicht gründlich und vor allem nicht schnell genug. Jeder Mensch weiß doch, wie überlebenswichtig die Vernetzung von allem und jedem ist, und es gibt auch genügend Leute, die lautstark und unermüdlich darauf hinweisen. Der Lindner zum Beispiel. Kaum ein Statement, in dem nicht das Wort “Digitalisierung” vorkommt. Andere Politiker reden vielleicht nicht so oft davon, aber nicht minder eindringlich. Und die wissenden Medien erst mal.

Also, Deutschland, das sich zunehmend als digitales Entwicklungsland darstellt, kann sich nicht mit Unwissenheit rausreden. Vielleicht mit Unfähigkeit? Egal, jedenfalls liefert die zu schwache Digitalisierung die Antwort auf einige quälende Fragen. Zum Beispiel auf die Frage, warum wir in technischer Hinsicht überhaupt nichts zu bieten haben. Ja, ein paar Autos, die eher ins letzte Jahrhundert passen, aber sonst? Keiner will so richtig die in Deutschland hergestellten Klamotten kaufen. Klar, kann ja auch nicht anders sein, bei derartigen Rückständen in der Digitalisierung. Da bringt man nichts Vernünftiges zustande. Wer kauft denn noch Waren aus Deutschland?

Und dann die mangelhaften Schulerfolge. Kann ja auch nichts werden bei einer pädgogischen Grundeinstellung, die seit jeher mit technischen Innovationen fremdelt. Nix mit einer einer vernünfigen digitalen Pädagogik; stattdessen klammert man sich an eine uralt-analoge Blickkontaktpädagogik, mit Lerngruppen und sowas. Ohne Digitalisierung wird demnächst kein Mensch mehr 2 und 2 zusammenzählen können. Äußerst gefährlich!

Und dann das verheerende Gesundheitswesen. Zu den schlecht bezahlten Pflegekräften gesellt sich vor allem eine miserable gesundheitliche Infrastruktur. Längst schon sollte die Gesundheitskarte und damit die digitale Vernetzung aller Patienten Standard sein. Dann hätten wir auch nicht die unerträglich hohen Todesraten und den miserablen allgemeinen Gesundheitszustand im Lande. Aus dem Ausland traut sich ja kein Mensch mehr ins Land, aus Angst vor Siechtum und schlechter Versorgung. Wie toll wäre doch unser Gesundheitssystem, wenn wir rechtzeitig und gründlicher digitalisiert hätten.

Und nicht zu schweigen, wenn es um Verbrechensbekämpfung geht. Langfinger, Clans und messerschwingende Mordgesellen toben sich in Deutschland aus, und zwar warum? Klar doch, weil wir zu wenig digitale Kontrollmechanismen installiert haben. Die Polizei fordert’s doch ständig. Und so dürfen wir uns nicht wundern, wenn überalll übelriechende Leichen im Weg liegen. Tja, und wenn wir digital aufrüsten würden, dann bekämen wir höchstwahrscheinlich auch das Übel des wuchernden Kindesmissbrauchs in den Griff.

Usw. Die bessere Welt liegt doch so greifbar nahe vor uns, wir müssen nur den entscheidenden Schritt tun. Stopfen wir, um den Anfang zu machen, endlich die Glasfaserlücke zwischen Schulze-Brömmelkamp und der Milchkanne vom Schultenhein. Beenden wir das unwürdige Siechtum der Menschen, die in diesem Loch vegetieren müssen.

Immer dabei

Gemeint ist das Smartphone als ständiger Begleiter des Menschen. So jedenfalls sieht es unsere Sparkasse, wenn sie auf der Internetseite für das bargeldlose Bezahlen mit dem Smartphone wirbt. Scheinen gut beobachtet zu haben, die Macher in den Sparkassen-Chefetagen.

Nur mich haben sie wohl übersehen. Kein Wunder, ich bin ja ein komischer Kauz von wahrlich untergeordneter Bedeutung, wirklich leicht zu übersehen. Jedenfalls habe ich mein Smartphone nicht ständig dabei, eigentlich nur selten. Vielleicht liegt’s daran, dass ich das Smartphone nicht als ständigen Begleiter des Menschen betrachte, sondern den Menschen als ständigen Begleiter des Smartphones. Denn das Smartphone gibt für die meisten Bürger den Lebenstakt an und sagt dem Benutzer, wo es langzugehen hat. Und da ich nicht nur unscheinbar bin, sondern außerdem noch störrisch, muss ich selbst überlegen, wohin ich meine Füße stelle, auch wenn’s nach heutige Maßstäben nicht sehr komfortabel ist. Aber es ist die wohltuende Freiheit eines kleinen, unbeachteten Mitbürgers.

Das Smartphone hat seine(n) Benutzer(in) immer dabei. Mich nicht, weil ich mein Smartphone nicht immer bei mir habe. Wohltuende Trennung, und so einfach.